Schnee – Maxence Fermine

11. Januar 2017

Yuko ist siebzehn als er sich entscheiden muss, welchen Beruf er ergreifen soll. Sein Vater stellt ihn vor die Wahl, der alten Familientradition folgend Priester oder Krieger zu werden. Doch Yuko hat zwei Leidenschaften, die mit dieser Tradition brechen: Haikus und Schnee.

Haiku ist eine traditionelle Gedichtform aus Japan, das nach strengen Richtlinien verfasst wird. In seiner ursprünglichen Form besteht es aus drei Zeilen mit jeweils fünf, sieben und fünf japanischen Moren. Nach Tagen in den verschneiten Bergen des japanischen Nordens, in denen die Winter am kältesten sind, entschließt sich Yuko sein Leben den Haikus zu widmen, um in ihnen die Vollkommenheit des Schnees und der Farbe Weiß festzuhalten. Siebenundsiebzig solcher Haikus verfasst er, bis eines Tages ein Mann vor seiner Tür steht, geschickt vom kaiserlichen Hof. Der Mann prophezeit ihm eine erfolgreiche Karriere als Hofdichter, wenn er bereit ist, Schüler Sosekis zu werden. Denn eines fehlt seinen Gedichten: die Farbe.

Durchsichtiger Schnee
Eine Brücke der Stille
Wie auch der Schönheit. – S. 29

Der Roman von dem französischen Schriftsteller Maxence Fermine ist mir auf dem Weg zur Kasse unter zahlreichen Büchern ins Auge gesprungen und spontan mit in die Einkaufstasche gewandert. Meistens entpuppen sich solche Spontankäufe als wahre Schätze. Auch Schnee ist ein schönes Buch, das mich aber gerade zum Ende hin, immer weniger überzeugen konnte.

Fermine skizziert die Geschichte des jungen Yuko und schafft dabei eine beeindruckende Symbiose aus der Handlung und seinem schlichten Erzählton. Während Yuko auf der Suche nach einem perfekten Haiku ist, das die Vollkommenheit des Schnees und die Reinheit der Farbe Weiß nachzeichnet, vergisst er, dass auch etwas Farbe in jedes Haiku und jedes Leben gehört.

Und spätestens dann, wenn der Leser erfährt, dass der Haikumeister Soseki blind ist, wird offensichtlich, dass es sich dabei um etwas anderes, etwas viel wichtigeres handelt. Es ist nicht die Farbe, die seinen weißen Gedichten fehlt, sondern die Liebe. Eine Liebe, die Yuko bis dahin nicht empfunden und die Soseki vor langer Zeit in den Weiten der Berge inmitten des Schnees verloren hatte.

Es gibt zwei Arten von Menschen.
Es gibt jene, die lieben, spielen und sterben.
Und es gibt jene, die niemals etwas anderes tun, als sich auf dem Grat des Lebens im Gleichgewicht zu halten.
Es gibt die Schauspieler.
Und es gibt die Seiltänzer. – S. 104

Bis an diese Stelle finde ich das Buch großartig. Wirklich. Schon auf der ersten Seite und durch die ganze Gestaltung des Buches habe ich mich an Seide von Alessandro Baricco erinnert gefühlt, das mich im vergangenen Jahr so sehr berührt hatte. Nichtsdestotrotz ist Schnee ein eigenständiges Buch, das sich nicht verstecken muss. Leider nahm die Magie des Schnees und die träumerische Atmosphäre, die der Autor auf den ersten Seiten geschaffen hatte, stetig ab. Zahlreiche doch eher unglaubwürdige Zufälle ziehen sich durch die Handlung und auch wenn ich ein wirklich großer Fan von Happy Ends bin – im übrigen brauche ich immer Ewigkeiten, um über offene Buchenden hinwegzukommen, was positiv, manchmal aber auch etwas anstrengend sein kann -, war ich am Ende ziemlich enttäuscht. Der Autor greift Klischees auf (eine Frau, die beim Endringen des Mannes sofort markerschütternde Schreie ausstößt – ich würde gern virtuell meine Augen verdrehen) und hebt am Ende des Buches zu sehr den moralischen Zeigefinger, um seinen Lesern zu zeigen, welches Leben das richtige und welches das falsche ist.

Schnee beginnt mit einer anrührenden Geschichte, die voller Magie und der stetigen Suche nach Vollkommenheit steckt, verliert aber schon nach wenigen Seiten seine träumerische Atmosphäre. Zu viele Zufälle lassen die Geschichte konstruiert wirken und nehmen ihr die Leichtigkeit, die sie noch am Anfang versprüht. Ein wunderschön gestaltetes Buch, das mich sprachlich, aber leider nicht inhaltlich zufriedenstellen konnte.

Verlag: Unionsverlag
Erscheinungsdatum: 21.06.2016 (Ersterscheinung: 1999)
Übersetzer: Monika Schlitzer
ISBN: 978-3-293-00509-9
Seiten: 112

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