Von der Gefährlichkeit des Lesens | „Das Papierhaus“ von Carlos María Domínguez

20. Oktober 2017 0 comment

Ein herausragender erster Satz, sagte meine Deutschlehrerin, sei der Schlüssel für einen herausragenden Roman. Als ich den ersten Satz der Kurzgeschichte „Das Papierhaus“ von Carlos María Domínguez las, wusste ich sofort: Das ist ein Buch, das ich lesen muss. Es beginnt so: „Im Frühjahr 1998 kaufte Bluma Lennon in einer Buchhandlung in Soho eine alte Ausgabe der Gedichte von Emily Dickinson und wurde an der nächsten Straßenecke, als sie gerade beim zweiten Gedicht angelangt war, von einem Auto überfahren.“

Dieser erste doch sehr nüchtern gehaltene Satz wirft die Leser und Leserinnen direkt ins Geschehen der Erzählung hinein. „Das Papierhaus“ zeigt aber nicht nur, dass Lesen gefährlich sein kann – jeder, der schon einmal einen Wälzer auf dem Rücken im Bett lesen wollte, wird das bestätigen – und auch das Leben von Bluma Lennon steht nicht im Vordergrund der Handlung. Vielmehr zeigt die Erzählung, dass es unzählige skurrile und nicht skurrile Bücherliebhaber auf der Welt gibt, die stetig auf dem schmalen Grad zwischen Bibliophilie und Bibliomanie wandeln.

Es gibt zwei Sorten von Menschen, wenn Sie mir gestatten, Ihnen das zu erläutern: Die einen sind Sammler und darauf aus, seltene Publikationen zu ergattern […], nur um sie einmal aufzuschlagen und hineinzuschauen, so wie man einen hübschen Gegenstand betrachtet, ein kostbares Sammlerstück. Die anderen […] stellen im Laufe ihres Lebens beachtliche Bibliotheken zusammen. Sie sind passioniert und geneigt, einen Haufen Geld für ein bestimmtes Buch auszugeben, um für Stunden darin zu versinken und nichts anderes zu tun, als es zu studieren und zu durchdringen. – S. 26

Bluma Lennon war Literaturprofessorin in Cambridge und hat nicht nur ihr Leben der Literatur gewidmet, sondern es schließlich auch durch die Literatur – die Lektüre eines Lyrikbandes – verloren. Ihren nun unbesetzten Lehrstuhl erhält ein Kollege, der mit Bluma Lennon nicht nur die Liebe zur Literatur teilte, sondern gelegentlich auch das Bett. Nachdem er die Stelle angetreten hat, erhält er ein Päckchen. Darin ist ein Buch, dreckig und mit Zement beschmiert, es ist „Die Schattenlinie“ von Joseph Conrad. Im Inneren des Buches befindet sich eine Widmung in der Handschrift Bluma Lennons an einen gewissen Carlos. Der Kollege von Bluma begibt sich auf die Reise nach Südamerika, um das Buch an seinen Besitzer zurückzugeben und somit das Rätsel um das ramponierte Buch zu lösen.

Die Reise bringt ihn von Cambridge nach Buenos Aires, nach Montevideo und schließlich zur Lagune von Rocha auf einen „öden Sandstreifen zwischen Lagune und Meer„. Auf seinem Weg begegnet er unterschiedlichen Menschen, die ihr Leben der Literatur widmen. Er sieht und hört von zahlreichen Bibliotheken, in denen Bücher die ganze Wohnung füllen, in denen Regale „mit Glastüren versehen“ sind und ihre Besitzer ein halbes Vermögen für die darin enthaltenen Schätze ausgeben. Stück für Stück nähert sich Bluma Lennons Kollege dem Rätsel des zementbeschmierten Buches an und merkt, es gibt nicht nur eine gesunde, sondern auch eine ungesunde Liebe zur Literatur.

Er war ein heißhungriger Leser und verbrachte nicht bloß vier Stunden, sondern den größten Teil des Tages und die ganze Nacht mit seinen Büchern. Seine Exemplare waren immer hoffnungslos vollgeschrieben. – S. 40

Der Autor Carlos María Domínguez stammt aus Argentinien und ist im deutschsprachigen Raum vor allem durch die Erzählung „Das Papierhaus“ bekannt geworden. 2015 erschien sein Roman „Der verlorene Freund“ („La breve muerte de Waldemar Hansen“), den ich mir ebenfalls auf meine Leseliste geschrieben habe. Eine interessante und sehr kritische Rezension über „Das Papierhaus“ findet ihr beim Deutschlandfunk. Michael Schmitt kritisiert vorwiegend die fehlende Innovation und Dichte der Erzählung. Domínguez beziehe sich auf Althergebrachtes – Bücher, die zu viel Platz wegnehmen, zu viel Geld verschlingen und dass nie genug Lesezeit vorhanden ist – und sei platitüdenhaft. Aber vielleicht erhält „Das Papierhaus“ genau deshalb, aufgrund der altbekannten Probleme Bibliophiler, zahlreiche begeisterte Rezensionen?

 

„Das Papierhaus“ ist eine spannende Erzählung, die die guten und schlechten Seite der intensiven Liebe zur Literatur beleuchtet. Wir begegnen bibliophilen und bibliomanen Figuren, durchstöbern großartige Bibliotheken und begeben uns auf 89 Seiten auf eine kurze, aber intensive Reise durch die Welt. „Das Papierhaus“ von Carlos María Domínguez ist ein Buch für jeden Literaturliebhaber!

 

Das Papierhaus – Carlos María Domínguez

Verlag: Suhrkamp
Erscheinungsdatum: 20. Oktober 2014 (Ersterscheinung 2001)
Übersetzerin: Elisabeth Müller
ISBN: 978-3-458-17615-2
Seiten: 89

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