Novecento – Alessandro Baricco

6. Januar 2017

Tim Tooney, ein talentierter Trompeter, erzählt die Geschichte seines Freundes Novecento, der im Jahr 1900 von einem Matrosen auf einem Ozeandampfer gefunden wird. In einen Karton für Zitronen gebettet, wurde er auf dem Klavier im Abteil der ersten Klasse zurückgelassen. Der Matrose zieht den kleinen Jungen als seinen Sohn auf, bis er acht Jahre später stirbt. Novecento aber bleibt auf dem Schiff und wird dort zu einem Ausnahmepianisten. Doch später soll die Virginian, die Heimat Novecentos, verschrottet werden und er muss eine schwere Entscheidung treffen.

Ich muss mir was ansehen, von da unten“, erklärte er mir.
„Was ansehen?“ Er wollte es nicht sagen, was man auch verstehen kann, denn als er es schließlich sagte, da sagte er:
„Das Meer.“
„Das Meer?“
„Das Meer.“

Die Erzählung wird als Monolog von Novecentos Freund Tim erzählt, ist von Baricco aber eigentlich als Theaterstück konzipiert worden. Deshalb wird der Monolog ab und zu durch Regieanweisungen unterbrochen, die den einen Schauspieler, der alle Rollen übernehmen soll, anweisen. Würde das Buch als Theaterstück aufgeführt werden, dann säße ich mit Sicherheit in der ersten Reihe. Bariccos simple und manchmal sogar etwas flapsige Sprache, die Intensität des Monologs und die Tiefgründigkeit, die zwischen den Zeilen steckt, würden eine solche Aufführung zu einem eindrucksvollen Erlebnis machen. Aber auch als Buch ist die Erzählung eindrucksvoll. Mit Tim und Novecento hat Baricco zwei leidenschaftliche Musiker geschaffen und so wie sich die Musik durch das Leben der beiden Protagonisten zieht, zieht sie sich durch die Handlung. Novecento ist ein Ausnahmepianist, der im Einklang mit den Wellen des Meeres Klänge erzeugt,

wie sie die meisten Menschen noch nicht gehört haben. Deshalb ist es kaum ein Wunder, dass er und seine Kunst bald über den Rand des Ozeans hinweg bekannt sind. Das bringt Probleme und allem voran Konkurrenten mit sich.

Es gibt nur wenige Bücher, die mich so sehr in den Bann ziehen, dass ich sie Mitten im Chaos des Busses lesen kann. Dass meine Augen regelrecht über die Seiten fliegen und ich nicht mehr das Gefühl habe zu lesen, weil die Buchstaben rasendschnell vorbeiziehen und dabei einen Film vor meinen Augen bilden, der mir die Geschichte zu erzählen scheint. Novecento ist das dritte Buch, das ich von Alessandro Baricco gelesen habe und genauso wie bei den Vorgängern, bin ich restlos begeistert. Zwar konnten mich Oceano Mare und Seide emotional noch ein kleines bisschen mehr erreichen, als die Erzählung um den Pianisten Novecento, aber dennoch hat mich Baricco wiedereinmal umgehauen.

Gut, die Welt selbst hatte er nie gesehen. Aber seit siebenundzwanzig Jahren war die Welt auf dem Schiff, und seit ebendiesen siebenundzwanzig Jahren beobachtete er die Welt auf dem Schiff. Und saugte sie in sich auf.

Der Autor hat eine – meiner begrenzten Leseerfahrung nach – unvergleichliche Art zu schreiben, die simpel und dabei so melodisch und fließend ist, wie die Handlungen selbst. Der Autor experimentiert mit der Sprache, dem Satzbau und der Anordnung der Worte auf den Seiten, sodass ihnen noch mehr Bedeutung, noch mehr Wirkung zukommt. Ich habe gerade für solche kurzen Geschichten in dünnen Büchlein eine große Schwäche, da sie häufig tiefgründiger sind und ein intensiveres Leseerlebnis mit sich bringen, als lange Romane. Dass es nicht immer so ist, weiß ich, aber so geht es mir zumindest mit Novecento.

Wiedereinmal konnte mich Baricco mit seiner poetischen Sprache und einer tiefgründigen und dennoch kurzweiligen Geschichte fesseln. Der Autor erschafft eine ganz neue Welt, die unabhängig von Kriegen und den Begebenheiten auf dem Festland bleibt. Gefühlt losgelöst von Raum und Zeit. Die kurze Erzählung ist ein kleiner Einblick in eine andere Welt, die außergewöhnlich und dennoch unglaublich authentisch ist.

Novecento – Alessandro Baricco
Verlag: Atlantik – Belletristik
Erscheinungsdatum: 12.10.2015 (Erstveröffentlichung: 13. Oktober 1994)
Übersetzer: Karin Krieger
ISBN: 978-3-455-65084-6
Seiten: 96

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