Deutschland Schwarz Weiß – Noah Sow

24. Februar 2017

Dieses Semester habe ich ein Blockseminar „Migrationspolitik der EU“ besucht. Es war unheimlich interessant, auch wenn ich im Grunde gar nichts über die Migrationspolitik der Europäischen Union, aber dafür umso mehr über Afrika und Rassismus gelernt habe. Unser Dozent war mehr darauf bedacht, uns für Dinge zu sensibilisieren und Aussagen viel mehr zu hinterfragen, als wir es in der Schule und leider auch im Studium gelehrt bekommen. Eines der Bücher, die er uns dabei vorgestellt hat, ist Deutschland Schwarz Weiß. Der alltägliche Rassismus von der deutschen Autorin, Aktivistin und Musikerin Noah Sow.

Wir können nichts dafür, dass wir so viel rassistischen Unsinn beigebracht bekommen haben. Wir können ihn jetzt aber loswerden. – S. 39

Sow schreibt in ihrem populärwissenschaftlichen Buch über den alltäglichen Rassismus in Deutschland und betont, dass Rassismus eben nicht erst mit gewalttätigen Übergriffen, sondern bereits bei geläufigen Redewendungen beginnt. Sie möchte ihre Leser – und dabei richtet sie das Buch insbesondere an Weiße – für den alltäglichen Rassismus sensibilisieren, der sich bereits in Begriffen wie Schwarzafrikaner oder Farbige verbirgt. Dabei geht Sow gerade zum Anfang des Buches schonungslos mit ihren Lesern um. Na klar, sie provoziert, aber sagt dabei viele kluge Dinge.

Und tatsächlich habe ich mich sehr dagegen gesträubt, dass sie ihre Leser immer wieder als Weiße bezeichnet. Immerhin – ich möchte gar nicht bestreiten, dass ich weiß bin, das wäre zwecklos, zumal ich vermutlich zu den weißesten Kalkleisten gehöre, die es gibt – bin ich ein individueller Mensch und will mich nicht einfach so in eine Schublade stecken lassen. Aber genau damit sind Schwarze ihr Leben lang konfrontiert. Besonders hilfreich waren für mich die Begriffserklärungen, die Sow ihren Lesern an die Hand gibt: Was ist rassistisch? Was fremdenfeindlich? Wo liegt der Unterschied zum Rechtsextremismus? Und darf ich denn Schwarzer sagen? In diesem Feld Klarheit zu bekommen, war wichtig und hilfreich für mich.

Viele weiße Menschen in Deutschland haben sich bisher gar nicht damit auseinandersgesetzt, dass sie Weiße sind, also auch zu einer besonderen gesellschaftlichen Gruppe gehören. Dass es dabei um Macht geht, bemerkt man eher, wenn man einer Gruppe angehört, die auf eine Art benannt wird, die für sie nicht akzeptabel ist. Fremddefinition ist auch Fremdbestimmung … – S. 29

Besonders berührend sind die Worte von Victoria B. Robinson, die in wenigen, aber beeindruckenden Worten ihre Erlebnisse mit dem innocent rassism skizziert. Ich habe diese zwei Seiten über Wochen hinweg immer und immer wieder gelesen. Ebenso interessant ist die Darstellung der deutschen Kolonialgeschichte, über die ich bisher erschreckend wenig gewusst habe. Die britische oder die franösische Kolonialgeschichte, ja, darüber weiß ich aus dem Geschichtsunterricht in der Schule noch ein bisschen was, aber die deutsche? Ehrlich gesagt, war mir bis vor kurzem noch nicht einmal klar, dass es so etwas wie eine deutsche Kolonialgeschichte gibt. Anschließend sammelt die Autorin in Fließarbeit unzählige aktuelle Beispiele, die den alltäglichen Rassismus in Deutschland verdeutlichen. Über Kindergeschichten, zu UNICEF-Werbung und Zeitungsartikeln, Comics und Wörterbucheinträgen.Und wenn Noah Sow über ihren Arztbesuch erzählt, bei dem ihr die Ärztin rotzfrech in die Haare greift und fragt, ob die denn wirklich echt seien, sie sei ja auch mehr so Cappuccino und nicht Schwarz…, versteht man spätestens, warum ihr Buch zeitweise so wütend, ja sogar polemisch wirkt.

Die Auseinandersetzung mit Weißsein und gesellschaftlichen Privilegien kann Ihnen ermöglichen, viel über sich selbst zu lernen, und Ihnen Instrumente liefern, die Ihnen helfen, die Welt kritischer zu sehen und diskriminierungsfreier zu gestalten. – S. 274

„Ein kluges, ein wichtiges Buch.“ schreibt der Stern und ich kann diesen kurzen Satz umstandslos unterschreiben. Noah Sow konfrontiert ihre Leser mit ihren Vorstellungen, die sie bisher vermutlich nie hinterfragt haben und hilft dabei so einige alte Denkmuster aufzubrechen. Und wenn wir uns innerlich dagegen sträuben, pauschal als Weiße betitelt zu werden, dann hat die Autorin ihr erstes Ziel schon erreicht.

Deutschland Schwarz Weiß. Der alltägliche Rassismus – Noah Sow
Verlag: Goldmann
Erscheinungsdatum: 08.06.2009
ISBN: 978-3-442-15575-0
Seiten: 320

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2 comments

Literameer 26. Februar 2017 at 20:48

Deine Rezension finde ich sehr gut geschrieben. Hab sie gerne gelesen und das Buch ist jetzt natürlich auf meiner Wunschliste. Das klingt wirklich gut. Danke fürs vorstellen.

Liebe Grüße
Julia

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Cora 26. Februar 2017 at 21:18

Liebe Julia,

vielen Dank, das freut mich sehr! Ich wünsche dir viel Freude beim Lesen 🙂

Liebe Grüße,
Cora

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