Oceano Mare – Alessandro Baricco

12. November 2016 2 comments

In der Pension Almayer – irgendwo an irgendeinem Ort, irgendwann in irgendeinem Jahrhundert – treffen die ungewöhnlichsten Menschen aufeinander: Ein Maler, der das Meer mit Meerwasser malt, ein Forscher, der die Grenzen des Meeres sucht, ein Mädchen, das von Unruhe gerieben ist und eine Frau, die von einer verbotenen Liebe geheilt werden soll. Doch der Hauptprotagonist ist ein anderer: Ins Zentrum des poetischen Märchens stellt der italienische Schriftsteller Alessandro Baricco das Meer und die Sehnsüchte, denen Menschen im Leben anheimfallen.

„Das Meer?“
Sie bleiben reglos, die Augen des Barons von Carewall. Bis an die Grenzen seiner Ländereien gibt es in diesem Moment kein kristallklareres Erstaunen als das, welches schwankend auf seinem Herzen das Gleichgewicht sucht. “
Sie wollen meine Tochter mit dem Meer retten?“ – S. 40

In drei Teilen entführt uns Baricco mit seiner poetischen Sprache an einen fernen Ort irgendwo am Rande des Meeres und zeitweilig auf ein Floß, das verlassen im Meer treibt und lässt Menschen auftreten, die skurriler und gleichzeitig lebensnaher nicht sein könnten. Ein Maler, ein einstiger Matrose, eine fortgeschickte Frau, ein Forscher, ein Gast, der sein Zimmer nie verlässt und Kinder, die anstatt der Bediensteten in der Pension arbeiten und von Zeit zu Zeit unglaublich altklug sind. Ebenso außergewöhnlich wie die Protagonisten dieses Romans ist aber auch die Pension Almayer selbst. Und so merkwürdig wie das vielleicht auch klingen mag: Das Buch lebt nicht von einer spannenden Handlung oder mitreißenden Wendungen, sondern von Gefühlen und Gedanken.

Wo beginnt das Ende des Meeres? Oder besser: Was meinen wir, wenn wir sagen: Meer? Meinen wir das riesige Ungeheuer, das fähig ist, alles zu verschlingen, oder jene Welle, die um unsere Füße schäumt? Das Wasser, das man in der Höhlung einer Hand zu halten vermag, oder den Abgrund, den niemand sehen kann? Sagen wir mit einem einzigen Wort alles, oder verstecken wir alles mit einem einzigen Wort? […] Das Meer. Das Meer. – S. 51

Baricco spielt. Er spielt mit den Worten, spielt mit der Sprache und passt präzise seinen Stil an den jeweiligen Charakter der im Vordergrund stehenden Figur an. So vielfältig wie die auftretenden Menschen sind, sind auch deren Leben und das Buch an sich. Baricco wählte einen außergewöhnlichen Aufbau für seinen Roman: Der Autor gibt uns Lesern allerhand lose scheinende Handlungsstränge in die Hand, die er erst auf den letzten Seiten zu einer zusammenhängenden Geschichte verwebt. Das tut der Handlung, die von der ersten bis zur letzten Seite tiefgründig, spannend und einfühlsam erzählt ist, jedoch keinen Abbruch. Ganz im Gegenteil. Und gleichzeitig stellt er die Frage: Was meinen wir, wenn wir das Wort „Meer“ sagen? In allerhand philosophischen Gesprächen gehen wir Leser mit dem Autor und seinen Figuren auf eine Entdeckungsreise, die uns nicht nur das Meer in all seinen Facetten näher bringt, sondern uns vielmehr tief in die Seele der Menschen und deren Abgründe führt.

 

Oceano Mare ist ein ausgezeichnetes Buch, das vom Meer in all seinen Facetten und den tiefsten Sehnsüchten der Menschen erzählt. Der Autor brilliert mit einer sprachlichen Vielfalt – durchzogen mit zahlreichen Meermotiven und -metaphern – und skurrilen Charakteren und schafft damit ein modernes Märchen, das schöner nicht sein könnte.

 

Oceano Mare – Alessandro Baricco
Verlag: Atlantik (Hoffmann & Campe)
Erscheinungsdatum: 14.05.2016 (Ersterscheinung 1993)
Übersetzer: Karin Krieger
ISBN: 978-3-455-65087-7
Seiten: 304

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2 comments

Anja Wortlichter 14. November 2016 at 08:14

Oh wie schön 🙂 Die Vorstellung vom Maler, der mit Meerwasser malt, finde ich ganz hinreißend.

Ich habe mich oft gefragt ob das Meer meine Sehnsucht weckt, aber irgendwie scheint das nicht so der Fall zu sein, obwohl ich natürlich ganz gerne am Meer bin. Ich habe immer gedacht das Meer übt auf alle seinen Reiz aus, warum will sich dieses Gefühl nicht bei mir einstellen? Und dann habe ich gemerkt, dass es die Berge sind, die mich begeistern. Nicht das Bergsteigen, das Leben auf der Alm oder dergleichen, sondern einfach der Ausblick auf eine Berglandschaft, große Felsen, kleine Hügel- die Mächtigkeit der Steine hat es mir angetan. Ein flacher Ausblick ist mir nicht ganz geheuer. Aber wenn es Felsen in der Brandung gibt, dann liebe ich auch das Meer. Aber diese touristischen glatten Sandstrände, die mag ich nicht.
Ich frage mich gerade ob es dazu auch Bücher gibt. Kennst du Bücher über die Liebe zu den Steinen/Felsen/Bergen?

Liebe Grüße, Anja

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Cora 18. November 2016 at 15:12

Liebe Anja, danke für deinen tollen Kommentar. Ich kann dir nur zustimmen. Ich finde das Meer zwar unglaublich faszinierend, aber auch die Berge habe eine unglaubliche Wirkung auf mich. Ich glaube, bei mir ist es einfach das Gefühl der Grenzenlosigkeit.
Leider kenne ich kein Buch, das sich explizit mit der Liebe zu den Bergen beschäftigt. Mich würde es aber auch interessieren 😉

Liebe Grüße,
Cora

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