Der hohe Preis der Emanzipation | „Die Farbe von Milch“ von Nell Leyshon

4. November 2017 1 comment

Es ist das Jahr achtzehnhunderteinunddreißig als die fünfzehnjährige Mary ihre Geschichte an einem Fenster sitzend eigenhändig niederschreibt. Schreiben und Lesen sind für uns alltäglich. Für Mary, die im 19. Jahrhundert auf einem Bauernhof aufwächst, jedoch nicht. Nell Leyshons Roman „Die Farbe von Milch“ erzählt von der Freiheit der Bildung und von der Unterdrückung und der Selbstbestimmung der Frauen.

Mary wuchs gemeinsam mit drei Schwestern, Vater und Mutter und einem Großvater, der zum Sterben in den Apfelkeller verschoben wurde, auf einem Bauernhof in einem kleinen englischen Dorf auf. Die Arbeit auf den Feldern und mit den Tieren ist körperlich sehr anstrengend. Insbesondere Mary, die seit ihrer Geburt ein verdrehtes Bein hat, schafft es nicht, den hohen Ansprüchen des strengen Vaters gerecht zu werden. Aber auch ihre eigensinnige Art stößt bei den Eltern nur wenig auf Verständnis. Als der ortsansässige Pfarrer ein Hausmädchen sucht, das sich um seine kranke Frau kümmert, tritt Mary auf Verlangen ihres Vaters die Stelle an. Mit dem Einzug in das vornehme Haus des Pfarrers scheint sich Marys Leben ins Positive zu wandeln. Doch der Schein trügt.

Ich ging durch die Wiese und an den Hühnern vorbei und übers Gattertor und dann die Straße hoch zu unserem Acker mit den drei Morgen.
Ich hab nie gesagt dass ich was Besonderes bin.
Ich hab das noch nie gesagt.
Und ich habe es nie auch nur gedacht. – S. 17

Erst einmal vorweg: Mary ist für mich ein außergewöhnlicher Charakter. Ihre ruhige, überlegte und ehrliche Art mit dem immer wieder durchscheinenden schwarzen Humor hat mich von der ersten Seite an begeistert. Ich mochte ihr Selbstständigkeit und die Fähigkeit, sich nicht verbiegen zu lassen, obwohl sie, so wie sie ist, nicht in das Frauenbild des 19.Jahrhunderts passt. Das, was Mary in dem Haus des Pfarrers passiert, ist grausam, und es ist schon fast unheimlich mit welcher stoischen Ruhe sie das über sich ergehen lässt. Nicht zuletzt das macht „Die Farbe von Milch“ zu einer intensiven Lektüre.

Manchmal ist es gut wenn man ein Gedächtnis hat denn das ist die Geschichte des eigenen Lebens und ohne Gedächtnis hätte man gar nichts. Aber manchmal da bewahrt das Gedächtnis Dinge auf die man lieber nicht mehr wüsste und egal wie sehr man sich anstrengt sie aus dem Kopf zu kriegen sie kommen immer weder zurück. – S. 163

Nell Leyshon versteht es zudem, in der Ich-Perspektive durch den Charakter der Mary hindurch zu sprechen. Indem die Autorin kaum Kommata verwendet und in kurzen (manchmal etwas holprigen) Sätzen schreibt, passt sie den Schreibstil an den einer Jugendlichen an, die gerade erst das Schreiben erlernt – ich kann dieses Mittel nachvollziehen, konnte mich beim Lesen aber nicht damit anfreunden. Beeindruckender finde ich hingegen die Stimmung, die Nell Leyshon im Roman zu erschaffen vermag. Marys Welt begrenzt sich auf den Bauernhof, auf das Haus des Pfarrers, eine Kirche, einen Friedhof und einen angrenzenden Hügel. Die einengende und erdrückende Atmosphäre ist das ganze Buch lang zu spüren. Leider verrät der Klappentext aber unheimlich viel von der Geschichte und ich hatte früh eine Ahnung, worauf die Handlung hinauslaufen wird. Das hat viel von der Spannung, aber auch viel von meiner Neugierde genommen. Sodass ich das Buch zwar gerne gelesen hatte, das Ende aber wenig überraschend fand.

 

Nell Leyshon entwirft mit Mary in „Die Farbe von Milch“ einen Charakter, der einzigartig ist und aus dem Buch etwas Besonderes macht. Die Atmosphäre, die die Autorin schafft ist bedrückend, das Leseerlebnis intensiv. Leider konnte ich mich aber nicht für den Schreibstil der Autorin begeistern und fand die Geschichte – nicht zuletzt aufgrund des ausführlichen Klappentextes – zu vorhersehbar.

 

Die Farbe von Milch – Nell Leyshon

Verlag: Eisele Verlag
Erscheinungsdatum: 22. September 2017
Übersetzerin: Wibke Kuhn
ISBN: 978-3-96161-000-6
Seiten: 208

Das könnte dir auch gefallen

1 comment

Leselaunen 14. November 2017 at 16:03

Das Buch will ich auch noch lesen. Deswegen habe ich die Rezi nur überflogen =)

Neri, Leselaunen

Reply

Leave a Comment

*