Schöne neue Welt – Aldous Huxley

31. März 2017 1 comment

Aldous Huxleys Roman „Schöne neue Welt“ ist wohl einer der bekanntesten dystopischen Romane unserer Zeit und für mich der erste dieser Art, den ich gelesen habe. Ich hatte ihn mir relativ spontan nach der Uni gekauft, weil ihn einer meiner Dozenten in der Vorlesung, die ich zuvor hatte, erwähnt und uns Studenten empfohlen hat. Es ist schon ein paar Wochen her, dass ich das Buch gelesen habe. Losgelassen hat es mich aber noch lange nicht.

632 nach Ford leben die Menschen in einem Weltstaat.  Es ist eine Welt, in der es scheinbar keine Probleme gibt: keine Krankheiten, kein unansehnliches Altern, kein Unglück und schon gar keinen Liebeskummer. Die Menschen sind glücklich und gehen zufrieden ihrer vorbestimmten Aufgabe nach. In dieser Welt leben Lenina, eine perfekte, dauerhaft glückliche und promiskuitiv lebende Beta-Bürgerin, und Bernard, ein untersetzter und nicht den körperlichen Ansprüchen gerecht werdender Alpha. Bernard, der aufgrund seiner körperlichen Unzulänglichkeit ein Außenseiter ist, verhält sich rebellisch und macht sich häufig Gedanken, über die bestehenden gesellschaftlichen Normen. Doch das ist nicht von langer Dauer: Als er mit Lenina einen Ausflug in ein Reservat macht und schließlich einen der dort lebenden Wilden mit in die Zivilisation bringt, verändert sich sein gesellschaftlicher Status schlagartig. Der einzige, der diese schöne neue Welt nun hinterfragt, ist der Wilde.

„Ich will aber keinen Komfort. Ich will Gott, ich will Dichtung, ich will reale Gefahren, ich will Freiheit, ich will Güte. Ich will Sünde.“
„Kurzum […] Sie fordern das Recht, unglücklich zu sein.“
„Also gut“, bejahte der Wilde trotzig, „dann fordere ich eben das Recht, unglücklich zu sein.“
„Ganz zu schweigen von dem Recht, zu altern, hässlich und impotent zu werden, dem Recht auf Syphilis und Krebs, dem Recht, zu wenig zu essen zu haben […], dem Recht, unaussprechliche Schmerzen aller Art zu erleiden.“
Es herrschte lange Schweigen.
„Ja, ich fordere diese Rechte, alle.“ – S. 275

Der Roman beginnt mit einer detaillierten Erklärung der Brut- und Aufzuchtstationen und des ausgeklügelten und abstoßenden Kastensystems, in dem die Menschen leben. Ein Alpha-Plus lebt in der obersten Kaste und bildet die Spitze der Gesellschaft, er ist ausgesprochen intelligent, groß gewachsen und individuell. Das Kastensystem reicht schließlich bis hinunter zum Epsilon-Minus, der in der untersten Kaste lebt, durch zahlreiche Manipulationen (etwa Sauerstoffmangel oder Alkoholzufuhr im Fötusstadium) körperlich untersetzt und unintelligent ist, die einfachsten Tätigkeiten ausführt und hunderte Klone besitzt. Als Leser*in wird einem schnell klar: Diese perfekte Welt, ist nicht so schön, wie sie auf den ersten Blick scheint. Die Bevölkerung wird bereits im Kleinkindalter konditioniert und später durch Sex, maßlosen Konsum und Soma (ein Droge, die die Menschen in einen rauschhaften Zustand des Glücks versetzt) manipuliert.

„Mord tötet nur einen – und was ist schon der Einzelne?“ Mit einer ausholenden Geste deutet er auf die Mikroskopreihen, die Reagenzgläser, die Inkubatoren. „Wir können mit Leichtigkeit neue hervorbringen – so viele wie wir wollen. Unorthodoxie aber bedroht mehr als den Einzelnen, sie trifft die Gesellschaft als solche. Ja, die Gesellschaft selbst.“ – S. 170

Das erschreckendste an diesem dystopischen Roman ist für mich die Art und Weise, wie die Menschen gefügig gemacht werden. Dieser Weltstaat kann zwar als totalitär bezeichnet werden, aber zeichnet sich nicht dadurch aus, dass die Menschen durch Terror und Gewalt unterdrückt werden – sondern durch ihre eigenen Bedürfnisse: Durch Sex, das Streben nach Glück und Konsum. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich in solch einem System jemand gegen dieses auflehnt, geht gegen null. Und während ich beim Lesen immer wieder gedacht habe, ein Glück, dass unsere Gesellschaft nicht so ist, bin ich mir jetzt, einige Wochen später, nicht mehr so sicher. Natürlich ist die Darstellung in Huxleys Roman extrem und überspitzt, aber befinden wir uns nicht sogar schon auf einem Weg dahin? Mit Designerbabys, maßlosem Konsum, der uns schon jetzt dazu bewegt, Dinge eher wegzuschmeißen als sie zu reparieren, und der Pornowelt im Internet? Vielleicht klingt das übertrieben, aber diesen Gedanken werde ich, seitdem ich das Buch gelesen habe, nicht mehr los.

 

Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“ ist ein packendes und erstaunliches Buch. Huxleys Einfallsreichtum ist enorm und ich hoffe inständig, dass sich die Menschheit nicht so entwickeln wird, wie in seinem Roman dargestellt. Leider konnte ich mich beim Lesen aber mit keinem der Charaktere identifizieren und habe niemanden gehabt, mit dem ich mitfiebern konnte. Dadurch habe ich auch jetzt nach dem Lesen noch eine gewisse Distanz zu diesem Buch. Nichtsdestotrotz hat mich der Roman gepackt und gegenüber dem schon heute existierenden verschwenderischen Konsum und dem ständigen Streben nach Fortschritt und Perfektion sensibilisiert und meinen Blick darauf verändert.

 

Schöne neue Welt – Aldous Huxley

Verlag: Fischer Taschenbuch
Erscheinungsdatum:  Oktober 2016 (Ersterscheinung 1932)
Übersetzer: Uda Strätling
ISBN: 978-3-596-90573-7
Seiten: 368

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1 comment

Untenrum frei – Margarete Stokowski – Wortkulisse 7. April 2017 at 09:04

[…] Regal steht und von mir gelesen werden will, auch Aldous Huxleys Schöne neue Welt, über das ich hier bereits geschrieben […]

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