Schmerz – Zeruya Shalev

20. April 2017

Zeruya Shalevs Roman „Schmerz“ war die Empfehlung einer Buchhändlerin und da ich noch nie ein Buch gelesen habe, das in Israel spielt und mich die Idee hinter dem Buch neugierig gemacht hat, habe ich es mir kurzerhand gekauft. Überzeugen konnte mich „Schmerz“ aber schließlich nicht.

Iris ist Mitte 40, hat einen Ehemann, eine schöne Wohnung, zwei fast erwachsene Kinder und einen angesehenen Beruf als Schuldirektorin. Ihr Leben könnte perfekt sein, wenn da diese eine Sache nicht wäre: Vor mehr als zehn Jahren wurde sie Opfer eines Terroranschlags, bei dem ihre Hüfte zertrümmert wurde. Nicht nur sie leidet seitdem unter den körperlichen Schmerzen, sondern ihre ganze Familie. Ihr Ehemann und sie haben sich nichts mehr zu sagen, ihre Tochter hat sich von ihr entfernt und ihr Sohn lebt sein eigenes Leben. Als sie wegen anhaltender Schmerzen wieder ins Krankenhaus geht, trifft sie unerwartet auf Eitan, ihren Exfreund, der sich als sie 17 war schlagartig von ihr trennte, und fühlt sich erneut zu ihm hingezogen.

Wir betrügen mit Worten, vielleicht ist das schlimmer als Betrug, wir betrügen mit Worten und sie strafen uns. – S. 95

Der Roman wird aus der Sicht von Iris erzählt und spielt in gewisser Weise auf drei Ebenen: Die Gegenwart, in der sie Eitan wieder trifft, ihre Zeit als sie 17 war und sich dieser von ihr das erste Mal trennte und der Tag des Attentats. Dabei zeigt Zeruya Shalev, dass Schmerz viele Gesichter haben kann. Er kann physisch sein, psychisch, gegenwärtig oder vergangen. Und sie zeigt, dass der Schmerz des einen auch der Schmerz des anderen sein kann. Die Auseinandersetzung mit der Vielschichtigkeit eines Gefühls ist in meinen Augen eine wirklich gute Idee. Und durch die Einbindung eines Terroranschlags in die Handlung, ist das Buch auch in Europa aktuell.

Shalevs Umsetzung dieser Idee ist in meinen Augen aber schlichtweg schlecht. Ich hatte einen Roman erwartet, in dem der Terroranschlag eines Selbstmordattentäters und dessen Folgen für die Protagonistin und deren Familie, den Alltag im Fokus steht. Tatsächlich ist es aber ein schlecht geschriebener gefühlsdusliger Liebesroman, in dem sich die Protagonistin Iris passiv durch das Leben treiben lässt. Diese Passivität ist aber keinesfalls eine Folge des Anschlages, sondern einer ihrer Charakterzüge, wie die Rückblicke des Romanes zeigen. Bereits in ihrer Jugend war sie ein unglaublich passiver Mensch. Zudem schwimmt sie durchweg im Selbstmitleid, weil sie aus ihrer unglücklichen Lebenssituation nicht herauskommt. Wie denn auch, wenn sie nicht aktiv handelt?

Sie wird hier bei ihnen bleiben, sie wird den Schein wahren, aber sie wird manchmal heimlich in ihr anderes Leben verschwinden, man kann das noch nicht einmal Doppelleben nennen, denn es gibt keinerlei Verdopplungen. Dort ist sie eine Frau und hier ist sie Mutter, das sind zweiDinge, die zusammen eine Einheit bilden, und das ist die Lösung, die sich fast natürlich aus ihrem Lebenslauf ergibt. – S. 162.

Erträglicher wurde der Roman erst als der Fokus von Iris weg auf die Probleme ihrer Tochter gerichtet wurde. Diese hatte sich, wie sich später herausstellte, einer Sekte angeschlossen und sich dadurch sowohl äußerlich als auch charakterlich stark verändert. Die Art, wie sich Iris schließlich für ihre Tochter einsetzt und wie sie versucht wieder Nähe zu ihr aufzubauen, hat mich positiv beeindruckt. An dieser Stelle bricht sie endlich aus ihrer Passivität aus und beginnt aktiv zu handeln. Leider beschränkt sich dieser Teil der Geschichte aber auf das letzte Drittel des Buches.

Obwohl ich die Idee des Romans interessant finde, konnte mich Zeruya Shalevs Umsetzung nicht überzeugen. Die Protagonistin ging mir beim Lesen unheimlich auf den Keks und erst im letzten Drittel des Romans, als sich der Fokus der Geschichte auf die Tochter von Iris legt, beginnt die Handlung ein wenig Schwung aufzunehmen. An der Stelle hatte mich Zeruya Shalev aber schon verloren. Ich hatte mich sehr auf das Buch gefreut, überzeugen konnten mich aber weder die Charaktere noch die Handlung oder der Schreibstil der Autorin.

★★☆☆☆

Schmerz – Zeruya Shalev
Verlag: Berlin Verlag
Erscheinungsdatum: 02.11.2016
Übersetzer: Mirjam Pressler
ISBN: 978-3-8333-1076-8
Seiten: 384

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1 comment

Herzensdinge | Woche 16 – Wortkulisse 2. Mai 2017 at 20:17

[…] Hey ho, ihr Lieben! Die vergangene Woche war, was das Lesen und Bücher betraf, unheimlich schön. Ich bin am Dienstag im Buchladen so richtig ausgeflippt und habe einfach mal zehn Bücher gekauft, habe endlich „Gefühl und Vernunft“ von Jane Austen beendet und „Ab morgen wird alles anders“ von Anna Gavalda und „Krieg“ von Janne Teller gelesen. Die beiden letzten Bücher sind zwei von den frisch gekauften. Welche Bücher am Dienstag noch mit zu mir nach Hause kommen durften, könnt ihr hier nachlesen. Außerdem habe ich meine Rezension zu „Schmerz“ von Zeruya Shalev veröffentlicht. Wenn ihr sie noch nicht gelesen habt, dann hier entlang. […]

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