Das sind Kids wie alle anderen | „Just Kids“ von Patti Smith

1. Januar 2018 4 comments

Patti Smith hat mich schon immer fasziniert. Ihre wilden Haare, die tolle Musik, der stechende Blick und diese Aura von Kreativität und Freiheit, die sie auf jedem Bild zu umgeben scheint. Umso begeisterter war ich als ich in der Buchhandlung zufällig über ihre Autobiographie gestolpert bin. Es war klar, dass ich diese sofort mitnehmen musste. Das war eine meiner besten Entscheidungen des vergangenen Jahres!

Patti Smith ist zwanzig als sie ihre Sachen packt und allein mit dem Bus nach New York fährt. Es ist das Jahr 1967. Eine faszinierende Zeit! Doch umso faszinierender ist der Mensch, dem sie auf der Suche nach einer Unterkunft für die Nacht über den Weg läuft: Robert Mapplethorpe. Die erste Begegnung ist flüchtig und alles, was Patti Smith bemerkt, sind seine leichten O-Beine und die Unmengen dunkler Locken. Doch dann laufen sie sich wieder über den Weg und es entwickelt sich eine Liebe und eine tiefe Freundschaft zwischen den beiden großen Künstlern, die damals nur zwei Jugendliche auf der Suche nach sich selbst waren.

Es war der Sommer, in dem Coltrane starb. Der Sommer von Crystal Ship. Blumenkinder erhoben ihre leeren Arme, und China zündete die H-Bombe. Jimi Hendrix setzte in Monterey seine Gitarre in Brand. Ode to Billie Joe lief im Mainstream-Radio. Es gab Unruhen in Newark, Milwaukee und Detroit. Es war der Sommer von Elvira Madigan, der Sommer der Liebe. Und in dieser wechselhaften, unwirtlichen Atmosphäre änderte eine Zufallsbegegnung den Lauf meines Lebens.
In diesem Sommer traf ich Robert Mapplethorpe. – S. 45

Sie lebten ohne Geld, ohne Job, ohne Bad und manchmal nur von Keksen. Aber sie hatten große Träume und arbeiteten hingebungsvoll an ihrer Kunst. Während Robert Mapplethorpe schon damals wusste, dass er Künstler ist, war sich Patti Smith lange Zeit nicht sicher, was sie aus ihrem Leben machen möchte. Doch sie unterstützten sich gegenseitig und kümmerten sich umeinander. Robert Mapplethorpe arbeitete hingebungsvoll an seinen Kunstwerken und schließlich an seinen Fotografien. Patti Smith probierte sich hingegen aus: Sie schrieb Gedichte, später Songtexte, zeichnete, schauspielerte, schrieb Plattenrezensionen und fand darüber schließlich zu sich selbst. Auf diesem Weg begegneten sie vielen einflussreichen Persönlichkeiten: Darunter Janis Joplin, Andy Warhol, Jim Morrison und Jimi Hendrix. Und auch wenn die Liebesbeziehung zwischen den beiden aufgrund Robert Mapplethorpes Homosexualität zum Scheitern verurteilt war, bleibt das Band, das sich aus einer zufälligen Begegnung heraus entwickelte, bis zu seinem Tod und darüber hinaus zwischen ihm und Patti Smith bestehen.

Mein Zimmer spiegelte das lebhafte Durcheinander meines Innenlebens wider, halb Güterwagen, halb Märchenland. – S. 185

Patti Smith erfüllt mit „Just Kids“ einen Wunsch, den Robert Mapplethorpe kurz vor seinem Tod 1989 äußerte: Sie sollte ihre außergewöhnliche Freundschaft festhalten. Patti Smiths Geschichte über ihre Freundschaft zu Robert Mapplethorpe hat nichts Reißerisches an sich. Es gibt keine Cliffhanger, keine überraschenden Wendungen, kein Feilschen nach Aufmerksamkeit. Sie erzählt sensibel von ihren Erinnerungen. Während Patti Smith zu Beginn des Buches über ihre Kindheit und Jugend schreibt, schiebt sie den Fokus ihrer Erzählungen in dem Moment, in dem sie Robert Mapplethorpe trifft,  von sich weg und zu ihm hin. Tatsächlich hätte ich gern noch mehr über Patti Smith und ihren Werdegang als Künstlerin erfahren. Darüber, was sie antreibt und inspiriert, und wie sie an ihren künstlerischen Projekten arbeitet. Aber auch so konnte ich unendlich viel von ihr lernen. Sie ist für mich eine der inspirierendsten Frauen, die ich in meinem Leben bisher „kennenlernen“ durfte. Ihre künstlerische Arbeit, ihre Leidenschaft und ihre Vielseitigkeit motivieren mich, meinen Weg weiterzugehen. Als ich die letzte Seite umgeschlagen hatte, war ich traurig, weil es vorbei war – und im gleichen Moment wusste ich, dass ich das Buch noch einmal lesen werde.

Patti Smith erzählt in „Just Kids“ sensibel und mit viel Respekt von ihrer Freundschaft mit Robert Mapplethorpe. Sie gibt einen tiefen Einblick in ihr gemeinsames Leben und ihre kreativen Arbeiten, die eng mit berühmten Persönlichkeiten und dem Leben im New York der 70er Jahre verbunden sind. Damit ist das Buch für mich zu einer Quelle der Inspiration geworden, das mir gezeigt hat, dass sich harte Arbeit und Leidenschaft auszahlen und man sich nicht zwangsläufig für eine Leidenschaft entscheiden muss.

 


 

„Just Kids“ – Patti Smith

Verlag: FISCHER Taschenbuch
Erscheinungsdatum: September 2012
Übersetzung: Clara Drechsler und Harald Hellmann
ISBN: 978-3-596-18885-7
Seiten: 352

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4 comments

Ein Monat in Büchern | November 2017 – Wortkulisse 4. Januar 2018 at 18:04

[…] „Just Kids“ von Patti Smith […]

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Ein Monat in Büchern | Januar 2018 – Wortkulisse 12. Februar 2018 at 10:16

[…] über drei wundervolle Bücher. „Who the fuck is Kafka“ von Lizzie Doron, „Just Kids“ von Patti Smith – zwei absolute Highlights aus dem vergangenen Jahr! – und „Lieber Mr. […]

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Anja 30. März 2018 at 22:32

Patti Smith ist eine riesige Inspirationsquelle für mich. Ich liebe einfach ihre ganze Art. Für mich ist sie durch und durch eine Künstlerin.
Ich hatte damals ein Interview mit ihr auf Youtube gesehen und dann war es um mich geschehen. Ich liebe ihre Gedanken und wie sie die Welt sieht.
Just Kids steht noch auf meiner Leseliste. Ich habe es noch nicht gelesen, da mich eher die Sachen interessieren, wo sie über ihre eigenen künstlerischen Gedanken und den Schaffensprozess berichtet. (Wie bei M Train). Aber irgendwann landet es sicher auch noch auf meinem SuB.

Liebe Grüße, Anja

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Cora 2. April 2018 at 20:01

Liebe Anja,
ich kann es dir wirklich nur ans Herz legen! „Just Kids“ ist ein unglaublich inspirierendes Buch, in dem man einiges über ihren Schaffensprozess und Werdegang als Künstlerin erfährt. Der Fokus liegt zwar auch auf Robert Mapplethorpe, aber das macht es nicht uninteressanter. „M Train“ möchte ich auch noch unbedingt lesen.
Liebe Grüße!
Cora

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