The Girls – Emma Cline

10. September 2016 0 comment

Emma Cline greift in ihrem Debütroman The Girls das Phänomen der Manson Family auf und erhielt aufgrund dessen den unglaublichen Vorschuss von zwei Millionen Dollar. Dennoch steht im Mittelpunkt des Romans nicht Charles Manson und auch Russell, der in The Girls auftretende Kommunenführer, nimmt nur eine Nebenrolle ein. Zentrum der Geschichte ist die vierzehnjährige Evie Boyd. Verzweifelt sehnt sie sich danach zu einem „Wir“ zu gehören und von anderen Menschen gesehen zu werden. Als sie die unnahbar und so anders scheinende Suzanne kennen lernt, scheint sich ihr Wunsch endlich zu erfüllen.

„Wie heißen Sie gleich nochmal?“
„Evie Boyd“, sagte ich, und der Ausdruck, der plötzlich in sein Gesicht trat, überraschte mich: zum Teil Wiedererkennen, aber auch echtes Interesse.
„Moment mal“, sagte er. Er nahm den Arm von den Schultern des Mädchens, und sie wirkte, als fühlte sie sich von ihm verlassen. „Die sind Sie?“

Die erwachsene Evie Boyd lebt arbeitslos und noch immer von Ängsten geplagt im Strandhaus eines Freundes und erzählt in Rückschau aus dem Sommer 1969. Sie ist vierzehn, ihre Eltern haben sich getrennt, mit ihrer einzigen Freundin ist sie zerstritten und bald wird sie die Schule wechseln und auf ein Internat gehen als sie Suzanne, umgeben von anderen Mädchen, zum ersten Mal sieht und sofort fasziniert ist.

Anfänglich kalt und abweisend führt Suzanne sie dennoch in die Kommune ein und nichts kann Evie abschrecken. Nicht das verwahrloste Grundstück oder die Kinder, die losgerissen von ihren Eltern aufwachsen, die fehlende Hygiene, der Alkohol oder die Drogen. Selbst das sexuelle Aufnahmeritual durch den Sektenführer Russell empfindet sie als „schicksalhaft“. Zu stark ist ihre Faszination für Suzanne und diese andere Welt, die Unzufriedenheit mit ihrem bisherigen Leben. Und man spürt, wie sich Evie verändert. Sie übernimmt Verhaltensweisen der anderen Mädchen und entfernt sich von ihrem bisherigen sozialen Umfeld. Evie verbringt mehr und mehr Tage und Nächte in der Kommune – aber auch die Kommune verändert sich. Doch Evie ist bereits zu geblendet von der Utopie der grenzenlosen Liebe.

Als sie schließlich erschien, war etwas anders. Ich brauchte einen Augenblick, bis ich begriff, dass sie den Lippenstift meiner Mutter trug, und als sie merkte, dass ich es merkte, war es, als hätte ich einen Film unterbrochen, den sie gerade schaute. Ihr Gesicht verzückt vom Vorgefühl eines anderen Lebens. – S. 38

Besonders beeindruckend ist es, wie einfühlsam und wahr Cline mit ihren siebenundzwanzig Jahren das Innenleben eines erst vierzehnjährigen Mädchens und das einer erwachsenen Frau beschreiben kann. In der Handlung und in den Gefühlen der Protagonisten ist alles nachvollziehbar; alles fühlt sich beim Lesen wahrhaftig und nicht gewollt an. Den Einbau einer zweiten Handlungsebene mit der erwachsenen Evie Boyd, in der sie ihr Leben reflektiert, finde ich sehr gelungen und zeigt, dass nicht alles im Leben erklärbar ist. Wieso gibt ein Mensch sein eigenes Leben, sein Ich aus der Hand? Wäre auch sie fähig zu dem gewesen, was die anderen Mädchen getan haben? Hätte sie mitgemacht, wenn sie dabei gewesen wäre? Sie ist von Ängsten und Zweifeln geplagt, aber dennoch bereut sie nicht alles, sie vermisst diese Zeit und ist im Grunde immer noch das unsichere, sich nach Aufmerksamkeit sehnende Mädchen.
Das große Manko an diesem Buch ist für mich Clines – in so vielen Fällen hoch gelobter – Stil. Auf jeder Seite finden sich unzählige Vergleiche und sprachliche Bilder wieder. Sie schreibt Sätze, die grammatikalisch keine Sätze sind, setzt Punkte dort, wo Kommata hingehören und lässt Personalpronomen weg. Was an einzelnen Sellen sehr schön zu lesen ist, war mir in diesem Buch zu viel. Diese gekünstelte Art zu Schreiben hat mich sehr gestört. Einige Stellen haben mich sprachlich dennoch begeistern können.

Obwohl die Handlung des Buches, da es sich in vielen Bereichen stark an die wahre Geschichte der Manson Family anlehnt, weitestgehend bekannt ist und der Leser von der ersten Seite an eine Ahnung hatte, wie das Buch enden wird, ist es auf jeder Seite spannend. Die Dynamik der Handlung, in der Gegenwart und Vergangenheit miteinander verwoben werden, lässt bis zur letzten Seite nicht nach.

 

The Girls ist weniger eine Aufarbeitung der Hippiekommune rund um Charles Manson. Vielmehr zeigt Emma Cline in ihrem Debüt, wie empfänglich Jugendliche für die Verführung fanatischer Sekten sein können und wie entscheidend es ist, im Leben den richtigen – oder falschen – Menschen zu begegnen. Ein interessantes Debüt, dessen Stärken durch den gekünstelten Stil der Autorin leider überschattet werden.

 

The Girls – Emma Cline

Verlag: Hanser Verlag
Erscheinungsdatum: 25.07.2016
Übersetzer: Nikolaus Stringl
ISBN: 978-3-446-25268-4
Seiten: 352

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