I may dream things cause your heart to weep | „White Tears“ von Hari Kunzru (2017)

24. März 2018 0 comment

Hari Kunzrus Roman „White Tears“ ist für mich ein ganz besonderes Buch. Es hat mich nicht nur aus meiner Leseflaute hinauskatapultiert, sondern sich durch seine Vielschichtigkeit, Tiefgründigkeit und Komplexität einen Weg in mein Herz gebahnt, aus dem es so schnell nicht wieder herauskommt.

An der Oberfläche handelt „White Tears“ von der Freundschaft zwischen Seth und Carter, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Während Carter mit seinen blonden Dreadlocks, aufwändigen Tattoos und einem enormen Treuhandvermögen einfach nur cool ist, ist Seth, der Ich-Erzähler des Romans, wohl eher das, was wir einen Loser nennen, der Schwierigkeiten hat, seinen Lebensunterhalt zu begleichen und am liebsten allein mit seinem Aufnahmegerät in der Gegend herumstreift. Doch sie beide sind Einzelgänger, leben in ihrer eigenen Welt und das schafft eine einzigartige Verbindung zwischen ihnen. Ihre Liebe zu authentischer Musik im Gegensatz zur digitalen Gegenwart macht sie zu erfolgreichen Musikproduzenten in New York, bis sich diese Liebe zur Obsession wandelt und ungeahnte Folgen hat. Das Tonstudio, das der Familie Carters gehört, ist das Spiegelbild dieser Leidenschaft und mit einer erstklassigen Musikanlage, Schallplattenspielern mit Röhrenverstärkern und ausschließlich Vinyl ausgestattet.

Carter sucht in seinem Leben nach Bedeutung und einem Gefühl der Tiefe. Wie wir alle lebt er in einer Welt der leicht verfügbaren kulturellen Zeichen und Symbole. Es ist sehr einfach von einer Sache zur nächsten und von dort zur nächsten und übernächsten zu springen. Er hat Geld, er verfügt über die nötigen Zugänge, mehr als andere. Er kann alles haben, aber nichts fühlt sich echt an, deshalb sehnt er sich nach etwas Wahrhaftigem.

Auf einem seiner Streifzüge durch die vollen Straßen New Yorks nimmt Seth unbemerkt einen Mann auf, der einen alten Blues-Song singt. Begeistert von dieser Aufnahme und der Tiefgründigkeit des Textes, stürzt sich Carter in die Welt des Blues. Seine Sammelleidenschaft für alte Platten aus den 20er und 30er Jahren – Platten, deren Sänger*innen niemandem mehr bekannt sind, mit verschrammten Melodien, kaum mehr hörbar – wird zur Besessenheit. Er ist auf der Suche nach dem Wahrhaftigen. Nach der Quelle jener Musik, deren Intensität in der digitalen Gegenwart nicht zu finden ist. Schließlich nimmt Seth auf den Straßen New Yorks eine Gitarrenmelodie auf, die perfekt zu dem Text zu passen scheint. Seth hat kein weiteres Interesse an diesen Aufnahmen, doch Carter kreiert aus diesen einen Song, der verbunden mit hinzugemischtem Kratzen wie eine Aufnahme aus längst vergangenen Zeiten klingt. Er erfindet den Künstler Charlie Shaw und stellt das Lied ins Internet – nichtsahnend dass Charlie Shaw und dieses Lied tatsächlich existiert haben.

meine Gegenwart war mir irgendwie voraus und gleichzeitig unwiederbringlich in der Vergangenheit. Alles, was ich hörte, klang verstärkt und dadurch klarer definiert, gleichzeitig war es aber nur ein Echo, nicht wirklich vorhanden, so fern und fremd wie ein Funksignal aus einem längst vergangenen Krieg. Jeder einzelne Moment war schon durchlebt. Ich konnte nichts mehr in einen Zusammenhang bringen. Etwas passierte und war gleichzeitig schon passiert. Die Spirale, die sich von der Geburt bis zum Tod erstreckt, der Wahrnehmungsstrang aus Gewohnheit und Fortschritt, der aus einem Menschen erst einen Menschen macht, ein eigenständiges Ganzes, war durchbrochen und ohne Substanz wie eine Kette von Rauchringen.

An diesem Punkt beginnt die Geschichte aus dem Ruder zu laufen. Carter wird zusammengeschlagen und liegt im Koma, Seth macht sich auf die Suche nach Charlie Shaw und wird dabei von der Vergangenheit eingeholt. Das, was zu Beginn des Textes angedeutet wird, wenn Seth davon spricht, den Bezug zur Zukunft zu verlieren, verstärkt sich zunehmend. Vergangenheit und Gegenwart beginnen zu mäandrieren und verflechten sich unentwirrbar miteinander. Nur durch kleine Hinweise des Autors erkennt der*die Leser*in in welchem Jahrzehnt sich die Geschichte befindet. Das noch stehende World Trade Center, die Black Spades in der Bronx, die U-Bahn auf dem Hochgleis oder die getrennten Sitzplätze für Weiße und Schwarze sind Anhaltspunkte für den jeweiligen Zeitpunkt in der Geschichte der USA. Bis Seth nicht nur die Jahrzehnte, sondern auch seine Identität und Hautfarbe wechselt. Anfangs fiel es mir schwer, mich in der Geschichte zurecht zu finden, so stark waren die einzelnen Ebenen miteinander verwoben. Doch umso mehr ich mich darauf eingelassen hatte, desto mehr wurden die eigentlichen Themen des Romans für mich ersichtlich: Zwar scheint es oberflächlich um die Freundschaft zwischen Seth und Carter und um Musik zu gehen, eigentlich aber verarbeitet Hari Kunzru in diesem Roman auf meisterhafte Weise die Sklaverei und den Rassismus in der Geschichte der USA und die Unterdrückung, die mit kultureller Aneignung einhergeht.

„White Tears“ von Hari Kunzru ist eines der beeindruckendsten Bücher, die ich je gelesen habe. Der Roman entwickelt durch seine Vielschichtigkeit, durch das Spiel mit der Zeit und der Identität des Protagonisten eine unglaubliche Sogwirkung, die es mir fast unmöglich gemacht hat, das Buch aus den Händen zu legen. Durch ein einziges Lied verbindet der Autor die Sklaverei der Vergangenheit mit der kulturellen Aneignung der Gegenwart und wirft seine Leser*innen in eine Zeitreise voller Gesellschaftskritik:

Believe I buy a graveyard of my own
Believe I buy me a graveyard of my own
Put my enemies all down in the ground

Put me under a man they call Captain Jack
Put me under a man they call Captain Jack
Wrote his name all down my back

Went to the Captain with my hat in my hand
Went to the Captain with my hat in my hand
Said Captain have mercy on a long time man

Well he look at me and he spit on the ground
He look at me and he spit on the ground
Says I’ll have mercy when I drive you down

Don’t get mad at me woman if I kicks in my sleep
Don’t get mad at me woman if I kicks in my sleep
I may dream things cause your heart to weep

 


 

Bibliographie

Verlag: Liebeskind
Übersetzer: Nicolai von Schweder-Schreiner
Erscheinungsdatum: 26. Juni 2017
352 Seiten

Über den Autor

Hari Kunzru (*1969) ist ein britischer Schriftsteller und Journalist, der 2002 mit „The Impressionists“ sein Debüt feierte. Für seine Arbeit als Autor wurde er bereits mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Seine Werke wurden in über zwanzig Sprachen übersetzt, wobei nicht jeder seiner Romane in deutscher Übersetzung vorhanden ist. Derzeit lebt und arbeitet er in New York.

 

Das könnte dir auch gefallen

Leave a Comment

*