Über die Grenzen des Menschlichen | „Alles, was wir geben mussten“ von Kazuo Ishirguro

29. März 2018 5 comments

Als Kazuo Ishiguro 2017 den Literaturnobelpreis gewann, hatte ich noch kein Buch von dem Autor gelesen. Ich habe mir „Alles, was wir geben musste“ gekauft und es beim Lesen wirklich gemocht.
Dennoch habe ich ein großes Problem mit dem Roman.

Kathy, die Ich-Erzählerin des Romans, arbeitet als Betreuerin für Spender. Sie ist häufig unterwegs, um ihre Spender in den jeweiligen Erholungszentren zu besuchen, und so hat sie viel Zeit über ihre Vergangenheit nachzudenken und immer wieder flüchtig nach dem Ort Ausschau zu halten, an dem sie aufgewachsen ist. Manchmal ist es ein Tal, manchmal ein Herrenhaus, das zwischen den Bäumen zu erahnen ist, oder der Anblick von Pappeln, der in ihr das Gefühl aufkommen lässt, Hailsham, das Internat in dem sie aufwuchs, wiedergefunden zu haben. Doch jedes Mal ist es ein Irrtum.
Beinahe wehmütig erinnert sich Kathy an ihre Kindheit in Hailsham zurück. Auf den ersten Blick führten Kathy, Ruth und Tommy ebenso wie ihre Kollegiaten damals ein ganz gewöhnliches Leben. Sie hatten Unterricht, trafen sich auf dem Sportplatz, hörten Musik und wurden Stück für Stück erwachsen. Doch einige Dinge waren anders: Ihre Lehrer, die sie Aufseher nannten, achteten penibel auf die Gesundheit der Kollegiaten. Das Rauchen war strengstens verboten.  Die Kollegiaten hatten keinen Kontakt zur Außenwelt. Und die Bilder, die sie im Kunstunterricht anfertigten, wurden in regelmäßigen Abständen von einer „Madame“ abgeholt, die panische Angst vor den Kindern zu haben schien. Stück für Stück lässt Kazuo Ishiguro Kathy ihre Erinnerungen freilegen, bis offensichtlich wird, was Kathy, Tommy, Ruth und alle Kollegiaten sind: Sie sind Klone. Ihre Lebensaufgabe: Organspende.

„Ihr wisst ja Bescheid. Ihr seid Kollegiaten. Ihr seid … etwas Besonderes. Für euch, für jeden und jede Einzelne von euch, ist es noch viel wichtiger als für mich, dass ihr euch gesund erhaltet, dass ihr nichts tut, was euren Organen schaden könnte.“ – S. 88

Als sie sechzehn Jahre alt sind, verlassen die Kollegiaten Hailsham und ziehen in die sogenannten Cottages. Dort treffen sie auf Kollegiaten anderer Einrichtungen. Kathy, Ruth und Tommy bleiben zusammen, doch es wird bald deutlich, dass mit dem Ende der Zeit, die sie Hailsham verbrachten, auch ihre Freundschaft Risse bekommt. Während Ruth und Tommy ein Paar werden, entfernt sich Kathy zunehmend von ihren Freunden. Ein gemeinsamer Ausflug, auf dem sie einer Frau folgen, die Ruths „Mögliche“ – also die Frau, von der sie geklont worden ist – sein könnte, treibt einen noch tieferen Graben zwischen die Freunde. Nach der Zeit in den Cottages verlieren sie den Kontakt zueinander – bis Kathy sieben Jahre später die Betreuerin von Ruth wird.

„Ruth“, unterbrach ich sie bestimmt, „Ruth, nicht!“
Sie ignorierte mich. „Wir wissen es alle. Unsere Modelle sind Abschaum: Junkies, Prostituierte, Alkis, Obdachlose. Häftlinge vielleicht auch, so lange es keine Irren sind. Von denen stammen wir ab […]. Wenn ihr nach Möglichen schauen wollt, wenn ihr’s wirklich wissen wollt, dann müsst ihr in der Gosse suchen. In den Mülltonnen. In den Kloaken müsst ihr nachschauen, denn da kommen wir nämlich her. – S. 202-203

Kazuo Ishiguro greift mit seinem Roman „Alles, was wir geben mussten“ das Thema der Gentechnik auf, das spätestens seit der erfolgreichen Klonung des Schafes Dolly 1996/7 in die Öffentlichkeit gelangt ist.  Es mag wohl also auch kein Zufall sein, dass Kazuo Ishiguro die Handlung seines Romans am Ende des 20. Jahrhunderts spielen lässt. Gleichzeitig begründet der Autor die zeitliche Einbettung seiner Handlung nicht, genauso wenig geht Kazuo Ishiguro auf die technischen und medizinischen Möglichkeit des Klonens und der Genmanipulation ein. Das ist auch gar nicht möglich, da der*die Leser*in allein das erfährt, was Kathy erlebt, weiß und denkt. Dadurch hätte der Autor die großartige Möglichkeit gehabt, zu zeigen, dass Klone im Herzen auch Menschen sind, dass sie denken und fühlen und lieben, und damit aus einem anderen Ansatz heraus Kritik an der Gentechnik üben. Doch das macht Kazuo Ishiguro jedoch so, wie er die Charaktere gestaltet, zunichte. Sie wirken sonderbar gefühlskalt und desinteressiert. Denn obwohl sie genau wissen, was ihnen die Zukunft bringen wird, stellen sie dies an keiner Stelle des Buches infrage. Ihre Sexualität hat schon fast animalische Züge und obgleich des Todes anderer Spender verhalten sie sich beinahe gleichgültig. Die Charaktere wirkten auf mich schon fast dumm, weil sie keine eigene Meinung zu ihrem Leben und ihrem Schicksal hatten.
Es gab einige Schlüsselstellen – etwa, die weinende „Madame“, die Kathy beobachtet, wie sie ihr Kissen in den Armen wiegend tanzt, oder die Fahrt nach Norfolk, wo sie sich auf die Suche nach Ruths „Möglicher“ begeben -, in denen das schriftstellerische Können Kazuo Ishiguros zu erkennen ist. Aber im Großen und Ganzen fehlte dem Roman ein Spannungsbogen, der mich an die Handlung fesseln konnte. Ich hatte bis zum Ende des Romans die Hoffnung, dass Kazuo Ishiguro den Roman auf die Metaebene hebt und Kathy etwas passiert, was ihr Denken grundlegend ändert. Leider vergebens. Aber vielleicht war das auch genau das, was der Autor beabsichtigt hatte.

 

Der Roman „Alles, was wir geben mussten“ von Kazuo Ishiguro konnte mich leider nicht vollkommen überzeugen. Die Charaktere wirkten auf mich gefühlskalt und gleichgültig obgleich ihres schrecklichen Schicksals, dem sie als Klone entgegenblicken. Kazuo Ishiguro kratzt nur verhalten, kaum sichtbar an den wissenschaftlichen und moralischen Grundfragen der Gentechnik und verschwendet in meinen Augen das große Potenzial, das in der Thematik des Romans steckt.

 


 

Bibliographie

Verlag: Heyne
Erscheinungsdatum: 14. 11. 2016
Übersetzerin: Barbara Schaden
Seiten: 352

Über den Autor

Der englische Autor Kazuo Ishiguro (*1954), geboren in Nagasaki, verbrachte sein Leben ab 1960 in London. Dort studierte er Englisch und Philosophie. 2017 wurde ihm für sein Gesamtwerk, das in über 50 Sprachen übersetzt worden ist, der Nobelpreis für Literatur verliehen.

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5 comments

Leselaunen 7. April 2018 at 10:23

So schade, dass Dich das Buch ehr enttäuscht hat. Ich fand, es klang sehr vielversprechend.

Neri, Leselaunen

Reply
Cora 8. April 2018 at 18:52

Ja, fand ich auch. Aber irgendwie konnte es mich einfach nicht mitreißen…

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Die Vorleser 12. April 2018 at 15:39

Hi, ich habe das Buch damals in der Schule gelesen und auch ich war nicht wirklich begeistert davon. Ich konnte nicht wirklich nachvollziehen wie sich Kathy und die anderen ihrem Schicksal ergeben haben, ohne darüber nachzudenken. Dies hat mich mit der Zeit sogar ein bisschen wütend gemacht, weshalb ich deine Kritik sehr gut verstehe.

Liebe Grüße von den Vorlesern

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Cora 22. April 2018 at 21:23

Genauso ging es mir auch! Ich hätte die Charaktere ab und zu am liebsten geschüttelt, um sie aus ihrer „Trance“ aufzuwecken.
Liebste Grüße zurück (:

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Kiki 6. Mai 2018 at 21:43

Ich finde das Cover richtig toll und das Thema an sich auch, aber wenn es dich schon so enttäuscht hat, möchte ich es auch nicht mehr lesen. 🙂

Liebe Grüße ❤

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