Wenn die Realität beginnt, sich aufzulösen | „Du hättest gehen sollen“ von Daniel Kehlmann (2016)

23. Mai 2018 2 comments

Ein gemeinsamer Familienurlaub entwickelt sich zur Spukgeschichte. Daniel Kehlmann bringt in „Du hättest gehen sollen“(2016)  die Realität und das Familienglück ins Wanken. Die oberflächliche Spannung und die Verwendung allzu bekannter Motive hinterlassen bei mir leider keinen bleiben Eindruck.

In der Vorweihnachtszeit flüchtet eine junge Familie in die Einsamkeit der Berge. Zwischen weißen Gletschern, düsteren Wäldern und grauen Felsen versuchen der namenlose Ich-Erzähler und seine Frau Susanna gemeinsam mit ihrer vierjährigen Tochter Esther in einem Ferienhaus am Ende einer langen Serpentinenstraße oberhalb des Dorfes dem Alltag zu entfliehen. Doch das ist unmöglich: Susanna tippt ununterbrochen Nachrichten auf ihrem Handy, die Tochter erzählt Geschichten aus ihrem Kindergarten, kleine Ausflüge werden durch die Spannungen in der Ehe und zunehmenden Streitigkeiten zum Kraftakt. Der Ich-Erzähler sammelt in einem Notizbuch die ersten Ideen für sein neues Drehbuch und schließlich einzelne Szenen aus den Urlaubstagen. Schon bald stellt er fest: Mit dem Haus stimmt etwas nicht. Die Perspektiven beginnen zu verschwimmen, die Wirklichkeit beginnt sich aufzulösen.
Nach und nach entgleitet dem Ich-Erzähler die Realität. Hier ein Bild, das verschwindet, dort ein fehlerhaftes Spiegelbild, ein scheinbar entloser Flur, ein schlechter Traum. Dreiecke, deren Winkelsummen keine 180° ergeben. Die Grenzen zwischen Realität und Wahn verschwimmen zunehmend und treiben den Mann an den Rand der Verzweiflung. Dann verschwindet seine Frau nach einem Streit mit dem Wagen und der Ich-Erzähler verliert vollständig den Bezug zur Realität. Die Flucht vor den Wahnvorstellungen und aus dem Ferienhaus misslingt.

Die Abwärtsspirale des Protagonisten, die Kehlmann aus Gedankenfetzen und Notizbucheinträgen des Ich-Erzählers zusammensetzt, zieht den*die Leser*in hinein in die 96 Seiten lange Erzählung. Ähnlich wie der Protagonist, dem es nicht gelingt, seinen Wahnvorstellungen zu entfliehen, konnte auch ich mich dem Sog der Geschichte nicht entziehen. Während dieser am Ende der Erzählung jedoch in dem Geisterhaus zurückbleibt, gelang mir die Rückkehr in die Realität zu schnell. Trotz zahlreicher Kniffe, die Spannung in die Handlung und die nötige Geisteratmosphäre vermitteln, bleiben Kehlmanns Figuren farblos. Das altbekannte Spiel mit fehlerhaften Reflexionen und verschwindenden Gegenständen bringt einen gewissen Grad an Spannung, die jedoch angesichts der Bekanntheit der Effekte an der Oberfläche bleibt. Die Erzählung konnte mich während des Lesens fesseln. Sie vermochte es aber nicht auch nach dem Lesen Spuren zu hinterlassen. Und ich frage mich schließlich: Was wollte Kehlmann mit dieser Geschichte bewirken? Wollte er zeigen, wie nah Realität und Wahnsinn nebeneinanderliegen? Oder wie schnell ein Künstler in seinem Schaffensprozess den Halt in der Realität verlieren kann? Wie stark die Identität eines Künstlers von seiner Reputation abhängt?

 

Daniel Kehlmanns Erzählung „Du hättest gehen sollen“ beschreibt in Gedankenfetzen und Notizbucheinträgen die Identitätskrise und den Realitätsverlust eines Drehbuchautors, der in der Abgeschiedenheit vom Alltag fliehen wollte. Leider bleiben sowohl die Charaktere als auch das „Geisterhaus“ farblos. Die Spannung ist während des Lesens von kurzer Dauer und ich glaube leider, dass ich mich bald nicht mehr an das dünne Buch erinnern werde.

 


 

Bibliographie

Verlag: Rowohlt
Erscheinungsdatum: 21.10.2016
96 Seiten

Über den Autor

Daniel Kehlmann (*1975) ist ein deutsch-österreichischer Autor. Bekanntheit erlangte er vor allem durch sein Werk „Die Vermessung der Welt“ (2005), das mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde. Heute lebt und arbeitet er in New York und Berlin.

Das könnte dir auch gefallen

2 comments

Tina 24. Mai 2018 at 07:25

Zack, bestellt, so schnell kann’s gehen 😀

Reply
Cora 24. Mai 2018 at 10:54

Dann wünsche ich dir schon einmal viel Freude beim Lesen <3

Reply

Leave a Comment

*