Der Report der Magd – Margaret Atwood

28. Mai 2017

Margaret Atwood entwirft in ihrer Dystopie ein düsteres Bild der Zukunft, in der vor allem Frauen kaum mehr Rechte haben. Sie ist ein großartiger Roman, aus dem wir viel lernen können.

Nach nuklearen Katastrophen ist ein Großteil der Menschen unfruchtbar geworden. Christliche Fanatiker sehen die Zukunft Amerikas in Gefahr und stürzen mittels Staatsstreich den Kongress. Sie setzen die Verfassung außer Kraft und etablieren die Republik Gilead, eine patriarchale Militärdiktatur mit theokratischen Tendenzen, deren Ideologie auf aus dem Zusammenhang gerissenen Bibelversen beruht. Die Gesellschaft ist von nun an strikt nach Geschlecht, Klasse und der zugeschriebenen Aufgabe unterteilt. Während es für die Männer jedoch möglich ist, Klasse und Aufgabe zu wechseln, bleiben Frauen Ehefrauen, Ökonofrauen, Mägde oder Unfrauen. Desfred ist durch ihre rote Kleidung, die sich so stark von dem zarten hellblau der Ehefrauen abhebt, für alle als Magd und damit als fruchtbar zu erkennen. Ihre einzige Aufgabe ist es, dem Kommandanten Fred („Des Fred“; im englischen Original „Offred“) und seiner Ehefrau ein gesundes Kind zu gebären.

Selig werden durch Kinderzeugen, denke ich. Was haben wir in der Zeit davor geglaubt, was uns seelig machen würde? – S. 297

Die Zukunft die Margaret Atwood entwirft ist düster: Frauen haben kaum Rechte, dürfen kein Eigentum besitzen, kein Geld, sie dürfen keiner Arbeit nachgehen, die ihnen nicht zugeschrieben wurde, haben keine Kontrolle über ihr Leben oder ihren Körper. Ihre einzige Aufgabe ist es, Kinder zu bekommen und damit das Fortbestehen der Menschheit zu sichern. Unfruchtbare Frauen und Frauen, die zu alt geworden sind, um Kinder zu bekommen, werden zu Unfrauen erklärt und in Kolonien geschickt, wenn sie ihr gesellschaftlicher Stand als Ehefrau eines einflussreichen Mannes nicht schützt. Babys, die aufgrund der Strahlenbelastung körperliche oder geistige Unzulänglichkeiten aufweisen, werden zu Unbabys erklärt und verschwinden. Gegner der verqueren Ideologie, Ärzte aus der Zeit davor, die Abtreibungen durchführten, Geistliche, Verräter werden öffentlich gehängt und anschließend zur Schau gestellt. Es ist eine Zukunft der vollkommenen Unterdrückung und Frauenverachtung. Dabei wird die Regierung durch Spione, so genannte Augen, unterstützt. Das hat mich sehr an die Stasi in der DDR erinnert. Du kannst niemandem vertrauen, weil du nicht weißt, ob er dich vielleicht verrät.

Es gibt mehr als nur eine Form von Freiheit, sagte Tante Lydia, Freiheit zu und Freiheit von. In den Tagen der Anarchie was es die Freiheit zu. Jetzt bekommt ihr die Freiheit von. Unterschätzt sie nicht. – S. 39

Während des Lesens bin ich geschockt über die Seiten geflogen und habe mich immer wieder gefragt: Warum? Wie konnte sich ein solcher Staat, der sich die Frauenverachtung und die Unterwerfung der Menschen zur obersten Maxime gemacht hat, etablieren? Wie war es möglich, dass unzähligen Frauen Arbeit, Familie und das Recht auf Selbstbestimmung genommen wurde? Die Ich-Erzählerin Desfred gibt in dem Roman Antworten, in dem sie sich zurück erinnert, an die Zeit davor. An ihren Mann Luke und ihr Kind, an ihre Katze und an ihren gescheiterten Versuch, gemeinsam nach Kanada zu fliehen. Die Gedanken Desfreds sind eindringlich, zeugen von Sehnsucht und Hoffnung, aber auch von Resignation. Die Perspektive der Leser bleibt auf die Erlebnisse Desfreds beschränkt. Wir erleben entscheidende Situationen ihrer Vergangenheit, den Weg zum Einkaufen, die Geburt eines Kindes in einem anderen Haus, die Exekution von Straftäterinnen und der Akt der Kindszeugung, der keinesfalls erotisch, sondern pragmatisch in Anwesenheit der Ehefrau vollzogen wird.

„Ja, wir sind sehr glücklich“, murmele ich. Denn irgendetwas muss ich sagen. Und was kann ich anderes sagen? – S. 46

In Margaret Atwoods Roman geht es um Macht und Machtverhältnisse. Um die Macht von Männern über Frauen. Die kanadische Autorin zeigt in dem Roman, der bereits 1985 erschien, dass alle Fortschritte auf dem Weg zur Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau bedroht sind und rückgängig gemacht werden können. Sie erinnert daran, dass unzählige Frauen auf der Welt in patriarchalen Staaten leben und nicht die Entscheidungshoheit über ihren eigenen Körper und ihr eigenes Leben haben. Und sie zeigt, was heute wieder erschreckend aktuell ist, dass ein Polizeistaat zwar Sicherheit, aber auch die absolute Einschränkung der individuellen Freiheit bedeutet.

Margaret Atwood zeichnet in ihrem dystopischen Roman „Der Report der Magd“ ein erschreckendes Bild der Zukunft, in der Frauen unterdrückt und auf ihre biologische Fähigkeit bzw. Unfähigkeit reduziert werden. Desfred, die Magd des Kommandanten Fred, fügt sich anfänglich in ihre Rolle, bricht aber zusehends geistig und schließlich auch durch ihre Taten aus dem engen Korsett der Benimmregeln heraus. Der Roman ist ein Appell, sich nicht auf den eigenen Rechten und Freiheiten auszuruhen, denn sie können einem schneller genommen werden, als man vielleicht denkt.

Der Report der Magd – Margaret Atwood

Verlag: Piper
Erscheinungsdatum: 03.04.2017 (Ersterscheinung: 1985)
Übersetzerin: Helga Pfetsch
ISBN: 978-3-492-31116-8
Seiten: 416

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5 comments

Paula 1. Juni 2017 at 19:46

Hallo, du Gute
Als Antwort gibt es gleich einen Kommentar zurück!
Ich lese deinen Blog schon fast seit Anbeginn (ich glaube sogar, dass wir beide ziemlich gleichzeitig mit dem Buchblog angefangen haben) und bin grosser Fan! Wunderschönes Design, tolle Beiträge und natürlich: hervorragende Wahl der Bücher.
Ich schau immer wieder sehr gerne vorbei! 🙂

Viele liebe Grüsse
Paula | http://www.heimwehkrank.com

PS: Ich habe bis jetzt mit wix.com gearbeitet, aber die Designmöglichkeiten sind schon begrenzt… Überlege gerade auf wordpress umzusteigen… Was für einen Anbieter verwendest du?

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Cora 8. Juni 2017 at 18:13

Oh, das freut mich unheimlich. Danke dir! 🙂

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Marina 1. Juni 2017 at 22:38

Ich hab „Der Report der Magd“ auch vor kurzem erst gelesen und kann deinen Beitrag dazu nur unterschreiben. Atwood beschreibt unfassbar realistisch und beängstigend eine Gesellschaftsentwicklung, die so schnell Realität werden könnte – wenn man sich nicht für seine Rechte einsetzt, sondern diese einfach nur als selbstverständlich hinnimmt.

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Die Vorleser 8. Juni 2017 at 17:52

Liebe Cora,

„Der Report der Magd“ habe ich vor vielen Jahren gelesen und bin dann ein großer Magret Atwood Fan geworden. Erschreckend ihre Zukunftsvision, darum müssen gerade die jungen Frauen achtsam sein und ich – als ältere Frau – versuche sie zu unterstützen. Liebe Grüße von Gisela von den Vorlesern

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Cora 8. Juni 2017 at 18:12

Genauso ist es! 🙂

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