But you can’t have me | „Blauschmuck“ von Katharina Winkler

8. August 2017 1 comment

Katharina Winkler erzählt in „Blauschmuck“ die Lebensgeschichte der jungen Frau Filiz, die unter der Gewalt ihres Ehemannes leidet. Der Roman, der auf einer wahren Geschichte beruht, wirft damit schonungslos und unerbitterlich Fragen auf, die nicht nur gesellschaftlich, sondern auch politisch hochbrisant sind.

Filiz wächst gemeinsam mit ihren Geschwistern und ihrem Vater, der regelmäßig die Hand gegen seine Frau erhebt, in einem kurdischen Dorf in der Türkei auf. Sie ist fünfzehn, als sie gelockt vom Wunsch auf ein Leben im Westen, ihre Familie verlässt und gegen den Willen ihres Vaters den nur wenige Jahre älteren Yunus heiratet. Bereits die Hochzeit ist für alle, bis auf Filiz, ein rauschendes Fest, das in einem Blutfleck auf einem weißen Laken gipfelt. Anstatt der erhofften Freiheit, erfährt sie von ihrem Ehemann und ihrer Schwiegermutter Demütigung und Gewalt. Sie wird, wie sie es sich als Mädchen gewünscht hat, zu einer blauen Frau.
In Filiz Heimat gibt es viele solcher blauen Frauen. Sie tragen ihren Blauschmuck um den Hals, an den Handgelenken, manchmal wie ein Diadem auf der Stirn, aber meistens versteckt unter den Kleidern, denn Blauschmuck ist Privatsache. Er ist hellblau, dunkelblau, blau-rot oder blauschwarz, wechselt seine Farbe wöchentlich, manchmal täglich. Es sind Blutergüsse, die die kurdischen Frauen tragen. Sie sind der Schmuck, den die Ehemänner ihren Frauen schenken, die Besitzansprüche, die sie stellen, eine befremdliche Form der Zuneigung. Die grausamen Zeichen der patriarchialen Gewalt auf den Körpern der Frauen, die so alltäglich sind, dass Frauen, die diese Spuren nicht tragen, geächtet werden.

Yunus schlägt mich.
Er muss mir das Kind aus den Knochen schlagen.
Das Mädchen aus den Gedärmen.
Er muss mir die Ehefrau ins Gehirn prügeln. – S. 75

Filiz wird von ihrem Ehemann verprügelt, vergewaltigt, aufgehangen und mit Gegenständen gebrochen. Die physischen und psychischen Folgen, die durch die Tyrannei ihrer Schwiegermutter noch verstärkt werden, sind kaum vorstellbar. Noch erschreckender als die Brutalität ist aber tatsächlich die beinahe stoische Ruhe, mit der Filiz die wiederkehrende Demütigung und Folter erträgt. Weder äußerlich noch innerlich scheint sie sich gegen ihren Ehemann aufzulehnen. Als sie gemeinsam mit Yunus das Haus ihrer Schwiegermutter verlässt und schließlich sogar nach Österreich kommt, verschärft sich die Tyrannei ihres Ehemannes. Der Wunsch auf Freiheit und eine blaue Jeans scheinen für sie in Europa noch weiter weg zu sein als zuvor.

Ich warte darauf, dass er zu mir zurückkehrt, ich warte darauf, dass ich mit ihm zu mir zurückkehre. Ich warte darauf, dass ich wieder bin. – S. 88

Katharina Winkler findet in „Blauschmuck“ Worte für etwas, für das es eigentlich keine Worte gibt. Die Autorin scheint sich bis in das tiefste Innere von Filiz zurückziehen und lässt sie ihre eigene Geschichte erzählen. Das gelingt ihr mit den kurzen, beinahe beiläufigen Sätzen eindrucksvoll. Ich bewundere es sehr, dass sich die Autorin selbst komplett aus der Geschichte zurückzuziehen scheint, denn sie bewertet nichts, erhebt nicht den moralischen Zeigefinger oder stigmatisiert alle Männer als aggressive Schläger. Für sie stehen nicht die Beweggründe der Männer oder die Tradition im Vordergrund, sondern das Innenleben einer einzelnen Frau, die versucht, einen sicheren Platz in ihrem Leben zu finden und sich dadurch immer weiter in sich selbst zurückzieht. Es geht um Abhängigkeit und darum wie Menschen, ganz egal aus welcher Kultur sie stammen, mit körperlicher und mentaler Gewalt umgehen. Und das ist ihr grandios gelungen. Die in „Blauschmuck“ beschriebene Gewalt, die Frauen von Männern aus dem islamischen Raum erfahren, scheint islamophoben Kräften auf den ersten Blick direkt in die Hände zu spielen. Aber es ist weniger der Islam als das Konstrukt von Mann und Frau, das wir infrage stellen müssen. Häusliche Gewalt findet nicht nur vor dem Hintergrund einer frauenfeindlichen Auslegung des Islams statt, sondern umfasst universelle Erlebnisse, über die auch unabhängig von Kultur und Religion gesprochen werden muss.

 

Katharina Winkler findet in „Blauschmuck“ die richtige Sprache für das Unaussprechliche und gewährt einen emotionalen und schonungslosen Einblick in das Innenleben einer jungen Frau, die die schlimmsten Formen der Gewalt über sich ergehen lässt. Damit erschafft sie, auch losgelöst vom Kontext einer frauenverachtenden Auslegung des Islams, einen wichtigen Beitrag für die dringend notwendige Beschäftigung mit häuslicher Gewalt und einen Debütroman, der seine Leser*innen atemlos zurücklässt.

Blauschmuck – Katharina Winkler

Verlag: Suhrkamp
Erscheinungsdatum: 08. Februar 2016
ISBN:  978-3-518-42510-7
Seiten: 196

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1 comment

Frühstück mit Elefanten – Gesa Neitzel – Wortkulisse 8. September 2017 at 07:02

[…] August befand ich mich in einem Loch. Ich hatte gerade „Blauschmuck“ von Katharina Winkler gelesen. Das Buch hat mich sehr aufgewühlt und ich wusste nicht, was ich mit mir und meinem Leben […]

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