Anna Karenina – Leo Tolstoi

14. Juli 2017 2 comments

„Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.“ ist wohl einer der bekanntesten Sätze der Literaturgeschichte. Ich hatte immer ein wenig Angst den Klassiker „Anna Karenina“ von Leo Tolstoi, dieses große Werk der Weltliteratur, zu lesen und so lag es jahrelang auf meine Stapel ungelesener Bücher. Ein großer Fehler! „Anna Karenina“ ist nämlich nicht nur voller großartiger Charaktere und tiefer Gefühle, sondern auch voller Geschichte und Konventionen der russischen Gesellschaft im 19. Jahrhundert.

Anna Arkadjewna Karenina begibt sich auf die Reise nach Moskau, um die Ehe zwischen ihrem Bruder Stepan Arkadjewitsch Oblonskij (Stiwa) und seiner Ehefrau Darja Alexandrowna Oblonskaja (Dolly) zu retten. Dolly hatte herausgefunden, dass ihr Ehemann sie mit der ehemaligen Gouvernanten betrog, und daraufhin den Plan gefasst, sich scheiden zu lassen. Während der Zugfahrt sitzt Anna gemeinsam mit der Gräfin Wronskaja in einem Abteil und unterhält sich mit ihr. Auf dem Bahnsteig wartet ihr Bruder Stiwa gemeinsam mit Graf Alexej Kirillowitsch Wronskij, der seine Mutter abholen möchte. Anna und Wronskij begegnen sich nur kurz, verlieben sich aber sofort ineinander. Anna gelingt es schließlich, die Ehe zwischen Stiwa und Dolly zu retten. Doch da sich Stiwa nicht ändert, ist Dolly weiterhin unglücklich.

Als er sich umschaute, wandte sie sich auch gerade um. Die leuchtenden, grauen Augen, die wegen der dichten Wimpern dunkel wirkten, richteten sich freundlich und aufmerksam auf sein Gesicht, als ob sie ihn erkenne, wandten sich dann aber sofort der vorüberströmenden Menge zu, wie wenn sie dort jemanden suchten. – S. 95

Während ihres Besuches bei den Oblonskijs begleitet Anna Jekatarina Alexandrowna Schtscherbazkaja (Kitty), die jüngere Schwester Dollys, auf einen Ball. Kitty hofft inständig, dass Wronskij um ihre Hand anhalten wird, und lehnte einen Antrag von Konstantin Dmitrijewitsch Lewin ab. Lewin, der Kitty liebt, ist nur deshalb von seinem Landgut in die Stadt gekommen und kehrt nun bitter enttäuscht zurück. Wronskij hingegen hofft darauf, eine Gelegenheit zu finden, Anna seine leidenschaftlichen Gefühle zu gestehen, ungeachtet ihrer Ehe mit Alexej Alexandrowitsch Karenin, einem einflussreichen Beamten, und ihrem Sohn Serjoscha. Diese Gefühle bleiben Kitty nicht verborgen und verletzen sie tief. Nachdem sie ihren Liebeskummer überwunden hat, nähert sie sich Lewin wieder an. Währenddessen beginnen Anna und Wronskij eine Affäre, die vor Karenin nicht verheimlicht werden kann. Während Anna hin- und hergerissen zwischen der Liebe zu Wronskij und der Liebe zu ihrem Sohn ist, will Karenin seine Ehre retten.

„Nur diese beiden Menschen liebe ich, und einer schließt den andern aus. Ich kann sie nicht vereinigen und das allein brauch ich. Aber wenn das unmöglich ist, dann ist mir alles gleich. Alles, alles gleich! Irgendwie wird es ja ein Ende nehmen, und darum kann und will ich nicht darüber reden. Also tadle und verdamme mich deswegen nicht. Du mit deiner Reinheit kannst nicht alles verstehen, worunter ich leide.“ – S. 946

Leo Tolstoi erzählt somit drei Familien- und Liebesgeschichten parallel: Im Mittelpunkt steht die Dreiecksbeziehung zwischen Anna Karenina, ihrem Ehemann Alexej Karenin und Alexej Wronskij. Die Liebe zwischen Anna und Wronskij ruiniert Annas Ehe mit Karenin und stößt in der Gesellschaft auf Missbilligung der schlimmsten Art. Wenn wir in unserer heutigen Zeit das Gefühl haben, unter großem gesellschaftlichen Druck zu stehen, dann ist das nichts im Vergleich zu dem, was Anna Karenina in der russischen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts erlebt. Sobald ihre Beziehung zu Wronskij der Öffentlichkeit bekannt wird, wird sie zur Ausgestoßenen und damit von der Gnade ihres Ehemannes und der Liebe Wronskijs abhängig. Einen starken Kontrast zu dieser leidenschaftlichen Affäre, bildet die grundständige und vernünftige Beziehung zwischen Kitty und Lewin. Diese beiden Beziehungen werden durch die unglückliche Ehe zwischen Stiwa und Dolly miteinander verbunden. Dabei ergänzen sich die einzelnen Handlungsstränge auf gekonnte Weise: Die Tragik in der Beziehung zwischen Anna Karenina, Wronskij und Karenin, die sich fortwährend zuspitzt, wird durch die vergleichsweise harmonische Beziehung zwischen Kitty und Lewin immer wieder aufgelockert.

„Aber kenne ich denn ihre Gedanken, ihre Wünsche, ihre Gefühle?“ flüsterte ihm plötzlich eine innere Stimm zu. Das Lächeln verschwand von seinem Gesicht, und er wurde nachdenklich. Und plötzlich überkam ihn ein sonderbares Gefühl. Angst und Zweifel ergriffen ihn, Zweifel an allem. – S. 662

Der Roman handelt aber nicht nur von Liebe, Ehebruch und Familienleben, sondern auch von Abhängigkeit, gesellschaftlichen Konventionen und dem Sinn des Lebens. Beim Lesen erfährt man außerdem so allerhand über Politik und Wirtschaft. Tolstois Ausführung sind dabei sehr detailliert und eng mit dem Leben der Protagonisten und Protagonistinnen verbunden. Durch Anna erfahren wir, wie groß der gesellschaftliche Druck ist, der insbesondere auf den Mitgliedern der Adelskreise in Moskau und St. Petersburg liegt. Lewin und die Art wie er sein Verhältnis zwischen sich als Gutsbesitzer und Landwirt und den Bauern gestaltet, greifen zentrale Fragen der Bauernbefreiung von 1861 auf. Einen Blick auf die russische Staatskommission erhalten wir durch Karenin und durch die Probleme, die mit einem Scheidungsverfahren verbunden sind, erfährt man auch einiges über die rechtliche Lage.

„Alles, nur keine Scheidung!“ sagte Darja Alexandrowna.
„Was heißt alles?“
„Nein, das ist entsetzlich! Sie wird niemandes Gattin sein, sie wird zugrunde gehen!“ – S. 589

„Anna Karenina“ ist einer der bedeutendsten Romane des europäischen Realismus und wird als das beste Werk Tolstois angesehen. Ein großer Ruf, der aber nicht abschrecken muss. Die Handlung des Romans ist komplex, keine Frage, aber noch lang nicht so undurchdringlich, wie es gern dargestellt wird. Der Roman ist trotz seiner Dicke – und obwohl ich die Handlung bereits vorher kannte – spannend und nicht zuletzt wegen seiner Figuren mitreißend. Tolstoi erschafft in seinem Roman Menschen, die in ihren Empfindungen und ihren Gedanken bis ins Detail ausgereift und unglaublich authentisch sind. Er versteht sich darauf, jedem Charakter, der in den Fokus der Handlung tritt, eine eigene Sprache und damit auch eine eigene Stimmung zu geben. Ebenso authentisch wie die Figuren sind auch die Beziehungen zwischen ihnen. Insbesondere die zaghafte Annäherung zwischen Kitty und Lewin habe ich geliebt!

 

Leo Tolstoi gelingt es mit viel Verstand und einer guten Prise Humor, das Leben in den Adelskreisen des 19. Jahrhunderts einzufangen und mit authentischen Figuren, tiefgründigen philosophischen Gedanken und fesselnden Beziehungen wiederzugeben. Interessiert man sich zusätzlich für die russische Gesellschaft und ihre Gepflogenheiten zu dieser Zeit, ist der Roman ein wahrer Hochgenuss voller Informationen, die lebhaft anhand der Protagonisten und Protagonistinnen vermittelt werden. Leo Tolstois Roman „Anna Karenina“ ist ein Wälzer, aber ein Wälzer, der es verdient, gelesen zu werden.

 

Anna Karenina – Leo Tolstoi

Verlag: Insel Verlag
Erscheinungsdatum: 18. Juni 2012 (Ersterscheinung: 1877/78)
Herausgegeben von Gisela Drohla
ISBN: 978-3-458-36226-5
Seiten: 1204

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2 comments

Leselaunen 14. Juli 2017 at 14:51

Sehr schöne Rezi.

Neri

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Cora 14. Juli 2017 at 15:26

Dankeschön 🙂

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