Gefühl und Vernunft – Jane Austen

4. Juli 2017 1 comment

„Gefühl und Vernunft“ (auch „Verstand und Gefühl“ oder „Sinn und Sinnlichkeit“) ist einer der sieben vollständigen Romane der britischen Schriftstellerin Jane Austen. Auch wenn für mich vermutlich kein Buch an die großartige Liebesgeschichte von Elizabeth und Mr. Darcy aus „Stolz und Vorurteil“ heranreichen wird, ist die Geschichte um die Schwestern Elinor und Marianne dennoch berührend und von dem für Jane Austen so typischen Humor durchzogen.

Die Schwestern Elinor und Marianne müssen gemeinsam mit ihrer Mutter aus ihrem ehemaligen Zuhause ausziehen, da das Gut an den Sohn des verstorbenen Vaters aus erster Ehe vererbt wird. Die Frauen verlassen nur ungern ihr einstiges Zuhause, insbesondere Elinor, die sich in Edward Ferrars, ihren Schwager, verliebt hat. Aufgrund ihres finanziellen Standes macht sie sich jedoch von vornherein kaum Hoffnungen, auf eine Ehe mit Edward, dessen Mutter ihren Sohn möglichst reich verheiraten möchte. Bald nach dem Umzug nach Devonshire in ein kleines Cottage stürzt Marianne im nahe liegenden Wald während eines Spazierganges und verletzt sich am Knöchel. Sie wird von John Willoughby, einem jungen und gut aussehenden Mann, gerettet und verliebt sich sofort. Während Elinors Zuneigung zu Edward Ferrars durch ihre zurückhaltende Art für kaum jemanden ersichtlich ist, sorgt Mariannes Schwärmerei für Willoughby und ihr daraus resultierendes unbedachtes Verhalten schnell für Aufmerksamkeit. Marianne hofft inständig auf eine Vermählung mit dem charismatischen John Willoughby, dessen Zuneigung jedoch nicht ehrlich ist. Einige Zeit nach ihrem Umzug nach Devonshire reisen die Schwestern nach London und erleben dabei nicht nur das ein oder andere Abenteuer, sondern lernen auch mit ihrer enttäuschten Liebe umzugehen und sich gegenseitig besser zu verstehen.

Manchmal lässt man sich von dem leiten, was jemand über sich selbst aussagt, und oft auch von der Einschätzung anderer Menschen und nimmt sich nicht die Zeit, selbst zu überlegen und ein eigenes Urteil zu fällen. – S. 106

Elinor und Marianne Dashwood könnten nicht unterschiedlicher sein. Die neunzehnjährige Elinor repräsentiert die Vernunft im Buchtitel und fällt vor allem durch ihr zurückhaltendes Verhalten auf. Ihr ist es sehr wichtig, sich anderen Menschen gegenüber angemessen und höflich zu benehmen, und ordnet ihre Gefühle nicht selten ihrem Rationalitätssinn unter. Dadurch wirkt sie auf ihre Schwester und ihre Bekannten häufig emotionslos und kühl. Ihre zwei Jahre jüngere Schwester Marianne verkörpert das Gefühl im Titel und ist ihr komplettes Gegenstück: Sie ist impulsiv und kann ihre Gefühle nur selten verbergen oder für sich behalten. Marianne geht sehr offen mit ihrer Meinung um und eckt mit ihrer Ehrlichkeit nicht selten bei den Menschen in ihrer Umgebung an. Ihr Verhalten trifft bei Elinor auf Unverständnis. Doch andersherum ist es ebenso: Nicht selten zweifelt Marianne an der Intensität der Gefühle Elinors für Edward Ferrars.

„Gefühl und Vernunft“ ist von der für Jane Austen so typischen zarten Ironie durchzogen. Die Autorin hinterfragt behutsam gesellschaftliche Konventionen und legt die Schwächen ihrer Figuren vorsichtig offen und analysiert sie mit einer guten Prise Humor. Dabei ist jeder Charakter sorgfältig ausgefeilt und durch einen zentralen Charakterzug deutlich von allen anderen zu unterscheiden. So wie sich Marianne durch ihre Überschwänglichkeit und Elinor durch ihren Rationalitätssinn auszeichnet, fallen John und Fanny Dashwood, der Halbbruder der Schwestern und dessen Frau, vor allem durch ihre Gier auf. Daneben finden sich noch andere Eigenschaften, von Heiterkeit und Selbstlosigkeit bis hin zu Ehrgeiz und Dreistigkeit. So liebenswürdig Elinor und Marianne auch sind und so gern ich ihre Entwicklung im Laufe der Handlung miterlebt habe, so fremd sind sie mir leider geblieben. Die starke Reduktion der beiden Charaktere auf ihre zentrale Eigenschaft, mit Gefühlen umzugehen, hat sie in meinen Augen in ein zu starres Korsett gezwängt und sie einen Teil ihrer Authentizität einbüßen lassen.

„Dann ist es Ihnen also nicht gelungen, Ihre Schwester zum Grundsatz allgemeiner Höflichkeit zu bekehren?“, sagte Edward zu Elinor. „Haben Sie gar keine Fortschritte gemacht?“
„Ganz im Gegenteil“, erwiderte Elinor und warf Marianne einen vielsagenden Blick zu. – S. 106

Ich liebe es, dass Jane Austen die Handlung zu einem großen Teil aus Dialogen aufbaut, und man somit die Figuren nicht nur durch Charakterbeschreibungen, sondern vor allem durch das, was sie sagen und denken, kennenlernt. Leider hatte das Buch aber gerade im Mittelteil einige Längen, in denen nichts Neues passiert ist. Den Leser*innen stehen zudem sämtliche Gefühls- und Gedankenwelten der Figuren offen, sodass die Handlung noch einmal weitläufiger wird. Im Mittelpunkt der Handlung steht aber ein altbekanntes Thema: Die Suche nach dem richtigen Ehepartner und der Zwiespalt zwischen einer guten Partie und der wahren Liebe. Dabei ist keineswegs klar, welche Ehemänner die Schwestern wählen werden. Denn neben Edward Ferrars und John Willoughby taucht ein dritter Heiratskandidat auf, der um die Gunst einer der Schwestern buhlt.

 

„Gefühl und Vernunft“ ist ein schöner Roman, der die Gefühlswelten zweier unterschiedlicher Frauen beleuchtet und durch die Themen der Liebe und des Liebeskummers noch immer aktuell ist. Jane Austen gestaltet ihre Charaktere sorgfältig aus, reduziert sie in meinen Augen aber so stark auf eine zentrale Eigenschaft, dass sie an Authentizität verlieren. Unabhängig dessen ist der Schreibstil Jane Austens unvergleichlich toll! Ihre Ironie und ihre humorvolle Art ihre Figuren sprechen zu lassen, begeistern mich immer wieder aufs Neue und machen damit auch „Gefühl und Vernunft“ zu einem wahren Lesevergnügen.

 

Gefühl und Vernunft – Jane Austen 

Verlag: FISCHER Taschenbuch
Erscheinungsdatum: 25. September 2014 (Ersterscheinung: 1811)
Übersetzer*in: Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié
ISBN: 978-3-596-90484-6
Seiten: 448 Seiten

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1 comment

Leselaunen 6. Juli 2017 at 19:33

Ich liebe das Cover auf den ersten Blick. Und insgesamt ist es ein äußerst interessantes Buch.

Vielleicht besuchst Du unseren Blog mal, wir sind ganz neu in der Bloggerwelt (zumindest mit einem reinen Buchblog) und freuen uns immer über neue Leser =)

Neri
http://www.leselaunen.net

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