Elefant – Martin Suter

20. Mai 2017

Als der Obdachlose Schoch den kleinen leuchtenden Elefant zum ersten Mal in seiner Höhle am Flußufer sieht, hält er ihn für ein Gespinst seines vom Alkohol zermürbten Gehirns. Doch bald muss er feststellen, dass der kleine Elefant, der im Dunkeln leuchtet, real ist. Gemeinsam mit der Tierärztin Valerie kümmert er sich um das Tier und ahnt nicht, welche Anstrengungen bereits zuvor unternommen wurden, um das Leben des Elefanten zu schützen – und wie sehr es bedroht ist. Denn der Genforscher Roux sucht händeringend nach seiner wissenschaftlichen Sensation, von der er sich den großen Ruhm erhofft.

Ein Kinderspielzeug. Ein Elefäntchen, rosarot, wie ein Marzipanschweinchen, aber intensiver. Und es leuchtete wie ein rosarotes Glühwürmchen. – S. 5

Vor einiger Zeit las ich einen Artikel der ZEIT, der sich mit der Crispr/Cas-Methode, mit der genetisch veränderte Organismen erzeugt werden können, beschäftigt. Ich hatte bis dahin nicht viele Gedanken an Genmanipulation verschwendet und überhaupt keine Ahnung davon, was mittlerweile möglich ist. Der kleine rosa Elefant aus Martin Suters neuem Roman ist ein Produkt dieser Methode und demnach nicht vollkommen aus der Luft gegriffen. Das kontroverse Thema der Genmanipulation verflechtet Suter mit weiteren gesellschaftsrelevanten Aspekten: Wie findet ein Mensch, der sich und das Leben aufgegeben hat, zurück ins Leben? Wie weit sind Menschen bereit zu gehen, um Ruhm und Reichtum zu erlangen? Wie schlecht sind Menschen aus Gier bereit, andere Lebewesen zu behandeln? Wie weit darf man gehen, um etwas Unethisches zu verhindern? Zudem vereint sich mit der Alltagsrealität und der Vergangenheit des Obdachlosen Schoch eine gute Portion Gesellschafts- und Kapitalismuskritik. Wie so oft, sind es diejenigen, die am wenigsten haben, die am meisten zu geben bereit sind.

Während diejenigen, die am meisten haben, ohne Rücksicht nach noch mehr streben. All das hüllt Martin Suter in einen federleichten und humorvollen Mantel und macht damit das Lesen des Romans zu einem wahren Vergnügen.

Doch mit der Frage, wie unethisch man zur Verhinderung von etwas Unethischem vorgehen durfte, hatte er sich noch nicht weiter beschäftigt. – S. 173

Der Roman ist in zwei Handlungsstränge aufgeteilt: Der erste beginnt im Jahr 2016, in dem Schoch den Elefanten findet. Der zweite Handlungsstrang beginnt jedoch bereits im Jahr 2013 und verrät woher die kleine Elefantendame kommt und führt den Genforscher Roux somit in die Geschichte ein. Beide Handlungsstränge verflechten sich mit dem Fortschreiten der Geschichte immer mehr miteinander, solange bis Roux und Schoch schließlich aufeinander treffen. Durch diesen Erzählstil entwickelt der Roman eine Dynamik, die mich eng an die Geschichte gefesselt hat.
Die Sympathie den Charakteren gegenüber wird durch den Autor quasi vorgegeben: Auf der Sympathieseite stehen unter anderem Schoch und Valerie, die alles dafür tun, um das Leben des kleinen Elefanten zu beschützen. Auf der anderen Seite steht unter anderem Roux, der Genforscher, der aus der Einzigartigkeit seines Forschungsproduktes Profit schlagen möchte. Zudem weiß der Autor wie er seine Leser an das kleine Elefäntchen durch geschickt platzierte Gedanken Schochs und kleine Niedlichkeiten im Verhalten des Elefanten bindet. Ich habe mich mindestens genauso sehr in den kleinen rosa Elefanten verliebt, wie Schoch es tut, wenn er sich liebevoll, aber mit einigen Schwierigkeiten um ihn kümmert. Denn wenn der kleine Elefant eines tut, dann für ordentlich Wirbel sorgen.

Der Roman „Elefant“ von Martin Suter ist ein einzigartiges Buch, das mich direkt in Herz und Kopf getroffen hat. Der Autor versteht es, schwierige Themen leicht zu verpacken und somit einen mitreißenden Unterhaltungsroman zu schaffen, der bei genauerem Hinsehen viel Tiefe besitzt. 

Elefant – Martin Suter

Verlag: Diogenes
Erscheinungsdatum: 18. Januar 2017
ISBN: 978-3-257-06970-9
Seiten: 352

Das könnte dir auch gefallen

2 comments

Nicci Trallafitti 4. Juni 2017 at 11:18

Hey!
Über Umwege bin ich auf deine schöne Seite gestoßen. Schade, dass ich dir nicht per Mail folgen kann, um über neue Beiträge informiert zu werden.

Elefant befindet sich noch ungelesen im Regal, ich glaube, das sollte ich ganz schnell ändern.
Tolle Rezension und wunderschöne Fotos, übrigens!

Liebe Grüße,
Nicci

Reply
Ein Monat in Büchern | Mai 2017 – Wortkulisse 12. Juni 2017 at 09:45

[…] Elefant – Martin Suter […]

Reply

Leave a Comment

*