Die Eleganz des Igels – Muriel Barbery

18. Juni 2017 0 comment

„Die Eleganz des Igels“ von Muriel Barbery erzählt aus dem Leben und den Tagebüchern der Concierge Renée und dem Mädchen Paloma, das in demselben Stadthaus in der Rue de Grenelle 7 in Paris lebt.

„Um Marx zu verstehen und zu verstehen, warum er unrecht hat, muß man ‚Die deutsche Ideologie‘ lesen.“ ist einer der ersten Sätze, den die Leser*innen lesen und mit dem sich Renée doch beinahe an einen der Mieter in dem Pariser Stadthaus, in dem sie als Concierge arbeitet, verrät. Denn so sehr sie versucht, das stereotypische Bild einer Concierge zu verkörpern, so wenig entspricht sie ihm in ihrem Inneren. Aber davon sollen die Mieter in dem Haus nichts erfahren. Und deshalb ist dieser Ratschlag so gefährlich – oder auch nicht, denn Menschen glauben ja eh nur das, was in ihre geistigen Gewohnheiten passt. Und diese befriedigt Renée ganz ordentlich, verwitwet, plump und griesgrämig wie sie ist. Von den Puschen, mit denen sie schlurfend zur Loge läuft, den zotteligen Haaren, die schon jahrelang keinen Friseur mehr gesehen haben, den einsilbigen Antworten, die ihre Debilität vortäuschen, bis hin zum Essensgeruch in ihrer Loge, hat sie ihre perfekte Tarnung hinter dem Klischee der ungebildeten, wenig gepflegten und mies gelaunten Concierge gefunden. Insgeheim jedoch liest sie die großen und kleinen Werke der Philosophie und Literatur, schaut jeden Film des japanischen Regisseurs Yasujiro Ozu und zitiert fleißig ihren Lieblingsautor Leo Tolstoi. Sodass ihr lächerliches Tagebuch einer alten Concierge, wie sie es selbst nennt, vor Intelligenz, scharfer Beobachtungsgabe und einer ordentliche Prise Humor nur so sprüht.

Ich las wie eine Besessene, heimlich zunächst, und dann, als mir die normale Zeit des Lernens abgelaufen zu sein schien, vor aller Augen, wobei ich jedoch sorgfältig verbarg, welches Vergnügen und welches Interesse ich dabei empfand. – S. 43

Das Stadthaus, in dem Renée wohnt und arbeitet, ist jedoch nicht irgendein unbedeutendes Haus inmitten Paris‘, sondern ein Palais mit 400 Quadratmeter großen Wohnungen, deren reiche Bewohner sie für ungebildet, verlogen und bösartig bis über beide Ohren findet.
Fünf Etagen über ihr, wohnt die Familie Josse: der Vater ist sozialistischer Abgeordneter, die Mutter ist mit der Fürsorge um ihre Grünpflanzen und der Psychoanalyse beschäftigt und die beiden Töchter Colombe und Paloma können sich absolut nicht ausstehen. Denn während Colombe eifrig ihren Eltern nacheifert, missachtet die zwölfjährige Paloma die Oberflächlichkeit und Stumpfsinnigkeit der Welt, von der sie umgeben ist. Paloma ist unheimlich altklug und intelligent, ohne großen Aufwand Klassenbeste und hat einen Faible dafür, die Heuchelei ihrer Mitmenschen zu erkennen und zu analysieren. Hinter der Hässlichkeit und Unaufrichtigkeit der Menschen erkennt sie nicht den Sinn des Lebens und beschließt, sich an ihrem dreizehnten Geburtstag umzubringen. Doch so ganz aufgeben möchte sie nicht und schreibt deshalb zwei eigene Tagebücher, in denen sie zum einen tiefgründige Gedanken und zum anderen Bewegungen der Welt festhält. Sollte sie nur eine Bewegung in vollkommener Harmonie vor ihrem dreizehnten Geburtstag beobachten können, so werde sie ihren geplanten Suizid noch einmal überdenken.

Doch wenn man das Morgen fürchtet, dann darum, weil man nicht fähig ist, die Gegenwart aufzubauen, und wenn man nicht fähig ist, die Gegenwart aufzubauen, redet man sich ein, daß man es morgen tun könne, und das geht nicht auf, weil morgen schließlich immer heute wird, verstehen Sie, was ich meine? – S. 141

Renée und Paloma haben weite Teile des Romans nichts miteinander zu tun und sind dennoch durch ihre Gedanken und ihre pessimistische Art, die Welt zu sehen, miteinander verbunden. Außerdem teilen sie ihre Leidenschaft für die japanische Kultur miteinander. Nachdem ein Hausbewohner mehr oder minder überraschend verstirbt, taucht ein neuer Mann in dem Pariser Stadthaus auf. Er ist Japaner, charmant, gebildet und beginnt mit einer Liebenswürdigkeit, die für Menschen seiner Gehaltsklasse untypisch ist, hinter die Tarnung der Concierge zu blicken und der kleinen Paloma das Gute auf der Welt zu zeigen.

Madame Michel besitzt die Eleganz des Igels: Außen ist sie mit Stacheln gepanzert, eine echte Festung, aber ich ahne vage, daß sie innen auf genauso einfache Art raffiniert ist wie die Igel, diese kleinen Tiere, die nur scheinbar träge, entschieden ungesellig und schrecklich elegant sind. – S. 157

Der Roman basiert auf den Ausführungen der Gedanken Renées und Palomas in ihren Tagebüchern. Dadurch grenzt Muriel Barbery den Beobachtungsradius ihrer Leser*innen ein, schafft aber gleichzeitig einen tiefen Einblick in die Gedankenwelt dieser beiden Charaktere – und die ist keineswegs langweilig. Insbesondere Renées Tagebucheintrage sind sprachlich eine wahre Fundgrube, wenn sie ihre Tage in Trübsinn verbringt, schöne Sätze ihr Freudentränen entlocken und sie von Zeit zu Zeit die Sphäre ihres literarischen Gedächtnisses besucht. Paloma hingegen hat einen scharfen Beobachtungssinn und nimmt die kleinsten Bewegungen in ihrer Umgebung wahr. Beide vereint zudem die, zugegeben nicht unbedingt nachahmenswerte Angewohnheit, zynisch auf ihre Mitmenschen zu blicken und sich innerlich über sie lustig zu machen. Leider bleiben Renées und Palomas Leben lange Zeit voneinander getrennt und es dauert, bis die beiden aufeinander treffen und beginnen, hinter die Fassade des jeweils anderen zu blicken. Das liegt nicht zuletzt daran, dass auch der neue Nachbar erst sehr spät im Buch seinen Auftritt hat. Ich hätte mir gewünscht, mehr über diese ungewöhnliche Dreiecksbeziehung zwischen ihnen zu erfahren und mitzuerleben, wie sie ihre sicheren Fassaden, die ihr Inneres von ihrer Außenwelt trennen, Stück für Stück abbauen. Das Ende, nun ja, ich möchte nichts vorwegnehmen, es aber auch nicht unerwähnt lassen, kommt viel zu plötzlich und ist der Geschichte und den Figuren in meinen Augen absolut unwürdig.

 

Muriel Barberys Roman „Die Eleganz des Igels“ gibt einen tiefen Einblick in das Seelenleben zweier Frauen, die unterschiedlicher und einander ähnlicher nicht sein könnten. Er lebt von den intelligenten Gedanken, dem mitunter bissigen Humor und den detaillierten Beobachtungen der Protagonistinnen. Der Roman hat mich sprachlich sehr angesprochen und auch Renée und Paloma sind mir in ihrer liebenswürdigen Verschrobenheit ans Herz gewachsen. Ich hätte mir jedoch mehr Begegnungen zwischen ihnen und ein anderes Ende gewünscht. Dank der zahlreichen Anspielungen auf Leo Tolstoi habe ich gleich nach „Die Eleganz des Igels“ zu „Anna Karenina“ von Leo Tolstoi gegriffen, das schon seit einer Ewigkeit in meinem Regal auf mich wartet.

 

Die Eleganz des Igels – Muriel Barbery

Verlag: dtv
Erscheinungsdatum: 01. Oktober 2009
Übersetzerin: Gabriela Zehnder
ISBN: 978-3-423-13814-7
Seiten: 384

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