Tiger, Tiger – Margaux Fragoso

29. März 2017

Ich habe lange überlegt, ob ich überhaupt einen Beitrag zu dem Buch „Tiger, Tiger“ von Margaux Fragoso schreiben soll. Denn erstens weiß ich, dass es mir nicht leicht fallen wird und zweitens habe ich das Buch nicht zu Ende gelesen.* „Tiger, Tiger“ ist ein gutes Buch, es ist wichtig und erschreckend und abstoßend und verlangt beim Leser starke Nerven. Nerven, die ich nicht hatte.

Margaux Fragoso ist sieben als sie Peter kennenlernt. Sie freunden sich schnell an und Margaux und ihre Mutter verbringen gemeinsam viel Zeit bei Peter, der in einer Art Villa Kunterbunt voller Tiere, Spielzeuge und Disneyfilme lebt. Als Margaux und Peter sich das erste Mal küssen, ist das Mädchen noch immer sieben. Peter ist einundfünfzig. Sie ist acht, als sie ihm zum ersten Mal die Hose auszieht. Und zwölf als sie regelmäßig miteinander schlafen. Unbemerkt von den Eltern und allen Bekannten schleicht sich Peter, ein pädophiler Mann, in das Herz des kleinen Mädchens, manipuliert sie und überwindet ungesehen ihre Grenzen.

Margaux Fragoso ist dreißig als sie ihre eigene Geschichte in ihrem Roman „Tiger, Tiger“ festhält. In drei Teilen zeichnet sie die ungewöhnliche Beziehung zwischen Peter und ihr nach, die sich über mehr als ein Jahrzehnt erstreckte. Bereits im Vorwort wird deutlich, dass die Beziehung zu Peter für sie mehr ist, als ein einseitiges Ausnutzen. Margaux fand in ihm die Liebe und Zuneigung, die ihr Zuhause mit ihrer psychisch erkrankten Mutter und ihrem zu Wutanfällen neigenden Vater fehlte. Gemeinsam mit Peter zog sie sich aus ihrem eigenen Leben zurück, erfand eine Traumwelt, in der sie ein starker Tiger mit Flügeln war und in deren Zukunft sie einmal die Frau von Peter sein sollte. Und diese Bindung verschwindet auch dann nicht, als sich Peter im Alter von sechsundsechzig Jahren umbringt.

Ich spreche mit meinem Freund häufig über die Bücher, die ich lese. Erkläre ihm, was ich mag und was nicht.

Als ich ihm von dieser Geschichte erzählte, habe ich einen Ekel empfunden, wie in meinem ganzen Leben noch nicht. Ich habe geweint, weil ich nicht verstehen konnte, wie ein Mensch so etwas tun kann. Weil ich es nicht ertragen habe, zu lesen, wie ein achtjähriges Mädchen, den Penis eines Mannes, der ihr Großvater sein könnte, in den Mund nimmt, um ihn nicht zu verlieren. Ich weiß, dass Pädophilie eine Krankheit ist und ich weiß, dass Menschen, die solche Neigungen haben, öffentlich darüber sprechen können müssen, damit sie behandelt werden können. Dass sie eben keine herzlosen Monster sind, wie sie in der Gesellschaft gern stilisiert werden. Ich weiß es, aber kann es nicht verstehen. Ich finde es unverzeihlich, einen Menschen zu manipulieren und ich finde es unverzeihlich, ein Kind zu berühren. Dieses Gefühl ist stärker als mein Wissen über die Krankheit.

Es war aber nicht nur der Inhalt des Buches, der mich so sehr schockiert hat. Es war auch die Art, wie Fragoso geschrieben hat. In den Teilen, die ich gelesen habe, hat sie sehr nüchtern geschrieben, ohne Emotionen. Sie schildert detailreich, wie Peter es geschafft hat, sie an sich zu binden, eine Abhängigkeit aufzubauen und scheut sich nicht davor auch die sexuellen Situationen bis ins Detail zu beschreiben. Ich denke, dass das einerseits wichtig ist, um als Leser*in das Ausmaß dieser Beziehung kennenzulernen, andererseits waren es aber nicht zuletzt diese Szenen, die es mir unmöglich gemacht haben, das Buch weiterzulesen. Schockierend finde ich zudem, wie unreflektiert die Autorin schreibt. Sie berichtet bis ins Detail aus ihrer Kindheit und dass sie ihn nicht verurteilt, kann ich nachvollziehen, das finde ich gut. Dass sie aber das Verhalten von Peter nicht kritisch hinterfragt, finde ich schlicht falsch. Zwar erwähnt sie im Nachwort, dass sie mit ihrem Roman Pädophilie nicht romantisieren möchte, aber davon habe ich während des Lesens nur wenig gespürt.

„Tiger, Tiger“ von Margaux Fragoso ist ein wichtiger, erschreckender und abstoßender Roman, der Abgeklärtheit und starke Nerven verlangt. Genau das hat mir gefehlt, sodass ich es emotional nicht geschafft habe, das Buch vollständig zu lesen. Vielleicht hätte es dem Buch besser getan, wenn Fragoso ihre Kindheit nicht in Form eines Romans, sondern einer Biographie festgehalten hätte, um reflektierter mit ihrer Vergangenheit umzugehen. Dennoch hat sie all meinen Respekt, denn ebenso wie das Lesen dieses Buches für mich, muss auch das Schreiben des Buches für die Autorin selbst alles andere als leicht gewesen sein.

*Ich habe das Buch ungefähr bis Seite 230 gelesen, danach nur noch Auszugsweise, den dritten Teil des Buches (423-Ende) habe ich komplett gelesen, ebenso wie das Nachwort.


Tiger, Tiger – Margaux Fragoso

Verlag: Diana Verlag
Erscheinungsdatum: 2011
Übersetzer: Andrea Fischer
ISBN: 9783453356856
Seiten: 463

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4 comments

Mara Luna 29. März 2017 at 18:32

Liebe Cora,

ich nehme an, mir wäre es beim Lesen wie Dir gegangen. Oftmals sind auch bei mir meine Gefühle stärker als die rationalen Abstraktionen – mit denen ich ein Verhältnis zum Buch aufbauen will, dies aber erzwinge und so eher das Gegenteil geschieht. Tiger, Tiger hört sich erschreckend nüchtern an und ich denke, dass es wichtig ist, dass es solche Bücher gibt – die die Dinge beim Namen nennen und ‚die Geschichte‘ ein bisschen anders erzählen. Ich persönlich würde das wohl aber auch nicht aushalten können – jedenfalls jetzt noch nicht, bin ich mit dem Alter noch zu nah an der jungen Margaux dran…

Danke für deine ehrlichen Worte!
Mara

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Herzensdinge | Woche 13 – Wortkulisse 2. April 2017 at 13:02

[…] gelesen und da ich aus „Tiger, Tiger“ von Margaux Fragoso (die Rezension findet ihr hier) kein Zitat habe, dass ich euch zeigen möchte, gibt es in diesem Beitrag ein Zitat aus einem […]

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Ein Monat in Büchern | März 2017 – Wortkulisse 4. April 2017 at 08:01

[…] „Léon und Louise“ von Alex Capus gelesen und mich absolut verliebt. Danach habe ich „Tiger, Tiger“ von Margaux Fragoso begonnen und wieder abgebrochen. Seitdem schnuppere ich in ein Buch nach dem […]

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Q&A: Der Netflix Book Tag – Kill Monotony 15. April 2017 at 08:17

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