Untenrum frei – Margarete Stokowski

7. April 2017 8 comments

Ich bin vergleichsweise lange um das Buch Untenrum frei von Margarete Stokowski herum geschlichen. Nicht, weil mich das Thema nicht interessiert (das tut es!) und nicht, weil ich das Buch optisch nicht ansprechend finde (das ist es!), sondern weil ich Zweifel hatte, ob es mir noch etwas Neues beibringen kann. Ob es mir meine Augen noch weiter öffnen kann. Das hat es – nicht wahnsinnig, aber das hat es. Und dabei hat es mich wunderbar unterhalten.

„Wir können untenrum nicht frei sein, wenn wir obenrum nicht frei sind.“ Das ist die These von Margarete Stokowski und damit zieht die Kolumnistin eine dicke Verbindungslinie zwischen den kleinen schmutzigen Dingen und den großen Machtfragen, denn diese beiden Dinge hängen eng miteinander zusammen. In sieben fabelhaft geschriebenen Essays führt uns die Autorin durch das weite Feld des Feminismus, räumt mit unbegründeten Vorurteilen auf, macht deutlich wie viel der Feminismus schon geschafft hat und welch langer Weg noch vor ihm liegt und macht ihren Lesern dies alles durch persönliche Erfahrungen greifbar.

Aber je mehr man sich an den Gedanken gewöhnt hat, dass Anerkennung von anderen das Ziel ist, desto schwieriger wird es, zu akzeptieren, dass die eigenen Fähigkeiten auch einfach mal gut und genug sind. – S. 107

Margarete Stokowski lässt die Hosen runter. Im  wahrsten Sinne des Wortes. Sie gibt einen erstaunlich tiefen Einblick in ihr Leben und ihren Weg, den sie zurücklegen musste, um die Frau zu werden, die sie jetzt ist. Eine Frau, die sich für die Gleichbehandlung aller Menschen einsetzt, alte Rollenbilder aufbricht und deutlich macht, dass die Ungleichbehandlung von Frauen und Männern zwar bei jedem einzelnen anfängt (und nein, dabei stellt sie keine Männer an den Pranger oder tut gar so, als wären alle Frauen selber daran Schuld), aber dennoch in einen viel größeren Zusammenhang eingebettet ist.

Ich mochte die Leichtigkeit, mit der Stokowski schreibt, und ihre Vielseitigkeit im Tonfall. Mal hat sie beruhend auf Fakten neutral analysiert, mal hat sie regelrecht gepöbelt und ihren Gedanken freien Lauf gelassen bis sie wieder mit viel Humor über ihre Erfahrungen oder die ihrer Freundinnen plauderte. Dabei verweist Stokowski in ihren Essays auf viele Werke feministischer Autor*innen und führt am Ende sogar eine Liste an Büchern an, die sie ihren Leser*innen ans Herz legen möchte. Darunter ist neben Das andere Geschecht von Simone de Beauvoire, das schon eine ganze Weile in meinem Regal steht und von mir gelesen werden will, auch Aldous Huxleys Schöne neue Welt, über das ich hier bereits geschrieben habe.

Ich glaube, Wut ist eines der wichtigsten Gefühle, die man Mädchen heute beibringen muss zu behalten. Gefühle muss man Leuten nicht beibringen, deswegen schreibe ich nicht: „…die man Mädchen heute beibringen muss“. Man muss ihnen nur helfen, die Wut nicht zu verlernen. – S. 41

Während ich diesen Beitrag schreibe, geht mir ein Zitat nicht aus dem Kopf, das zwar nicht von Stokowksi stammt, sondern von Laurie Penny, ich euch aber dennoch nicht vorenthalten möchte. Sie schreibt: „Wenn alle Frauen dieser Erde morgen früh aufwachten und sich in ihren Körpern wirklich wohl und kraftvoll fühlten, würde die Weltwirtschaft über Nacht zusammenbrechen.“  Überlegt euch, was dann mit diesen ganzen Frauenzeitschriften passieren würde, die uns gleichzeitig einreden, dass eine Frau natürlich sein soll und sich drei Seiten später über irgendeinen Star kokettieren, der es (welch ein Wahnsinn!) gewagt hat, keinen BH anzuziehen. Oder den Werbungen für bestimmt widerlich schmeckende Diätdrinks, in denen eine Frau halbnackt am Strand entlang joggt, um von Männern angegafft zu werden. Welche Aufgabe sollte eine Frau denn sonst erfüllen?

Und je mehr man darauf hinarbeitet, anderen gefallen zu wollen, desto eher verliert man ein Gefühl dafür, sich selbst einzuschätzen – und im schlimmsten Fall verliert man auch ein Gefühl für die eigenen Grenzen: Wie weit will ich gehen für das Gefühl, das andere mir geben? – S. 107

Ich schweife ab, aber ich denke ein Punkt wird deutlich: Der Feminismus geht jeden von uns etwas an und ich bin Margarete Stokowski unheimlich dankbar für ihre großartigen Essays, in denen sie so viele Informationen sammelt und unterhaltend an ihre Leser*innen weitergibt, ohne den moralischen Zeigefinger zu erheben. Ich möchte das Buch jedem von euch und ganz besonders denen, die sich noch nicht viel mit diesem Thema beschäftigt haben, ans Herz legen. Lest es! Es ist unterhaltend, sehr gut geschrieben und ein wunderbarer gesellschaftskritischer Einstieg in die Grundgedanken des Feminismus.

 

Margarete Stokowskis Essaysammlung Untenrum frei ist ein Rundumschlag gegen alle gesellschaftlichen Konventionen und veralteten Rollenbilder, die die Ungleichbehandlung von Frauen und Männern künstlich hervorrufen. Mit viel Humor, einem umfangreichen Wissen und scharfer Beobachtungsgabe ermöglicht Stokowski ihren Leser*innen einen leichten und unterhaltenden Einstieg in den Feminismus. Ach ja, und „Warum eigentlich ‚untenrum‘? Unten sind die Füße, Mann! Das weiß ich – eigentlich“ – S. 18.

 

Untenrum frei – Margarete Stokowski

Verlag: Rowohlt
Erscheinungsdatum: 08. September 2016
ISBN: 978-3-498-06439-6
Seiten: 256

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8 comments

Die Vorleser 8. April 2017 at 11:58

Liebe Cora,
danke für den tollen Buchtipp. Laurie Penny habe ich schon gelesen, aber Margarete Stokowski noch nicht. Das werde ich jetzt bald nachholen. Obwohl sich schon viel bewegt hat, ist es immer noch ein schwieriges Thema. Da ist etwas Humor immer gut.
Liebe Grüße von den Vorlesern

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Cora 14. April 2017 at 10:34

Ihr Lieben, vielen Dank für euren netten Kommentar 🙂

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Lena G. 8. April 2017 at 13:24

Was für eine fantastische Rezension, liebe Cora!!! Ich habe jedes Wort von dir sehr gerne gelesen 🙂
Viele liebe Grüße, Lena

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Cora 14. April 2017 at 10:33

Dankeschön! Das freut mich sehr 🙂

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Stefanie 18. April 2017 at 10:36

Liebe Cora,
ich bin ganz begeistert von deinem Text. Und nun sehr neugierig. Ich denke, ich werde mir „Untenrum frei“ nun doch endlich besorgen. Vielen Dank für die Inspiration!
Liebe Grüße
Stefanie – von den wirbuchgeschwister

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Cora 18. April 2017 at 15:05

Liebe Stefanie,
das freut mich sehr! Ich wünsche dir schon einmal viel Spaß beim Lesen 🙂
LG

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My Life on the Road – Gloria Steinem – Wortkulisse 5. Mai 2017 at 06:04

[…] und zuhört. Anders als Margarete Stokowski in ihrem Buch „Untenrum frei“, über das ich hier geschrieben habe, konzentriert sich Steinem nicht auf das, was noch verändert werden muss, sondern […]

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Ein Monat in Büchern | April 2017 – Wortkulisse 30. Juni 2017 at 10:12

[…] W. Taschler und „Schmerz“ von Zeruya Shalev. Außerdem habt ihr die Rezension von „Untenrum frei“ von Margarete Stokowski auf meinem Blog lesen können und dieser Beitrag hat alle bisherigen Rekorde auf meinem Blog […]

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