Schlaflose Nacht – Margriet de Moor

15. Oktober 2016 2 comments

Dreizehn Jahre ist es her, dass ihr Ehemann sich in seinem Treibhaus in den Kopf schoss und somit das Leben nahm. Nur vierzehn Monate hat ihre Ehe gedauert, bis Ton sie ohne ein Vorzeichen und ohne Abschied beendet. Seitdem quälen sie die schlaflosen Nächte, in denen sie in der Küche steht, bäckt und kocht und sich erinnert, verzweifelt nach dem Warum sucht. Bereits 1989 erschien die Novelle der niederländischen Autorin Margriet de Moor unter dem Titel Auf denm ersten Blick. Dieses Jahr erschien ihre Novelle erneut – überarbeitet, neu übersetzt und mit dem neuen Titel Schlaflose Nacht.

Niemand hätte gedacht, dass sie danach in dem kleinen Dorf, in diesem Haus bleiben würde. Aber sie blieb. Und obwohl sie als Lehrerin der Dorfschule durchaus beliebt ist, fühlt sie sich, als neu Zugezogene, ausgeschlossen und einsam. Schlaflose Nächte quälen sie, in denen sie versucht eine Erklärung für Tons Suizid zu finden. Erst die Schwester ihres verstorbenen Mannes Lucia schafft es, sie aus ihrer Lethargie und Einsamkeit zu befreien, indem sie sie ermuntert, einen neuen Mann zu suchen. Sie gibt eine Anzeige auf, unmissverständlich und trifft sich mit den Männern. Für eine Nacht.

Ein ganz normaler Mann, der keine eineinhalb Jahre meines Lebens mit mir geteilt hat, hatte sich nach einem Schuss in einem Treibhaus in ein wahnsinnmachendes Geheimnis verwandelt. – S. 69

Die Zeit, in der die Novelle spielt, umfasst, wie es der Titel verrät, genau eine Nacht. Eine dieser Nächte, in der die namenlose Ich-Erzählerin von Schlaflosigkeit geplagt ist und auf das Klingeln des Küchenweckers wartet, einen fremden Mann schlafend in ihrem Bett. Sie erinnert sich wieder: Sie erinnert sich an den Tag, an dem sie Ton kennengelernt hatte, an die Zeit nach seinem Suizid, in der sie verzweifelt nach einer Spur gesucht hat, nach einer Erklärung für das, was er getan hat, an einen mysteriösen Parkschein und eine fremde Frau. Konnte diese letzte Spur die Erklärung liefern, auf die sie so sehr hoffte?

Alles war wahr. Alle diese Fakten waren seit diesem Abend von wirklichem Leben erfüllt, von Lachen im Schlaf, von einem tiefblauen Sternenhimmel, von rotem Samt, von Fischen, von einer kindischen Frau, die sich aber noch in der Literatur auskannte … reale Ereignisse, von nun an. – S. 85

Die Novelle ist ein Mosaik aus Gedankenfragmenten, Erinnerungsstücken, Gefühlen und Momentaufnahmen der Protagonistin. Sie handelt auf verschiedenen Ebenen, geführt durch die Gedankensprünge der Ich-Erzählerin, die uns wieder und wieder in ihre Vergangenheit und in eine Liebe zurücknimmt, die innig und doch voller ungelöster Rätsel ist. Ich konnte den Sprüngen ohne Probleme folgen und wurde mit jeder neuen Entwicklung, jeder neuen Offenbarung tiefer in die Geschichte gezogen. Und de Moor offenbart uns in ihrer Novelle noch so viel mehr: Sie zeigt uns, wie wichtig es ist, nach vorne zu sehen, sich mit der eigenen Vergangenheit zu versöhnen, von einer vergangenen Liebe zu lösen und einen Neuanfang zu wagen.

 

Auf die ursprüngliche Novelle wäre ich vermutlich kaum aufmerksam geworden. Und das Szenario möchte ich mir nicht ausmalen! Margriet de Moor hat mich in ihren Bann gezogen. Sie hat mich mit ihrer nüchtern-sezierenden und stimmungsvollen Sprache, so poetisch wie sie ist, berührt und aufgewühlt, nachdenklich gemacht und nicht losgelassen. Und als ich die letzte Seite umgeschlagen habe, hätte ich unglaublich gern weiter gelesen, mir mehr von Margriet de Moors Stimme erzählen lassen.

 

Schlaflose Nacht – Margriet de Moor

Verlag: Hanser Verlag
Erscheinungsdatum: 25.07.2016
Übersetzer: Helga van Beuningen
ISBN: 978-3-446-25280-6
Seiten: 128

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2 comments

Mareike Dietzel 30. November 2016 at 13:18

Achja,… mir ging es ganz genauso.
Ganz liebe Grüße
Mareike

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Meine liebsten Bücher 2016 | Jahresrückblick – Wortkulisse 3. März 2017 at 22:26

[…] liebsten Bücher 2016 Schlaflose Nacht – Margriet de Moor Auf die ursprüngliche Novelle wäre ich vermutlich kaum aufmerksam geworden. Und das Szenario […]

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