Schmerzenskinder – Waris Dirie

28. Juli 2017 0 comment

Waris Dirie ist eine der bekanntesten Aktivistinnen gegen Female Genital Mutilation (FGM; auf Deutsch häufig weibliche Bescheidung, Genital- oder auch Sexualverstümmelung genannt). In ihrem Buch „Schmerzenskinder“ widmet sie sich der Verbreitung der FGM in Europa und zeigt damit, dass FGM nicht nur ein Problem der in Afrika, sondern auch der in Europa lebenden Frauen ist.

Waris Dirie stammt aus Somalia und war gerade einmal fünf Jahre alt, als sie die schwerste Form der FGM, die Infibulation, über sich ergehen lassen musste. Dabei werden einer Frau die Klitoris, der innere Rand der äußeren Schamlippen und die inneren Schamlippen komplett entfernt. Die Wundränder werden anschließend zusammengenäht, sodass nach einer vollständigen Verheilung eine Narbenbrücke über die eigentliche Vaginalöffnung wächst und diese somit verschließt. Nur ein kleines Loch, etwa in der Größe eines Streichholzkopfes, wird gelassen, damit der Urin und das Menstruationsblut nach außen gelangen können. Diese Form der FGM betrifft ungefähr fünfzehn Prozent der beschnittenen Frauen. Daneben gibt es weitere Formen, bei denen die Klitorisvorhaut und die Klitoris ganz oder teilweise entfernt werden und in einigen Fällen zusätzlich die inneren Schamlippen. FGM ist eine in einigen Kulturen weit verbreitete Tradition und wird als Voraussetzung zur Verheiratung der Töchter angesehen, da sie Jungfräulichkeit, Keuschheit, Ästhetik und Gesundheit symbolisiert. Nicht beschnittene Frauen gelten als unrein oder gar als Huren und werden von der Gemeinschaft ausgestoßen. Die physischen und psychischen Folgen einer solchen Beschneidung sind massiv – die Autorin Waris Dirie macht es noch deutlicher: FGM ist Folter und mit keiner Tradition oder Religion zu begründen. Nicht selten endet die Tortur mit dem Tod.

Denn seit ich gegen Genitalverstümmelung kämpfe, sehe ich mich immer wieder mit dem Vorwurf konfrontiert, ich würde mich gegen meine eigene Kultur stellen. Ja, sie sogar verraten. Genitalverstümmelung ist aber nun einmal keine „Kultur“ – sie ist eine Menschenrechtsverletzung. – S. 128

Im Diskurs über FGM stehen häufig afrikanische Länder im Mittelpunkt. Waris Dirie erweitert mit dem Buch „Schmerzenskinder“, das sie gemeinsam mit Corinna Milborn geschrieben hat, den Blick auf FGM und recherchiert mit ihrem Team der Desert Flower Foundation zwei Jahre über deren Verbreitung und Praxis in Europa. Die Zahlen sind erschreckend: 500.000 Frauen sind nach offiziellen Schätzungen in Europa von FGM betroffen. Die Dunkelziffer muss bedeutend höher sein. Detaillierte Recherchen führen das Team nach Großbritannien, Frankreich, Österreich und Deutschland und machen eines offensichtlich: FGM wird in allen untersuchten europäischen Ländern praktiziert, Gegenmaßnahmen gibt es wenige. Denjenigen, die sich engagieren, sind häufig die Hände gebunden. Beschneidungen werden jedoch nicht nur in dunklen Hinterhöfen durchgeführt, sondern auch in Kliniken und Schönheitszentren praktiziert. Wo ist dabei die Grenze zwischen Schönheitskorrekturen und FGM?

In westlichen Ländern gibt es offenkundig ein bestimmtes Schönheitsideal für die Schamregion einer Frau, und dieses Traumbild weicht nicht weit ab vom afrikanischen: Eine Frau soll optisch und anatomisch aussehen wie ein kleines Mädchen. Es herrscht offenbar Angst vor all dem, was eine reife Frau ausmacht. Ihre Sexualität soll eingeschränkt werden und kontrollierbar bleiben. – S. 160

Die Recherchen, die einen großen Blick auf die europäischen Ländern werfen, werden durch die Geschichten einzelner Frauen und Mädchen eindrucksvoll verdeutlicht. Einige von ihnen wenden sich direkt an Waris, andere tauschen sich anonym im Internet über FGM aus. Und alle haben eines gemeinsam: Sie leiden unter den physischen und psychischen Folgen der Verstümmelung. Eines der größten Probleme bei der Bekämpfung von FGM ist, dass das Thema mit einem allumfassenden Tabu belegt ist, sodass nicht einmal in den Familien offen gesprochen werden kann. Aufklärungsarbeit muss hier ansetzen, Gesetze und Gerichtsverfahren für den Schutz der Mädchen sorgen, Imame müssen gegen FGM predigen und ihrer Gemeinde davon überzeugen, dass diese Praktik nicht mit dem Koran und dem Recht auf körperliche Unversehrtheit vereinbar ist. Integration und Emanzipation sind zudem zwingenden Voraussetzungen, um den Kampf gegen FGM erfolgreich führen zu können. Für Waris Dirie ist ihr Ziel klar: FGM muss bekämpft und weltweit abgeschafft werden. Welche Maßnahmen Waris Dirie mit ihrer Stiftung jedoch genau ergreifen will, wird nicht erklärt. Und das ist die große Schwäche an dem emotionalen, aber informativen Aufzeichnungen der Autorin.

 

Waris Diries drittes Buch „Schmerzenskinder“ befasst sich mit der Verbreitung der FGM in Europa und bietet neben auf die einzelnen Länder blickenden Recherchen zahlreiche Einzelfälle, die die Folgen dieser menschenverachtenden Praxis anschaulich vermitteln. Sprachlich ist das Buch nichts Besonderes, inhaltlich bietet es aber eine Vielzahl an Informationen über die weibliche Genitalverstümmelung, die Rechtslage in Europa und die Rolle von Religion und Tradition. Waris Dirie kämpft mit Herzblut gegen FGM – und das ist auf jeder einzelnen Seite zu spüren.

 

Schmerzenskinder – Waris Dirie

Verlag: Knaur
Erscheinungsdatum: 01. Oktober 2015 (Ersterscheinung: 2005)
ISBN: 978-3-426-78771-7
Seiten: 272

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