Das Orangenmädchen – Jostein Gaarder

10. Dezember 2016 0 comment

Georg ist fünfzehn Jahre alt als seine Oma durch Zufall einen Brief eingeklemmt zwischen den roten Polstern eines alten Kinderkarrens findet. Elf Jahre ist es her, dass Georgs verstorbener Vater diesen Brief an seinen Sohn geschrieben und genau dort versteckt hatte. Es ist ein Abschiedsbrief an Georg. Und gleichzeitig eine berührende Liebesgeschichte. Es ist die Geschichte des Orangenmädchens.

Du siehst, ich stelle mich der Tatsache, dass ich vielleicht alles verlassen muss, Sonne und Mond und alles, was es gibt, vor allem aber Mama und dich. Das ist die Wahrheit und sie tut weh. – S. 22

Es ist eine herzzerreißende Vorstellung, dass der eigene Vater stirbt, wenn man selber noch im Kindergartenalter ist. Man nicht die Chance bekommt, ihn kennenzulernen und dadurch immer ein Teil der eigenen Identität fehlen wird. Georg aber bekommt diese Gelegenheit. Kurz bevor sein schwer kranker Vater vor elf Jahren verstarb, schrieb er einen Brief an seinen noch jungen Sohn und versteckte ihn im Schuppen der Familie. In der Hoffnung, dass ihn sein erwachsener Sohn finden und lesen wird. Darin erzählt er seinem Sohn die Geschichte des Orangenmädchens: Georgs Vater ist neunzehn als er in der Straßenbahn das Orangenmädchen zum ersten Mal sieht. Sie balanciert eine große Papiertüte auf ihren Armen, die bis zum Rand mit Orangen gefüllt ist. Sein Vater verliebt sich sofort in sie. Da er jedoch nicht weiß, wie das geheimnisvolle Mädchen mit dem Eichhörnchengesicht und den vielen Orangen heißt, sucht er sie wochenlang in ganz Oslo. Den Brief von Georgs Vater unterbricht Gaarder von Zeit zu Zeit durch die Gedanken Georgs und konzipiert damit einen Dialog ganz besonderer Art. Schön zu sehen ist, wie sich die Haltung Georgs während des Lesens verändert. Anfänglich skeptisch und in ablehnender Haltung, öffnet er sich während des Lesens und beginnt seinen Vater allmählich aus einem anderen Blickwinkel zu sehen.

Die Liebesgeschichte rund um Georgs Vater und das mysteriöse Orangenmädchen hat mich sehr begeistert. Es ist eine zarte Geschichte voller Hoffnungen und Enttäuschungen, amüsanten Vermutungen und überraschenden Wendungen. Der Erzählton, den Gaarder für den Brief gewählt hat, hat etwas träumerisch-sehnsüchtiges an sich. Leider konnte ich demgegenüber mit einigen der Zwischenpassagen, in denen es um Georg und seine Gedanken und Gefühle geht, weniger anfangen. Sie wirkten zeitweise steif und unnatürlich, als wären sie nur Mittel zum Zweck und nicht Teil einer runden Geschichte.

Ich frage noch einmal. Wofür würdest du dich entscheiden, wenn du die Wahl hättest? Würdest du dich für ein kurzes Leben hier auf der Erde entscheiden, um dann nach wenigen Jahren von allem weggerissen zu werden und nie mehr zurückkehren zu dürfen? Oder würdest du dankend ablehnen? – S. 157

Die leichte Liebesgeschichte kombiniert Gaarder mit der schweren Thematik rund um Leben und Tod. Dabei stellt er seinen Hauptfiguren und seinen Lesern einige philosophische Fragen, die zum Nachdenken anregen. Ich hätte mir an einigen Stellen jedoch mehr Tiefgang gewünscht. Mehr Auseinandersetzung mit den philosophischen Fragen rund um die Endlichkeit des Lebens. Gaarder bleibt an vielen Stellen doch oberflächlicher als ich es mir erhofft hatte. Das mag zum einen dem geringen Umfang des Buches geschuldet sein. Zum anderen denke ich, dass eine große philosophische Abhandlung in diesem Fall nicht die Intention Gaarders war.

 

Gaarders leicht verständliche Sprache und die vorsichtige Annäherung an philosophische Fragestellungen machen Das Orangenmädchen zu einem schönen Einstieg in den Bereich der Philosophie. Die Kombination dieser schweren Thematik rund um Leben und Tod mit der berührenden Liebesgeschichte ist dabei sehr gelungen. Ich hätte mir jedoch eine stärkere Auseinandersetzung mit den philosophischen Fragen gewünscht. Das Buch hätte mir vor fünf Jahren vermutlich besser gefallen.

 

Das Orangenmädchen – Jostein Gaarder

Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag
Erscheinungsdatum: 01. November 2005
Übersetzung: Gabriele Haefs
ISBN: 978-3-423-13396-8
Seiten: 192

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