Stolz und Vorurteil – Jane Austen

9. Mai 2017

Ich bin kein Fan von klassischen Liebesgeschichten, in denen sich zwei Menschen kennenlernen, allerhand Irrtümer und blöde Zufälle eine glückliche Beziehung verhindern und am Ende, nachdem alles ausgeräumt ist, doch noch heiraten. Natürlich kann man jetzt argumentieren, dass Jane Austens „Stolz und Vorurteil“ genau so ein Buch ist. Für mich ist es jedoch viel mehr: Eine authentische Liebes- und Familiengeschichte, eingebettet in die Zeit um 1800, in der bestehende Konventionen der Gesellschaft analysiert und mit einer guten Prise Ironie hinterfragt werden. Ich habe es geliebt!

Mrs. Bennet hat ein großes Ziel in ihrem Leben: Sie möchte ihre Töchter Jane, Elizabeth, Mary, Kitty und Lydia verheiratet sehen und das möglichst bald. Reich sollte der Mann sein, mit tadellosen Manieren, eine gute Stellung in der Gesellschaft ist unabdingbar und ja, Liebe darf natürlich auch nicht fehlen. Im Zentrum des Romans steht ihre zweitälteste Tochter Elizabeth. Sie ist eine starke, manchmal erfrischend vorlaute und kluge junge Frau. Auf einem Ball lernt sie Mr. Darcy kennen, der ihr gegenüber wenig Begeisterung zeigt und ihren Stolz tief verletzt. Ihre Abneigung gegen ihn wächst stetig, bis sie beide ihre Vorurteile gegenüber dem anderen schließlich ablegen können.

Sein Charakterbild stand nun ein für allemal fest: Er war der stolzeste, unangenehmste Mann auf der Welt, und jeder hoffte, daß er nie wieder dorthin kommen würde. – S. 15

Das erstaunliche an Jane Austens Roman ist, dass im Grunde nichts passiert – und dennoch hat mich der Roman mitgerissen. Als ich eine halbe Stunde Pause von der Arbeit an meiner Hausarbeit machen wollte, habe ich mich samt Buch aufs Sofa gelegt. Als ich das nächste Mal auf die Uhr blickte, waren fast zwei Stunden vergangen – ich hatte meine Welt komplett vergessen. Jane Austen erzählt aus dem Alltag der Familie Bennet und rückt dabei das Zwischenmenschliche in den Mittelpunkt ihrer Geschichten. Der Roman ist erstaunlich dialoglastig, was ich sehr genossen habe.

Die Unterhaltungen sind nämlich nicht nur informativ und verraten so einiges über den Charakter der Figuren, sie sind zudem authentisch, wirklich glaubhaft und häufig unterhaltsam und spritzig. Sprachlich finde ich die Übersetzung von Werner Beyer sehr gelungen. Ich hatte am Anfang ein paar Seiten gebraucht, um mich an die alt wirkende Sprache zu gewöhnen, aber das lag vermutlich nur an mir. Denn sobald ich mich einmal an die Sprache gewöhnt hatte, habe ich sie als sehr melodiös empfunden. Ganz besonders hat mir außerdem gefallen, dass der Roman nicht nur durch direkte Gespräche gelebt hat, sondern auch Briefe einen hohen Stellenwert bekommen haben. Einige sehr lange und auch die ein oder anderen kurzen Briefe komplementieren die Handlung, indem sie zahlreiche neue Informationen sowohl für die Protagonist*innen als auch für die Leser*innen enthalten und die Handlung damit ein ums andere Mal in eine neue Richtung lenken.

„Ich habe die Poesie immer als Nahrung der Liebe angesehen“, sagte Darcy. „Wenn es sich um eine schöne, starke, gesunde Liebe handelt, mag das wohl stimmen. Was schon stark ist, zieht aus allem Nahrung. Doch wenn es nur eine schwache, zarte Zuneigung ist, bin ich sicher, daß sie ein einziges gutes Sonett völlig dahinschwinden läßt“. – S. 52

Die Protagonist*innen leben in einem patriarchalischen System, in dem die Frauen ihre Zukunft nur durch eine vorteilhafte Heirat sichern können. Warum hat mich der Roman dann dennoch so fasziniert? Zuerst einmal muss man die Handlung und das darin beschriebene Gesellschaftsbild in den zeitlichen Kontext rücken. Eine emanzipierte Gesellschaft zu erwarten oder gar zu verlangen, wäre schlicht gesagt idiotisch. Tatsächlich begeistert war ich aber vom Verhalten von Elizabeth Bennet, da sie sich zwar in vielen Bereichen in das Gesellschaftsbild einpasst, andererseits aber immer wieder durch ihre intelligente, offene und schlagfertige Art aneckt und die Grenzen dehnt.

Jane Austen erzählt in „Stolz und Vorurteil“ aus dem alltäglichen Leben ihrer Figuren und macht das auf eine wunderschöne, intelligente, gesellschaftskritische, manchmal ironische und in jedem Fall authentische Weise, die mich von der ersten Seite an gepackt hat. Ich konnte den Roman nicht mehr aus der Hand legen und habe beim Lesen alles um mich herum vergessen. „Stolz und Vorurteil“ ist mein erster Roman von Jane Austen und wird definitiv nicht der letzte sein. Ich bin im Austen-Fieber!

Stolz und Vorurteil – Jane Austen

Verlag: Fischer Taschenbuch
Erscheinungsdatum: 01.03.2008 (Ersterscheinung: 28.01.1813)
Übersetzer: Werner Beyer
ISBN:  978-3-596-90004-6
Seiten: 448

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1 comment

Léon und Louise – Alex Capus – Wortkulisse 16. Mai 2017 at 06:07

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