Schrecklich schön und weit und wild – Matthias Politycki

25. Juni 2017 1 comment

Der deutsche Autor Matthias Politycki gewährt uns in seinem neuen Buch „Schrecklich schön und weit und wild. Warum wir reisen und was wir dabei denken“ einen Einblick in seine Reisekultur und fragt, was uns denn eigentlich zum Reisen bewegt.

Seit vierzig Jahren ist Matthias Politycki auf der Welt unterwegs. Für ihn stand jedoch nie im Vordergrund, möglichst viele Länder auf seiner Liste abzuhaken. Es geht immer um mehr als um die reine Quantität. Er hat noch die analoge Art des Reisen gekannt und gelebt, die heute mit Smartphones, Instagram und Facebook vielleicht gar nicht mehr möglich ist, und sich stets von seiner Neugier treiben lassen. Er bereiste in seinem Leben bereits 79 Länder. Auf diesen Reisen hat er unterschiedliche Kulturen, Realitäten und Menschen kennenlernen und erleben dürfen und zahlreiche Anekdoten gesammelt, die nun einen Platz in seinem neuen Buch „Schrecklich schön und weit und wild. Warum wir reisen und was wir dabei denken“ finden. Wie ein roter Faden zieht sich die Frage „Was treibt uns in die Ferne?“ durch seine Essays, die sich mit verschiedenen Aspekten des Reisens beschäftigen. Von Routenplanung und Spontanität über das Reisegepäck und das perfekte Fortbewegungsmittel bis hin zum entscheidenden Unterschied zwischen dem Reisenden und dem Touristen versucht der Autor einen allumfassenden Blick auf die Reisekultur zu werfen. Dabei lässt er häufig sich, von Zeit zu Zeit aber auch eine*n seiner reisenden Freund*innen zu Wort kommen. Ob Konsul Walder, Dschisaiki, Dr. Black oder Indra wirklich existieren? Wer weiß. Aber sie ergänzen die eigene Sicht des Autors und erlauben damit andere Blickwinkel auf die besprochenen Themen.

Wohin wir auch reisen, in erster Linie reisen wir weg von uns selbst und unseresgleichen. Weil wir es wieder einmal satt haben, alle und alles satt haben, am allermeisten den, der wir selber sind, der uns bedrückt und beengt und ganz und gar nicht derjenige ist, der wir sein wollen. – S. 17

Matthias Polityckis Art zu reisen scheint unkonventionell zu sein und dabei doch alle Anforderungen an die Generationen der zunehmenden Globalisierung zu erfüllen. Er trampte, bereiste unzählige Länder, suchte nach den größten Abenteuern und den abgelegensten Orten, suchte Streit mit Einheimischen und nach den größten Unterschieden der Kulturen auf der Welt. Seine Erlebnisse sind vielfältig und ließen nicht nur mich beim Lesen, sondern bestimmt auch den Autor während des Niederschreibens das ein oder andere Mal innerlich den Kopf schütteln. Seine Erlebnisse verknüpft Matthias Politycki mit dem Wandel in der Reisekultur und diese wiederum mit aktuellen politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen.

Wer lang genug so gereist ist, ist für jede Ideologie verloren, er ist Selbstdenker und also auch zu Hause ein Fremder. – S. 189

Ich mag den Gedanken des Autors, dass das Reisen uns verändert, dass wir mit jeder Reise zu einem anderen, aber nicht zwangsläufig zu einem besseren Menschen werden. Dass wir uns auf andere Kulturen und Lebensweisen einlassen müssen, um sie zu verstehen oder um zumindest erahnen zu können, was sie für den Alltag bedeuten, und dass wir aber gleichzeitig unsere Werte auch in der Ferne verteidigen müssen. Ich finde es gut, dass er sich mit der selektiven Berichterstattung unserer westlichen Medien auseinandersetzt, die nur einen Bruchteil von dem zeigt, was auf der Welt passiert und unser Weltbild damit entscheidend prägt und einengt, und dass er Globalisierung und politische Korrektheit auch kritisch betrachtet. Diese Themen sind nur einer Teil der Fülle an Aspekten des Reisens, die Matthias Politycki in seinem Roman behandelt.

Die Wahrheit ist, dass ich unter einer Obsession leide, die mich im Verlauf meines Reiselebens mehr und mehr in den Bann gezogen hat. Rückseiten ziehen mich einfach stärker an als Vorderseiten, hier atme ich anders durch, hier werde ich ein anderer, jedenfalls vorübergehend. – S. 114

Sein Buch beginnt erstaunlicherweise mit dem Essay „Mein Abschied vom Reisen“. Der Autor argumentiert, dass die Flüchtlingsfrage seit 2015 eine neue, todernste Dimension des Reisens offen gelegt und ihm damit seine Unbeschwertheit genommen hat. Diese Assoziation ist für mich nicht wirklich schlüssig. Reisen und flüchten sind in meinen Augen zwei vollkommen unterschiedliche Aktionen, die nicht miteinander verglichen werden können. So geht es mir mit einigen weiteren Argumentationen, die einen leisen Anflug von westlicher Arroganz erahnen lassen. Zudem stört es mich sehr, dass er Menschen mit körperlichen Einschränkungen als Krüppel oder die Bewohner der Slums als Penner bezeichnet und sich über Seiten mit der Frage beschäftigt, wo denn nun die schönsten Frauen leben. Was soll das? Seine Aussagen sind provokant, zeugen an vielen Stellen von einer guten Portion Ironie, schießen für mich aber zeitweise deutlich über das Ziel hinaus.

 

Matthias Politycki verbindet in seinem Buch „Schrecklich schön und weit und wild“ zahlreiche interessante Aspekte des Reisens mit seinen eigenen Erlebnissen und den politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen auf der Welt. Seine provokante und von Zeit zu Zeit ins Abschätzige driftende Art zu schreiben und auf einige Aspekte des Reisens und der Welt zu blicken, haben mich jedoch etwas verwundert zurückgelassen. Mir bleibt wohl nur eines übrig: So viel wie möglich zu reisen und damit meinen eigenen unabhängigen Blick auf die Welt zu schärfen. Und das wäre vermutlich sogar in Polityckis Sinn. 

 

Schrecklich schön und weit und wild – Matthias Politycki

Verlag: Hoffmann und Campe
Erscheinungsdatum: 11. April 2017
ISBN: 978-3-455-50426-2
Seiten: 352

Vielen lieben Dank an Hoffmann und Campe, die mir das Rezensionsexemplar zu Verfügung gestellt haben!

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Ein Monat in Büchern | Juni 2017 – Wortkulisse 1. Juli 2017 at 07:38

[…] Schrecklich schön und weit und wild – Matthias Politycki […]

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