Wie weit darf man gehen? | „Oryx und Crake“ von Margaret Atwood

28. Oktober 2017 1 comment

Nachdem mich die kanadische Autorin Margaret Atwood bereits mit „Der Report der Magd“ begeistert hat und sie zur Frankfurter Buchmesse in diesem Jahr mit dem Friedenspreis des Buchhandels ausgezeichnet wurde, wurde es für mich höchste Zeit ein weiteres Buch der Autorin zu lesen. Margaret Atwood zeigt in der Dystopie „Oryx und Crake“, die der erste Teil der MaddAddam-Trilogie ist, ein feines Gespür für die Probleme der heutigen Gesellschaft.

Oryx und Crake leben in einer nicht fernen Zukunft gegen Ende des 21. Jahrhunderts in einer Welt, die von Umweltkatastrophen beinahe zerstört ist. Zahlreiche Regionen wurden überflutet oder verdörrt und gefährliche Windhosen sind Altag. Die Gesellschaft ist in Klassen geteilt: Einige, wie Crakes Familie, leben privilegiert in georgischen Villen oder französischen Landhäusern in Komplexen großer Biopharm-Firmen. Die anderen leben in heruntergekommenen Häusern im Plebsland, in dem regelmäßig Epidemien um sich greifen und kriminelle Banden ihr Unwesen treiben.
Das erzählt Jimmy, genannt Schneemensch, der uns mit seinen Erinnerungen durch die Geschichte führt. Jimmy lebt – vermutlich als letzter seiner Art – auf der Erde und erinnert sich an die Zeit vor der Katastrophe zurück, die die menschliche Spezies ausrottete. Stück für Stück erfahren die Leser*innen, wie es dazu kommen konnte, und welche Rolle Jimmy, Crake und Oryx dabei gespielt haben.

Aber im Laufe der Zeit, als in Küstennähe das Grundwasser brackig wurde und der nördliche Permafrostboden taute, als die riesige Tundra von Methangas brodelte und die Dürre im zentralkontinentalen Tiefland keine Ende mehr nahm, als die asiatischen Steppen sich in Sandwüsten verwandelten und Fleisch immer schwerer aufzutreiben war, bekamen manche ihre Zweifel. – S. 29

Als Jimmy und Crake sich kennenlernten, hieß Crake noch Glenn. Doch daran erinnert sich Schneemensch kaum, zu blass sind die Erinnerungen an den frühen Glenn und zu stark die an den späteren Crake. Sie besuchten gemeinsam die Schule, machten ihren Abschluss und gingen schließlich an verschiedene Universitäten. Während Jimmy nur mit Crakes Hilfe seinen Schulabschluss schafft, ist Crake Klassenbester – ein Ass in allen naturwissenschaftlichen Fächern. Es ist nicht verwunderlich, dass er eine der besten Universitäten besucht und anschließend eine Anstellung im Rejoov-Komplex, einem der exklusivsten und luxuriösesten Komplexe, findet. Einige Zeit später nimmt er Jimmy in sein Forscherteam des Elite-Labors auf. Sie arbeiten dort an der Entwicklung einer Pille namens BlyssPluss, die die Menschheit vor allen Krankheiten schützen soll, und den sogenannten Crakern, mit denen Crake eigene Pläne verfolgt.

Margaret Atwood entwirft in „Oryx und Crake“ eine Zukunft, in der durch die Klimaerwärmung das ökologische Gleichgewicht zerstört worden ist. Extreme Wetterlagen haben dazu geführt, dass zahlreiche Tierarten ausgestorben sind, Nahrungsmittel für die wachsende Bevölkerung knapp werden und sich Krankheiten flächendeckend ausbreiten. Der Mensch versucht diesen Begebenheiten durch Genmanipulation entgegen zu wirken. Es werden Organschweine gezüchtet und Hunölfe, Wakunks und Hühner ohne Kopf, aber mit mehr Fleisch. Nach der Katastrophe lebt Jimmy in ständiger Gefahr von diesen genveränderten und überdurchschnittlich intelligenten Tieren angegriffen zu werden.
Neben der Zerstörung der Umwelt verarbeitet Margaret Atwood gleichzeitig weitere Themen: Sie befasst sich mit der sich verändernden Gesellschaft, mit dem Ökoterrorismus, der Legalisierung von Kinderpornographie und einer immer perverser werdenden Unterhaltungskultur. Und mit dem Ende des Erzählens. Denn das Ende der Menschheit bedeutet auch das Ende der Geschichten.

Es ist tröstlich, sich zu erinnern, dass Homo sapiens sapiens einst so erfindungsreich mit der Sprache umging, und nicht nur mit der Sprache. Erfindungsreich in allen Richtungen zugleich.
Affenhirne, war Crakes Kommentar gewesen. […] – es mag ein fortgeschrittenes Modell gewesen sein, trotzdem ist es ein Affenhirn. Crake hatte keine besonders hohe Meinung von der menschlichen Erfindungsgabe, obwohl er selbst so viel davon besaß. – S. 103

Der Roman verarbeitet in meinen Augen anschaulich zahlreiche wichtige Themen und macht die möglichen Folgen und die negativen Seiten der Gentechnik und des Klimawandels greifbar. Doch hier setzt auch meine Kritik an: Obwohl die Zukunft in Margaret Atwoods Roman erschreckend ist und insbesondere Jimmy/Schneemensch darunter leidet, bin ich davon erstaunlich unberührt geblieben. Das lag vor allem daran, dass die Erzählweise der Handlung durch Rückblenden nicht richtig funktioniert. Während ich in „Der Report der Magd“ begeistert davon war, hat es mich in „Oryx und Crake“ von Zeit zu Zeit regelrecht gelangweilt. Insbesondere die Gegenwartsebene von Jimmy/Schneemensch ist relativ ereignislos und zieht sich deshalb in die Länge. Meine Neugierde ist dennoch so groß, dass ich mir die folgenden zwei Teile der Trilogie „Das Jahr der Flut“ und „Die Geschichte von Zeb“ unbedingt genauer ansehen möchte.

 

In der Dystopie „Oryx und Crake“ verarbeitet die kanadische Autorin Margaret Atwood wichtige Themen unserer Gegenwart – wie die Gentechnik und den Klimawandel -, deren Folgen wir für die Zukunft nur in Ansätzen ermessen können. Mir blieb aber die Handlung wegen der fehlenden Spannung trotz ihrer Brisanz erstaunlich fern. Und die Lehren aus dem Buch sind ebenso wichtig wie altbekannt: Der Klimawandel muss aufgehalten werden, Gentechnik bitte nur in Maßen, Kriege sind schlecht, die Kunst umso wichtiger. 

 

„Oryx und Crake“ – Margaret Atwood

Verlag: Piper
Erscheinungsdatum: 2. Oktober 2017 (Ersterscheinung 2003)
Übersetzerin: Barbara Lüdemann
ISBN: 978-3-492-31131-1
Seiten: 384

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Ein Monat in Büchern | Oktober 2017 – Wortkulisse 31. Oktober 2017 at 12:55

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