Seide – Alessandro Baricco

29. September 2016

Der italienische Schriftsteller Alessandro Baricco erzählt in Seide die Geschichte eines französischen Mannes, der für die in seinem Heimatdorf ansässige Seidenspinnereien Reisen über verschiedene Kontinente unternimmt, um Seidenraupen zu kaufen. Mehrere Reisen verschlagen ihn nach Japan, wo er eine junge japanische Frau sieht und sich in sie verliebt. Wieder und wieder führen ihn seine beschwerlichen Reisen nach Japan.

„Nicht einmal ihre Stimme habe ich je gehört.“
Und nach einer Weile: „Es ist ein sonderbarer Schmerz.“
Leise.
„Vor Sehnsucht nach etwas zu vergehen, das man nie erleben wird.“ – S. 116

Mitte des neunzehnten Jahrhunderts zieht der Unternehmer Baldabiou nach Frankreich in ein beschauliches Dorf und siedelt dort mehrere Seidenspinnereien an. Bald wird Lavilledieu zum Zentrum der europäischen Seidenproduktion. Baldabiou heuert Hervé Joncour an, der als Sohn des Bürgermeisters seine militärische Laufbahn aufgibt, und in die Seidenproduktion einsteigt. Hervé unternimmt zahlreiche Reisen nach Afrika, um Seidenraupen zu kaufen, doch als in Europa und Afrika die Nosemose ausbricht, ist das neue Ziel der Reisen eine andere Welt: Japan. Dort trifft er sie nach einer beschwerlichen Reise zum ersten Mal. Ohne ein Wort und nur mit zaghaften Blicken und kleinen Gesten, erreicht sie das Herz des Franzosen und es entwickelt sich eine Liebesgeschichte, die so zart und hauchdünn ist, wie das Buch selbst.

Tausendmal suchte er ihre Augen, und tausendmal fand sie die seinen. Es war eine Art trauriger Tanz, heimlich und ohnmächtig. – S. 74

Der beschauliche Roman mit seinen 144 Seiten ist in 65, meist nur eine halbe bis zwei Seiten lange Kapitel geteilt. Dadurch erhält die Geschichte, die sich über mehrere Jahre erstreckt, einen mitreißenden Schwung. Der von Baricco eingesetzte Stil erhöht diese Leichtigkeit. Seine Sprache ist präzise und durch kurze Sätze geprägt. Einige Szenen, wie etwa die Hin- und Rückreisen nach Japan wiederholen sich und geben dem Roman damit eine ganz eigene Melodie. Hingerissen war ich besonders von dem Zusammenspiel der titelgebenden Seide und dem Stil Bariccos. Die Leichtigkeit und Transparenz dieses Stoffes zieht sich durch den gesamten Roman und so sind es nicht nur ihre Hände, sondern auch der weiche Stoff von Seide, die seine Haut berühren.

In dem Raum war alles so still und reglos, dass das, was unversehens geschah und gleichwohl ein Nichts war, wie eine Ungeheuerlichkeit wirkte.
Ohne die leiseste Regung
schlug dieses Mädchen
plötzlich
die Augen auf. – S. 33

Die Liebesgeschichte, die sich zwischen Hervé Joncour und der japanischen Frau entspinnt, lebt von Andeutungen, zaghaften Blicken und kleinen Gesten. Während des gesamten Romans wechseln die beiden kein Wort miteinander. Es gibt kaum Liebkosungen, keine Küsse und keinen Sex. Und dennoch durchzieht die Geschichte eine verblüffende Intimität: So trinkt sie von der gleichen Stelle, an der seine Lippen gelegen haben, aus seiner Tasse und bringt ihm ein anderes Mädchen. Die Beziehung lebt von Ersatzhandlungen und ist dennoch so nah, wie wenige.

Das Mädchen hob sanft den Kopf.
Zum ersten Mal wandte sie ihren Blick von Hervé Joncour und richtete ihn auf die Tasse.
Sie drehte sie langsam, bis ihre Lippen genau die Stelle erreichten, von der er getrunken hatte.
Sie schloss die Augen und trank einen Schluck Tee.
Dann nahm sie die Tasse von den Lippen.
Sie ließ sie dorthin zurückgleiten, wo sie sie aufgenommen hatte.
Ihre Hand verschwand unter dem Kleid. – S. 35

Seide ist eine berührende Geschichte, die auf knapp einhundertfünfzig Seiten mehrere Jahre umreißend nicht an Spannung und Tiefgründigkeit verliert. Der Autor brilliert auf jeder Seite durch einen unvergleichlichen Stil, der dem Roman etwas poetisches verleiht und ihn zu etwas ganz Besonderem macht. Mit Seide hat Baricco einen Roman geschaffen, der mich bis ins Innere berührt und auch nach dem Weglegen nicht losgelassen hat.

Details zum Buch

Seide – Alessandro Baricco
Verlag: Hoffmann und Campe
Erscheinungsdatum: 27.02.2016 (Ersterscheinung: 1996)
Übersetzer: Karin Krieger
ISBN: 978-3-455-40560-6
Seiten: 144

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