Krieg – Janne Teller

8. Juli 2017 0 comment

Janne Teller wagt in ihrem Essay „Krieg – Stell dir vor, er wäre hier“ ein interessantes Gedankenexperiment, das leider zu kurz greift.

Janne Teller ist eine dänische Schriftstellerin, die vor allem durch ihren Roman „Nichts – Was im Leben wichtig ist“ der Öffentlichkeit bekannt geworden ist. Um den Roman, der auf brutale Art nach dem Sinn des Lebens sucht, und den darin beschriebenen Grausamkeiten, die sich die Jugendlichen gegenseitig sowohl körperlich als auch seelisch antun, hat sich eine rege Debatte entwickelt, wie viel noch jungen Lesern literarisch zugemutet werden darf. Noch heute ist das Buch im Schulunterricht einiger Länder verboten. Aber nicht nur in diesem Roman, sondern auch in ihren zahlreichen anderen Werken, befasst sich die Autorin, die als Beraterin für die EU und die NATO tätig war, mit gesellschaftlich kontroversen Themen. So auch in ihrem Essay „Krieg – Stell dir vor, er wäre hier“.

Wenn bei uns Krieg wäre,
wohin würdest du gehen?
Wenn durch die Bomben der größte Teil des Landes, der größte Teil der Stadt in Ruinen läge? Wenn das Haus, in dem du mit deiner Familie lebst, Löcher in den Wänden hätte? – S. 7

Janne Teller dreht den Spieß kurzerhand um: In Deutschland herrscht, nach dem wirtschaftlich-sozialen, nationalsozialistischen Zusammenbruch der Europäischen Union, Krieg und wir müssen um unser Leben und unsere Liebsten fürchten. Das ist zumindest das Setting der deutschen Übersetzung. Die Autorin wählte für jedes Land unterschiedliche Umstände für den Krieg, abhängig von der geopolitischen Situation des Landes, aus, um die Glaubhaftigkeit des Essays, aber auch die Betroffenheit ihrer Leser*innen durch die Situation zu erhöhen. Doch egal in welchem Land die Handlung schließlich spielt, den Bewohner*innen bleiben nun zwei Möglichkeiten: Dableiben und womöglich sterben oder in den unbekannten Nahen Osten zu fliehen. Das Essay zeichnet dabei den Abriss eines ganzen Lebens – unseres Lebens. Denn die Autorin verwendet einen Kniff, der in der Literatur nur selten zum Einsatz kommt: Sie wählt die zweite Person Singular und spricht damit ihren jeweiligen Leser oder ihre jeweilige Leserin direkt an. Das Leben beschreibt sie nüchtern, ohne eine dramatische oder mitleidheischende Sprache zu wählen. Es ist alles andere als plakativ.

Trotzdem bist du ein Fremder. Trotzdem denkst du jeden Tag daran, wann du nach Hause zurückkehren kannst.
Nach Hause.
Nach Hause? – S. 51

Das Essay erschien in Deutschland 2011 im Hanser Verlag und umfasst rund fünfzig Seiten in dem kleinen Büchlein, das von außen an einen Reisepass erinnert. Dadurch ist es nicht nur sehr kurz, sondern büßt in meinen Augen auch an Tiefe ein. Es ist interessant zu sehen, was wäre, wenn die Machtverhältnisse auf der Welt kurzerhand umgedreht, wenn wir auf einmal zu Ankömmlingen werden würden, und nicht länger die bequeme Position des Gastgebers hätten. Die Du-Form erhöht zwar in gewissem Maß die eigene Betroffenheit beim Lesen, der Text bleibt aber dennoch auf Distanz, denn er offenbart nur einen kleinen Bruchteil dessen, was eigentlich gesagt werden müsste. Vieles steht für einen einigermaßen empathischen und politisch-gesellschaftlich informierten Menschen zwischen den Zeilen geschrieben. Da sich das Essay jedoch an Kinder und Jugendliche richtet, halte ich es für unabdingbar, das Buch angeleitet zu lesen und danach darüber zu sprechen, denn das geschrieben Wort offenbart nicht einmal ansatzweise die Intensität und die Ungerechtigkeit einer solchen Situation.

 

„Krieg – Stell dir vor, er wäre hier“ ist ein spannendes Gedankenexperiment. Es trägt unheimlich viel Potenzial in sich, das die Autorin leider nur ansatzweise ausgeschöpft hat. Das Thema der Flucht wird nur oberflächlich betrachtet, sodass das Essay es kaum schafft, wirkliche Betroffenheit oder ein tieferes Nachdenken auszulösen. Wenn es angeleitet gelesen wird, halte ich das Essay jedoch für einen guten Einstieg in eine intensivere Beschäftigung mit den Themen Flucht, Migration und Asyl. 

 

Krieg – Stell dir vor, er wäre hier – Janne Teller
Verlag: Hanser Literaturverlage
Erscheinungsdatum: 07. März 2011
Übersetzerin: Sigrid Engeler
Illustratorin: Helle Vibeke Jensen
ISBN: 978-3-446-23689-9
Seiten: 64

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