In der Tristesse einer belgischen Provinz | „Und es schmilzt“ von Lize Spit

15. September 2017 4 comments

Kaum ein anderes Buch ist und war in den vergangenen Wochen so präsent in den Sozialen Medien wie „Und es schmilzt“ („Het smelt“) von der jungen belgischen Autorin Lize Spit. Im Mittelpunkt des Romans steht Eva, die sich mit einem Eisblock im Kofferraum auf den Weg nach Bovenmeer, das Dorf ihrer Kindheit, macht. Auf der Fahrt erinnert sich sich an den Sommer 2002 zurück. Der Sommer, in dem sich alles veränderte.

Es ist der Sommer 2002, in dem die einst so feste Freundschaft zwischen Eva, Pim und Laurens ins Wanken gerät. Die beiden Jungen denken sich ein fragwürdiges Spiel aus, um den Mädchen der Nachbarschaft näher zu kommen. Sie bewerten ihre Mitschülerinnen nach einem Punktesystem – Eva ist die einzige, die nicht bewertet wird – und laden diese ausgehend von der Bewertung in ein Versteck ein. Sie stellen dem jeweiligen Mädchen ein Rätsel, das dieses mit Hilfe von Ja-/Nein-Fragen lösen soll. Für jede falsche Frage muss eines ihrer Kleidungsstücke fallen.

Ich bestehe nicht länger aus einem Körper, sondern aus einer ganzen Gruppe von Menschen, die alle in eine andere Richtung gerannt sind. – S. 53

Die Handlung entwickelt sich langsam, aber mit einer solchen Spannung, dass bereits auf den ersten Seiten der große Knall am Ende zu erahnen ist. Nur Stück für Stück entfaltet Lize Spit die Welt in Bovenmeer und dem, was dort im Sommer 2002 passierte. Umso weiter die Handlung vorwärts schritt, desto unbehaglicher wurde mir. Evas Kindheit ist trostlos. Ihre Eltern – alkoholsüchtig und suizidgefährdet – kümmern sich nicht um ihre Kinder. Während sich ihr großer Bruder Jolan in die Natur flüchtet und ihre kleine Schwester Tesje Zwangshandlungen entwickelt, findet Eva bei ihren Freunden Pim und Laurens Zuflucht. Doch die Freundschaft beginnt zu bröckeln. Eva sehnt sich nach Zuneigung und Aufmerksamkeit, zieht zwei BH’s übereinander an, um ins Mädchenranking aufgenommen zu werden, und stößt dennoch bei ihren Freunden und ihrer Familie zunehmend auf Ablehnung. Das, was im Sommer 2002 zunächst als harmloses Spiel ihrer Freunde begann, wird zunehmend brutaler. Es kommt zu sexuellen Übergriffen, die Mädchen werden zu reinen Objekten degradiert. Und die erwachsene Eva leidet noch immer unter ihrer trostlosen Kindheit in Bovenmeer, das so klein ist, dass jeder jeden kennt. Aber ich blieb dran: Meine Neugierde, was Eva mit diesem Eisblock vor hat und was genau im Sommer 2002 geschah, war zu groß.

Jedes Leben ist lediglich eine Summe aus Zahlen, doch nur wenige schaffen es, Buch zu führen, rechtzeitig mit Zählen anzufangen. Diejenigen, die es versuchen, werden krank oder verrückt, legen von vornherein fest, wie oft sie kauen müssen, damit das schon mal klar ist, und ziehen dann jede Bewegung, die sie machen, davon ab. Ihr Leben ist keine Summe, sondern eine Differenz, sie bringen sich selbst auf null. – S. 247

Die Autorin versteht es die einzelnen Schnipsel der Vergangenheit mit der Gegenwart nahtlos zusammenzuführen und am Ende ein zusammenhängendes Bild zu entwerfen. Nach dem Lesen frage ich mich aber doch: Wozu das Ganze? Wozu der Hass? Die Wut? Die Unmenschlichkeit? Lize Spit ist – und da gebe ich dem Zitat der Trouw auf der Rückseite des Umschlags Recht – gnadenlos und grausam, ihren Figuren und ihren Leser*innen gegenüber. Keine einzige Stelle in diesem Buch gibt Hoffnung, zeigt einen Anflug von Fürsorge oder Menschlichkeit. Und das empfinde ich nicht als positiv. Denn diese Gnadenlosigkeit scheint am Ende kein anderes Ziel zu verfolgen, als die Leser und Leserinnen zu schockieren. Und das ist in meinen Augen nicht genug.

 

Lize Spit legt mit „Und es schmilzt“ einen provokanten und obgleich seiner Grausamkeit der Figuren schwer zu ertragenden Debütroman vor. Die Autorin führt die einzelnen Erzählebenen gekonnt zusammen und versteht es, der Handlung eine trostlose und erdrückende Atmosphäre zu verleihen. Dennoch frage ich mich am Ende nach dem Sinn des Buches. Ist es notwendig psychische und sexuelle Gewalt so detailliert zu schildern, um deren Grausamkeit greifbar zu machen? Und was lernt man aus dem Hass?

 

Und es schmilzt – Lize Spit

Verlag: S. FISCHER
Erscheinungsdatum:  24. August 2017
Übersetzerin: Helga van Beuningen
ISBN: 978-3-10-397282-5
Seiten: 512

Lieben Dank an den S. FISCHER Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

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4 comments

Die Vorleser 16. September 2017 at 17:32

Ich finde es viel schwieriger Bücher mit einem positiven hoffnungsvollem Unterton zu schreiben, die zum Nachdenken anregen und Wege aufzeigen. Ich stimme deiner Beurteilung des Buches ganz zu und werde es bestimmt nicht lesen. Liebe Grüße von den Vorlesern

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Gewinnspiel: Und es schmilzt | lesestunden 18. September 2017 at 20:22

[…] ganz schöne Abwechslung und so habe ich es auf meinen Stapel ungelesener Bücher gepackt. Bis ich Coras Rezension zu dem Buch gelesen habe. Wie ich dann gesehen habe, kommen zahlreiche andere Rezensenten zu einem […]

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Warum ich mich beim Lesen von „Und es schmilzt“ erschrocken habe 24. September 2017 at 09:12

[…] Weitere Rezensionen auf anderen Blogs: Kejas Buchblog Wortkulisse […]

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Ein Monat in Büchern | September 2017 – Wortkulisse 6. Oktober 2017 at 09:13

[…] „Und es schmilzt“ von Lize Spit […]

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