Léon und Louise – Alex Capus

16. Mai 2017 1 comment

„Léon und Louise“ ist nach „Das Leben ist gut“ das zweite Buch, das ich von dem Schweizer Schriftsteller Alex Capus gelesen habe. Wie ich letzte Woche hier bereits schrieb, bin ich kein großer Liebesroman-Leser. „Léon und Louise“ habe ich dennoch sehr gemocht, nicht nur wegen der bezaubernden Louise, sondern auch aufgrund der Einbettung der Liebesbeziehung in die Zeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Léon ist 17 Jahre alt, als er 1918 von Zuhause auszieht und in Saint-Luc-sur-Marne eine Stelle als Morseassistent annimmt. Dort trifft er zum ersten Mal auf Louise, eine junge Frau in gepunkteter Bluse, die ihn mit ihrem quietschenden Fahrrad überholt. Auch wenn sich Louise vorerst den Avancen Léons entzieht, stimmt sie schließlich einem Wochenendausflug ans Meer zu. Viel Zeit ist ihnen jedoch nicht vergönnt: Als sie sich gemeinsam auf den Rückweg machen, geraten sie in einen Bombenangriff. Léon wird schwer verletzt gefunden, aber Louise ist spurlos verschwunden. Jeder glaubt, dass sie bei dem Angriff gestorben ist. Bis Léon und Louise zehn Jahre später in der Pariser Métro erneut aufeinander treffen.

„Dich kenne ich“, sagte sie, „aber woher?“ Ihre Stimme war noch bezaubernder, als Léon sie in Erinnerung gehabt hatte. „Von der Landstraße“, sagte er. „Sie haben mich auf dem Fahrrad überholt. Zweimal.“ – S 44

Alex Capus hat eine wunderbare Art seine Geschichten zu erzählen und Figuren zum Leben zu erwecken. So einige Textstellen sprühen förmlich vor Humor, ohne die Geschichte albern wirken zu lassen. Das macht das Lesen seiner Bücher zu einem angenehmen Erlebnis. Gefallen hat mir außerdem, dass der Romans in Frankreich spielt und ich als Leserin insbesondere den zweiten Weltkrieg von einer neuen Perspektive aus betrachten konnte. Das Besondere an der Liebesgeschichte zwischen Léon und Louise ist deren Einbettung in die Zeit des ersten und zweiten Weltkrieges. So unterschiedlich wie Léon und Louise sind, ist auch deren Umgang mit dem zweiten Weltkrieg. Während Léon gemeinsam mit seiner Frau und den Kindern in Paris bleibt und weiterhin seiner Arbeit nachgeht, verlässt Louise Frankreich und kehrt erst nach der Zurückeroberung Paris‘ durch die Forces Françaises Libres zurück. Während der Zeit ihres durch die Arbeit bedingten Exils erfahren die Leser nur durch gelegentliche Briefe an Léon, was in ihrem Leben passiert.

Erst jetzt, da ein paar tausend Kilometer Distanz uns vor Heimlichkeiten, Lügen und Niedertracht bewahren und wir einander mit großer Sicherheit lange Zeit nicht mehr sehen werden, erst jetzt fühle ich mich Dir wieder ganz nah. – S. 190

Louise ist eine außergewöhnliche Frau: Sie ist selbstbewusst, realistisch, schlagfertig und emanzipiert. Sie ist diejenige, die in meinen Augen die Liebesgeschichte zu etwas Besonderem macht, denn sie ermöglicht, dass sich beide Partner auf Augenhöhe begegnen. Neckereien und kleine Spötteleien frischen die Beziehung der beiden auf. So sehr wie ich Louise geliebt habe, so fern blieb mir Léon als Charakter. Er ist besonders als erwachsener Mann recht farblos. Dadurch wird die Geschichte, wenn Louise nicht mehr in Paris ist und der Fokus fast ausschließlich auf Léon liegt langatmiger. In diesem Teil des Romans wird vor allem der Umgang Léons mit dem nationalsozialistischen Regime in Paris dargestellt. Er ist zwar kein großer Aufwiegler, verweigert seine Arbeit nicht und verlässt nicht das Land, aber er sabotiert seine Arbeit durch Unsauberkeiten. Das bleibt natürlich nicht unbemerkt und die schon bald einsetzenden subtilen Drohungen des Vorgesetzten zeigen, wie schwer es gewesen sein muss, sich in dieser Zeit gegen die Nationalsozialisten aufzulehnen.
Merkwürdig fand ich unterdessen Yvonne, die Frau Léons. Sie ist ein farbloser Charakter, der zu wenig Tiefe besitzt. Sie war in meinen Augen hauptsächlich ein Mittel zum Zweck, der Sündenbock, um begründen zu können, warum es okay ist, wenn Léon nicht treu ist. Das finde ich sehr schade, denn gerade eine authentischere Spannung in der Ehe hätte den Roman noch besser gemacht.

 

„Léon und Louise“ ist ein süßer und gleichzeitig tiefgründiger Roman, in dem Alex Capus ohne Kitsch, dafür aber mit einer guten Prise Humor die Liebesgeschichte zweier Menschen erzählt. Die Einbettung dieser in den Hintergrund des ersten und zweiten Weltkrieges und Louise machen die Geschichte zu etwas Besonderem. Der Roman hat mich nicht ganz so sehr von den Socken gehauen, wie ich es erwartet hatte, hat mir beim Lesen aber dennoch sehr viel Freude bereitet.

 

Léon und Louise – Alex Capus

Verlag: dtv
Erscheinungsdatum: 1. Juli 2012
ISBN: 978-3-423-14128-4
Seiten: 320

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1 comment

Anaïs 17. Mai 2017 at 12:15

Hallo! Léon und Louise ist mir in letzter Zeit immer öfter in den Buchhandlungen begegnet und ich habe immer mehr Lust dieses Buch, das meine Eltern so geliebt haben, auch zu lesen. Ich bin nach deiner Rezension sehr gespannt darauf und denke, dass ich bald einmal zur Lektüre greifen werde!
Ganz herzliche Grüsse und einen sonnigen Tag wünsche ich! Anaïs

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