Treffen wir uns in der Mitte | „Nachts ist es leise in Teheran“ von Shida Bazyar

17. Oktober 2017 0 comment

„Nachts ist es leise in Teheran“ erzählt die Geschichte des Iraners Behsad, seiner Frau Nahid und deren gemeinsamer Kinder Laleh und Mo. Für jeweils eine Dekade lässt Shida Bazyar jedes Familienmitglied zu Wort kommen. Behsad (1979) erzählt von seinem politischen Engagement im Iran, seine Frau Nahid (1989) über die Anfangszeit in Deutschland und deren Kinder Laleh (1999) und Mo (2009) von ihren Schwierigkeiten mit iranischen Wurzeln in Deutschland aufzuwachsen und ihren Platz zwischen den Kulturen zu finden. Diese Konzeption und die außergewöhnliche Sprache der jungen Autorin, machen „Nachts ist es leise in Teheran“ zu einem eindrücklichen Roman.

Der siebenundzwanzigjährige Behsad lebt 1979 in Teheran und nimmt gemeinsam mit seinen Freunden Peyman und Sohrab an Demonstrationen gegen die konstitutionelle Monarchie des Schah teil. Sie diskutieren über marxistische Ideen und über die Zukunft des Irans. Während der Proteste lernt er die Literaturstudentin Nahid kennen, die bald darauf seine Frau wird. Doch statt der erhofften sozialistischen Revolution kommt es anders. Um Ayatollah Khomeini wird der Iran zur „Islamischen Republik“. Die Menschenrechtsverletzungen erfolgen nun nicht mehr im Namen des Schah, sondern im Namen des Islams. Behsad und Nahid gehen in den Untergrund und kämpfen weiter für ihre Ideale und einen gerechten Iran. Doch als Peyman einen Brief der Regierung erhält und darin aufgefordert wird, sich im Gefängnis einzufinden, um seine Strafe anzutreten, wissen Behsad und Nahid, dass sie den Iran verlassen müssen. Behsad flieht mit seiner Frau und den Kindern nach Deutschland – in der Hoffnung, irgendwann in die Heimat zurückkehren zu können.

Über dem Lehrerpult sein stolzer Blick, wir haben gelernt, was wir lernen mussten, wir sind älter geworden, und wir haben beschlossen, Egal, was in unseren Schulbüchern steht, wir wollen das Gegenteil davon. […] Und wenn dort steht Er führt uns zu Wohlstand, dann spucken wir auf seine Paläste, auf die Engländer, auf die Amerikaner, und schmuggeln die Bücher, kopieren sie, lernen sie auswendig, geben sie von Hand zu Hand zu Hand. Wir haben gelesen, haben gelesen, haben gelesen, haben zu Hause geschwiegen und auf den Straßen geschrien, haben unsere Eltern verflucht und sind für unsere Kinder gestorben. – S. 11

Angekommen in Deutschland versucht Nahid sich in der ungelenken deutschen Sprache zurecht zu finden. Anstatt das „viel melodischere, persische Alphabet aufzusagen“, müht sie sich mit den deutschen Buchstaben ab. Aber nicht nur die Sprache, auch die Lebensweise ihrer deutschen Freunde ist ihr fremd. Die unaufgeräumte Wohnung, die Zigaretten und der verlauste Hund – Ulla, eine deutsche Atomkraftgegnerin, entspricht zu sehr dem Klischee, um echt zu wirken.
Auch Nahids und Behsads Kinder Laleh und Mo haben Schwierigkeiten, ihre Identität zwischen den zwei Kulturen zu finden. Laleh wird regelrecht wütend, wenn sie in der Schule bei Rollenspielen für den Iran sprechen muss, obwohl sie lieber die USA vertreten möchte. Als sie mit ihrer Mutter und ihrer kleinen Schwester Tara, die in Deutschland geboren wurde, zum ersten Mal nach Teheran reist, hat sie auch dort das Gefühl, nicht dazu zu gehören. Während Laleh jedoch nach und nach ihren Platz in der Gesellschaft findet, fühlt sich ihr Bruder Mo zehn Jahre später noch immer verloren.

Würde mein Herz an ihnen hängen, würde es dauerhaft leiden, so wie das von Laleh. Würde ich sie ständig vermissen, so wie meine Mutter. Ich sehe sie plötzlich wieder vor mir, die Tanten und Onkel und deren Kinder, wie sie mich in den Arm genommen und mir gezeigt haben, dass sie auf mich gewartet haben, all die Jahre. […] Das tut mir auch ein wenig leid, dass sie meinem Pragmatismus zum Opfer fallen. – S. 233

„Nachts ist es leise in Teheran“ ist in meinen Augen ein großartiges Buch. Nicht nur der Inhalt, sondern auch die Konzeption des Romans haben mich restlos überzeugt. Shida Bazyar lässt vier unterschiedliche Stimmen in vier großen Kapiteln zu Wort kommen, die unreflektiert ihre eigenen Erlebnisse und Gedanken preisgeben und den Lesern und Leserinnen damit einen unverstellten Zugang zu ihren Gedanken und Emotionen lassen. Die auf das jeweilige Familienmitglied eingeschränkte Perspektive ermöglicht das direkte Miterleben und lässt dennoch Deutungsspielräume frei. Die Ereignisse im Iran seit dem Ende der siebziger Jahre bilden lediglich den Hintergrund der Familiengeschichte und werden nur hin und wieder angedeutet – ein schneller Blick ins Geschichtsbuch (oder zu Wikipedia) reicht aber aus, um zumindest die groben Zusammenhänge zu verstehen. Im Vordergrund stehen gewöhnliche Alltagssituationen und das normale Leben. Shida Bazyars Schreibstil ist hingegen außergewöhnlich. Die direkte Rede geht durch Kommata nahtlos in den Fließtext über und verbindet damit die erlebten Situationen mit den Gedanken und Erinnerungen der Protagnonist*innen.
Zum Ende des Buches kommt Tara, die jüngste Tochter der Familie zu Wort. Sie schildert eine Zukunft, die heute noch keiner kennt, aber vielleicht – irgendwann – Wirklichkeit wird.

 

Shida Bazyar hat mit „Nachts ist es leise in Teheran“ einen großartigen Debütroman über das Leben einer iranischen Familie geschrieben. Sie zeigt einen Iran fernab von den Mullahs und greift – auch wenn die Handlung bereits vor dreißig Jahren beginnt – ein aktuelles und in der Öffentlichkeit wieder präsentes Thema auf: Die Zerrissenheit, die Einwanderer zwischen ihrer eigenen Kultur und der Kultur des aufnehmenden Landes empfinden, nicht nur in erster, sondern auch in zweiter Generation. Ich freue mich auf die – hoffentlich – folgenden Werke der Autorin.

Über Shida Bazyar finden sich bisher relativ wenige Informationen im Internet. Ein interessantes Interview mit der Autorin findet ihr zum Beispiel hier beim Tagesspiegel.

 

Nachts ist es leise in Teheran – Shida Bazyar

Verlag: KiWi-Taschenbuch
Erschienen am 07. September 2017
ISBN: 978-3-462-05057-8
Seiten: 288

Das könnte dir auch gefallen

Leave a Comment

*