Ein ganzes Leben – Robert Seethaler

17. November 2016 2 comments

Ein kleines Dorf in den Alpen. Ein elternloser Junge. Harte Arbeit und zahlreiche Entbehrungen. Das ist das Leben von Andreas Egger. Und obwohl er ohne behütete Kindheit bei einem Pflegevater aufwächst und von diesem sogar zum Krüppel geschlagen wird, wächst Egger zu einem stattlichen Mann heran, der weiß, was er im Leben will. Als sich Egger in die schöne Marie verliebt, schließt er sich schließlich einem Arbeitstrupp an und hilft beim Bau der ersten Seilbahn in der Region. Er und Marie werden schnell ein Paar, verloben sich, beziehen ein gemeinsames Haus weit oben am Berghang – das Leben ist perfekt. Doch so soll es nicht bleiben.

Und manchmal, wenn er lange genug so dalag, hatte er das Gefühl, die Erde unter seinem Rücken würde sich ganz sachte heben und senken, und in diesen Momenten wusste er, dass die Berge atmeten. – S. 34

Seethaler erzählt die Lebensgeschichte eines Mannes auf 185 Seiten. Das mag auf dem ersten Blick ungewöhnlich und, ja, unmöglich klingen, wenn man dieses dünne Heftchen von Buch in den Händen hält. Doch spätestens nach den ersten zehn Seiten wird deutlich, dass dem nicht so ist. Seethaler ist ein Sprachkünstler. Ein außergewöhnlicher. Denn er kann etwas, das in Deutschland – so zumindest in meinen Augen – deutlich unterschätzt wird: Er kommt auf den Punkt. Ohne viel Trara, ohne viel Drumherum und schreibt dennoch flüssig und mitreißend. Seine Hauptfigur Egger hat kein einfaches Leben und ohne dass ich zu viel vorweg nehmen möchte: Es ist alles andere als leicht. Er führt ein Leben voller Schicksalsschläge, voller Entbehrungen, voller grausamer Begebenheiten, die Seethaler durch seinen minimalistischen Stil umso schmerzvoller und intensiver macht. Seine stilistische Simplizität hat mich emotional viel näher an die Geschichte herangebracht, als ich im Vornherein jemals gedacht hätte.

Um sie herum ragten die Berggipfel in den klaren Himmel. Marie fand, dass sie aussahen wie aus Porzellan, und obwohl Egger in seinem ganzen Leben noch kein Porzellan gesehen hatte, gab er ihr recht. Da müsse man beim Gehen vorsichtig sein, meinte er, ein falscher Schritt, und die ganze Landschaft bekäme einen Riss oder zerspränge gleich in unzählige, winzige Landschaftssplitter. – S. 43

Ein ganzes Leben ist ein ganz anderes Buch, als ich normalerweise lese und dadurch in diesem Jahr für mich etwas wirklich Besonderes. Ich habe anfänglich etwas schwer Zugang zur Handlung und der Hauptfigur Egger gefunden. Seethaler steigt direkt ins brisante Geschehen ein, ohne seine Leser auf das Kommende vorzubereiten. Das hat mich ziemlich kalt erwischt und mich dazu gebracht, dass ich mich emotional von der Geschichte entfernte, obwohl ich kaum angekommen war. Der Autor konnte mich erst auf den kommenden Seiten wieder einfangen und hat mich von da an mehr und mehr an seine tiefgreifende Geschichte gebunden. Denn das ist sie: tiefgreifend.

 

Ein ganzes Leben ist ein außergewöhnliches Buch, das von den Höhen und Tiefen im Leben eines normalen Menschen erzählt. Mit subtiler Spannung und einem minimalistischen Schreibstil fesselt Seethaler seine Leser an diese kurze Geschichte, lässt ihnen bis zum Schluss kaum Atempausen und zeigt, wie wichtig die kleinen Momente des Glücks sind.

 

Ein ganzes Leben – Robert Seethaler

Verlag: Goldmann
Erscheinungsdatum: 2016 (Ersterscheinung: 2014)
ISBN: 978-3-442-48291-7
Seiten: 192

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2 comments

Elena 18. November 2016 at 07:12

Liebe Cora,
erst einmal: Eine tolle Rezension, ich kann dir da wirklich in allen Punkten zustimmen. 🙂
Das mit Seethalers Simplizität hast du sehr schön hervorgehoben, das hat mir an dem Buch auch so unglaublich gut gefallen. Und ich finde es sehr beruhigend, dass du beim Einstieg auch ein paar Schwierigkeiten hattest, das ging mir ja auch so und war in meinen Augen einer der wenigen Schwachpunkte des Werkes. Ich freue mich aber auch wirklich, dass dich das Buch wohl auch so überraschen konnte wie mich. 🙂
Liebe Grüße,
Elena

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Cora 18. November 2016 at 15:14

Wie schön, dass sie dir gefällt. Das freut mich sehr 🙂

Liebe Grüße,
Cora

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