Kann der Gorilla die Welt retten? | „Ismael“ von Daniel Quinn (1992)

23. April 2018 1 comment

Warum zerstören wir Menschen unseren eigenen Lebensraum und damit den Lebensraum alles Lebenden auf dieser Welt? Daniel Quinn versucht in seinem Roman „Ismael“ (Originaltitel: „Ishmael“, 1992), an dem er fünfzehn Jahre lang gearbeitet haben soll, eine Antwort auf diese Frage zu finden. Mit seiner Umsetzung wird Daniel Quinn dem wichtigen Thema jedoch nicht gerecht.

Als der Ich-Erzähler des Romans noch ein junger Mann war – vor zehn, zwanzig Jahren -, glaubte er, einen Lehrer zu brauchen. Doch er suchte keinen Zen-Meister oder Guru oder gar einen geistigen Führer. Er suchte nichts geringeres als einen Lehrer, der ihm zeigen konnte, wie die Welt zu retten sei. Nachdem er schon die Hoffnung verloren hatte, jemals einen solchen Lehrer zu finden, entdeckte der Mann eine Anzeige in der Zeitung, in der ein Lehrer einen „Schüler mit ernsthaftem Verlangen die Welt zu retten“ sucht. Nach einigem Zögern machte er sich auf den Weg zu der angegebenen Adresse. Doch als er dort angelangte, fand er einen auf den ersten Blick scheinbar leeren Raum vor. Scheinbar, denn hinter einem großen Fenster saß ein ausgewachsener Gorilla („ein ungeheurer Koloß“) der seelenruhig an einem Zweig knabberte.

Ismael dachte nach. „Welcher Teil der Menschheit will die Welt zerstören?“
„Zerstören? Soviel ich weiß, will niemand die Welt zerstören.“
„Und doch zerstört ihr sie, ihr alle. Ihr alle tragt täglich zur Zerstörung der Welt bei.“
„Stimmt.“
„Warum hört ihr nicht damit auf?“
Ich zuckte die Schultern. „Offengestanden, wir wissen es selbst nicht.“ – S. 29

Durch Telepathie unterhalten sich von nun an der Gorilla Ismael und sein neuer Schüler in weitschweifenden Dialogen über den Aufstieg und den Untergang der Menschheit. Ismael wendet dabei die sokratische Methode an: Zu Beginn definiert er zentrale Begriffe wie „Geschichte“ und „Kultur“, um anschließend auf dieser Grundlage seinen Schüler durch gezielte Fragen zur philosophischen Erkenntnis zu führen. Ismael setzt sich in seinem Unterricht mit einigen Mythen der Menschheit auseinander. Einen zentralen Platz nehmen die Evolution sowie die biblischen Erzählungen des Sündenfalls und der Ermordung Abels ein, deren Folgen auf den Umgang der Menschen mit der Erde seit Beginn der landwirtschaftlichen Revolution 8000 vor Christus in der Gegend des fruchtbaren Halbmondes ebenfalls thematisiert werden. Zu diesem Zweck unterteilt Ismael die Menschheit stark vereinfachend in Nehmer und Lasser. Die Nehmer, die vor etwa 10.000 Jahren mit dem Beginn der Revolution der Landwirtschaft sesshaft wurden, leben demnach derzeit weltweit in den „modernen“ Gesellschaften. Die Lasser, die im Einklang mit der Natur leben, stellen hingegen eine schrumpfende Minderheit dar. Im fortlaufenden Dialog dekonstruiert Ismael kulturelle Mythen, nach denen sein Schüler und der Rest der Nehmer leben. Allen voran den Mythos, auf dem die Nehmer ihre Vorherrschaft auf der Welt begründen und demzufolge die Menschen die Krone der Schöpfung und das Ziel der Evolution seien. Ismael kritisiert nicht allein den Anthropozentrismus, sondern auch, dass die Nehmer aufgehört hätten, diesen zu hinterfragen, ihn stattdessen täglich durch Medien, Politik und Wirtschaft weitertragen und auf seiner Grundlage Natur und Lebensräume zerstören.

Daniel Quinns fiktiver Roman „Ismael“ scheint ein geheimer Bestseller zu sein, der in Diskussionsrunden begeistert diskutiert und von zahlreichen spirituellen Youtubern und Bloggern empfohlen wird. Während ich einige der Ideen als durchaus interessant und nützlich empfinde, ist die Umsetzung des Romans schlechthin unpassend. Denn Daniel Quinn verwendet zur Weitertragung seiner Gedanken rhetorische Mittel, die in meinen Augen manipulativ sind.
Auf den ersten Blick scheint es ein intelligenter Schachzug Daniel Quinns zu sein, einen Gorilla als Lehrer einzusetzen, der, nicht von „Mutter Kultur“ beeinflusst, neutral die Menschheit beobachten und bewerten kann. „Mutter Kultur“ ist in „Ismael“ wie eine leise Stimme, die die Menschen manipuliert und derer sie sich nicht entziehen können. Das hat zwei gravierende Auswirkungen: Erstens erhalten die Aussagen des Gorillas damit einen allgemeingültigen und überlegenen Charakter, den sie nicht besitzen. Denn letztendlich ist die gesamte Lehre Ismaels, eine von Daniel Quinn – der sich seiner Weltanschauung folgend gleichwohl nicht der Manipulation durch „Mutter Natur“ entziehen kann und indem er so tut als ob, eine doch eher fragwürdige Position einnimmt – geformte Ideologie, die er in seinem Roman durch einen scheinbar neutralen Dritten weitergibt. Zweitens entledigt sich Daniel Quinn durch seine Darstellung unserer Kultur jeglicher Kritik. In jeder Situation, in der der Schüler Ismaels alias Daniel Quinns Argumentation widersprach, argumentierte dieser, dass lediglich „Mutter Kultur“ ihn durch ihre Manipulationen abhalte, jene Argumente zu verstehen. Eine kritische Auseinandersetzung mit Quinns Argumenten wird auf dieser Basis unmöglich.
Die Überlegenheit der Argumentation des Gorillas wird zudem dadurch verstärkt, dass der nur schemenhaft skizzierte Schüler ziemlich begriffsstutzig daherkommt und nur in wenigen Fällen eine genaue Antwort auf die Fragen Ismaels weiß und nur selten etwas hinterfragt. Dadurch wirkt eigentlich alles, was Ismael sagt, bedeutungsschwer und originell. Gleichzeitig findet dadurch aber auch kein Meinungsaustausch zwischen Lehrer und Schüler statt, es gibt keine Gegenargumente, keine Diskussionen, sondern lediglich die Argumente Ismaels alias Daniel Quinns, die im Roman als einzige Wahrheit vermittelt werden.

„Wir brauchen keinen Propheten, der uns sagt, wie wir leben sollen. Wir können das selbst herausfinden, indem wir uns die Welt, in der wir leben, genauer ansehen.“ – S. 91

Die aus der gesamten Konstruktion des Romans resultierende Botschaft, nach der jeder, der nicht mit den Argumenten Daniel Quinns übereinstimmt, ein von der „Mutter Kultur“ manipulierter und damit die Wahrheit unfähig zu erkennender Mensch ist, halte ich schlichtweg – insbesondere wenn ich mir ansehe, wie viele Menschen diesen Roman zu lieben scheinen – für gefährlich. Darüberhinaus generalisiert Daniel Quinn stark und schert beispielsweise in einem Rutsch alle Kulturen der Welt über einen Kamm und entledigt sich durch die Romanform jeglicher Notwendigkeit an Quellenverweisen und empirischen Befunden. Dennoch beinhaltet der Roman einige Ideen, die ich bemerkenswert und interessant fand. Wäre Daniel Quinn offen mit diesen Ideen umgegangen und hätte Raum für Diskussionen gelassen, hätte er nicht nur sich, sondern auch dem realen und wichtigen Thema, mit dem er sich in „Ismael“ auseinandersetzt einen großen Gefallen getan.

 

Daniel Quinns Roman „Isamel“, in dem sich der Autor mit der gegenwärtigen Situation der Menschheit auseinandersetzt und nach einer Lösung für die Ausbeutung der Natur sucht, konnte mich letztendlich nicht überzeugen. Obwohl mich einige seiner Argumente nachdenklich stimmten und durchaus als Erklärung herangezogen werden könnten, empfand ich die Verbreitung dieser in Romanform als manipulativ und dem großen und wichtigen Thema der Zukunft der Menschheit und der Natur als nicht angemessen.

 


 

Bibliographie

Verlag: Goldmann Verlag
Erscheinungsdatum: 01. August 1994
Übersetzer: Wolfram Ströle
256 Seiten

Über den Autor

Daniel Quinn (1935-2018) war ein US-amerikanischer Schriftsteller und Kritiker der modernen Zivilisation. Durch seinen Roman „Ismael“ wurde Daniel Quinn ein prominenter Vertreter des Primitivismus und der Umweltbewegung. „Ismael“ wurde in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt.

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1 comment

Leselaunen 1. Mai 2018 at 22:35

Sehr schade, dass Dich das Buch nicht überzeugen konnte. Die Thematik finde ich ungemein spannend.

Neri, Leselaunen

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