Der Horizont – Patrick Modiano

7. Oktober 2016

Patrick Modiano, französischer Schriftsteller und Nobelpreisträger für Literatur, ist bekannt für seine fragmentarischen und poetischen Romane, in denen er Themen wie Vergessen, Schuld und Erinnerung aufgreift. Mit Der Horizont hat er 2013 einen weiteren Roman geschaffen, der in seiner Kürze durch Erinnerungen an die Vergangenheit geprägt ist und seine Leser in ein Paris der sechziger Jahre entführt: Bei einer Demonstration stoßen zwei Menschen zufällig zusammen – die mysteriöse, undurchdringliche Margaret Le Coz und der angehende Schriftsteller Jean Bosmans. Er arbeitet in einem Buchhandel, sie als Sekretärin in einer dubiosen Firma und als Gouvernante. Beide sind auf der Flucht vor ihrer Vergangenheit und werden kurze Zeit später ein Paar. Doch dann flieht Margaret Hals über Kopf aus Paris und Bosmans bleibt zurück. Vierzig Jahre später spürt er seiner und ihrer Vergangenheit in den Straßen von Paris nach.

Doch während er den Lauf der Zeit zurückverfolgte, spürte er zuweilen ein Bedauern: Warum hatte er diesen Weg eingeschlagen und nicht einen anderen? Warum hatte er zugelassen, dass sich dieses Gesicht oder jene Silhouette, die eine lustige Pelzkappe trug und ein Hündchen an der Leine führte, im Unbekannten verlor? Schwindel erfasste ihn bei dem Gedanken an das, was hätte sein können und nicht gewesen war. – S. 8

Der Kurzroman ist von Erinnerungsstücken und Fragmenten durchzogen, die verworren ineinander greifen und eine Geschichte bilden, die rätselhafter und vieldeutiger nicht sein könnte. Die Handlung wird nicht chronologisch beschrieben, sodass sie einem Puzzle gleich erst zum Ende – obgleich lückenhaft – ein vollständiges Bild ergibt. Der Autor wechselt dabei zwischen Imperfekt und Präsens. Der Leser bleibt mit ungelösten Rätseln und unbeantworteten Fragen zurück.

Er hatte das Gefühl, an einem Kreuzungspunkt seines Lebens anzulangen, oder vielmehr an einem Saum, von wo er sich aufschwingen könnte in die Zukunft. Zum ersten Mal hatte er im Kopf das Wort: Zukunft, und ein anderes Wort: der Horizont. – S. 86

Nachdem ich einige Startschwierigkeiten hatte und das Buch noch einmal von vorn beginnen musste, habe ich mich auf jeder Seite wohler gefühlt. Modiano hat eine ganz eigene Art zu schreiben, die für den einen oder anderen vielleicht gewöhnungsbedürftig, aber wunderschön und für mich in dieser Art bisher einzigartig ist. Für mich ist Der Horizont der erste Roman dieses Autors, den ich gelesen habe und er wird bestimmt nicht der letzte gewesen sein.

Mit Der Horizont hat Modiano einen Roman geschaffen, der zeigt, wie schwer es ist, sich von der eigenen Vergangenheit und einer Liebe zu lösen. Diejenigen, die greifbare Handlungen bevorzugen, werden sich bei diesem Buch vermutlich langweilen, allen anderen sage ich: Lest es!

Details zum Buch

Der Horizont – Patrick Modiano
Verlag: dtv
Erscheinungsdatum: 1. Mai 2015 (Ersterscheinung 2013)
Übersetzer: Elisabeth Edl
ISBN: 978-3-423-14405-6
Seiten: 184

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1 comment

Isa 14. Oktober 2016 at 10:56

Das Buch hört sich wirklich interessant an! Vielleicht wird das meine nächste Lektüre. 🙂

Liebe Grüße
Isa

iisabelsophie.blogspot.de

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