Ein leidenschaftliches Plädoyer für das schönste Papier der Welt | “Der letzte Zeitungsleser” von Michael Angele (2016)

von Cora
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Über den Autor

Der Schweizer Michael Angele (*1964) arbeitet als Journalist und Literaturwissenschaftler und ist der derzeitige Chefredakteur des Freitag. Zuvor schrieb er unter anderem für die Frankfurter Allgemeine und die Netzeitung. Zudem war er Dozent für Neuere deutsche Literatur an der Humboldt-Universität Berlin.  In dem Essay “Der letzte Zeitungsleser” (2016) behandelt er das Zeitunglesen als wichtigen Bestandteil der alltäglichen Routine, der über den reinen Informationsgewinn hinausgeht.

 

Ein leidenschaftliches Plädoyer für das schönste Papier der Welt

Die Zeitung ist immer noch etwas von alledem, aber all das verschwindet langsam, weil sie selbst verschwindet. Mag sein, dass dieser Prozess noch Jahre, vielleicht sogar Jahrzehnte dauert, mag sein, dass es sogar zu einer kleinen Renaissance der Zeitung kommt, und dennoch: sie verschwindet. – S. 29f.

Thomas Bernhard war leidenschaftlicher Zeitungsleser und soll für einen Artikel aus der Neuen Züricher Zeitung unglaubliche 350 Kilometer zurückgelegt haben. So besessen wie Bernhard sind wenige Zeitungsleser und dennoch gibt es sie. Menschen, die Zeitungen lesen. Im Café um die Ecke, zum Frühstück am Tisch neben der Ehefrau, auf der Toilette und fremdsprachige im Ausland. Trotzdem sind Zeitungen ein schwindendes Medium. Aber mit ihnen geht nach Angele nicht nur eine Informationsquelle verloren, sondern eine Kulturform – eine Lebensform.

Es geht beim Zeitungslesen nie nur um Informationsgewinn und freie Meinungsbildung, sondern auch um starke Gefühle. Und das Recht, sich aufzuregen. – S. 61

Angele durchzieht sein Essay mit zahlreichen biographischen Zügen, wie die anekdotenhaften Stellen über das Leben des Schriftstellers Thomas Bernhard, die zeigen, dass Zeitungen mehr sind, als ein informierendes, heute anachronistisch anmutendes Medium. Da gibt es den Zeitungssammler, der stapelweise Ausgaben und Artikel zu Hause hortet, den Urlaubsleser, der einen ganzen Koffer voll ungelesener Ausgaben des New Yorkers mit in den Urlaub nimmt oder eben Bernhard, der als beinahe schon fanatischer Zeitungsleser einen mehrere hundert Kilometer weiten Weg für einen Artikel zurücklegt.

Weder ist es der vordergründige Sinn einer Sammlung von New Yorkern, sie im Urlaub nachzulesen, noch ist es der vordergründige Sinn eines Urlaubs, dass man in ihm alte New Yorker nachliest.
Aber seinen Sinn hatte es eben doch. – S. 37

Das Büchlein ist eine angenehme Lektüre: schnell zu lesen, scharfzüngig und unterhaltend. Die Zeitungsoptik von außen findet sich auch im Inneren des Buches wider. Der Text ist wie in Zeitungsspalten gehalten, sodass auf einer Seite viel weißer Raum bleibt. Das einzige wirkliche Manko ist in meinen Augen jedoch der Preis: 16€ für ein 160-Seiten-Buch, bei dem die Seiten nur halb bedruckt sind? Den Kauf bereue ich dennoch nicht. Nicht im geringsten. Der letzte Zeitungsleser hat mich unterhalten, mich an der einen Stelle zum Schmunzeln und an der anderen zum Nachdenken gebracht. Ein Buch, das ich bestimmt nicht zum letzten Mal gelesen habe.

“Der letzte Zeitungsleser” (2016) ist ein leidenschaftliches Plädoyer eines Zeitungsmenschen für Zeitungen aus knisterndem Papier und Druckerschwärze und für die Traditionen, die Leben und Eigenheiten, die sich um dieses schwindende Medium gesponnen haben. Ich liebe es, Zeitung zu lesen, und das hat mir Angeles kluges Essay erneut vor Augen geführt.

 

Bibliographie

Verlag: Galiani-Berlin
Erscheinungsdatum: 11. August 2016
Seiten: 160

2 Kommentare

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Staubwölkchen 22. September 2016 - 14:33

Das hört sich nach einem buch an, dass ich unbedingt lesen müsste. Ich bin ja selbst eine begeisterte zeitungsleserin, daher werde ich mir dieses buch wohl trotz seines nicht gerade neidrigen preises anschaffen müssen. Zeitungglesen steht meiner Meinung nach auch für das "sich zeit nehmen": die zeit die man eben braucht um eine gute tages oder wochenzeitung zu lesen und das ist nicht gerade wenig. Ich denke diese Zeit, die man sich heute oftmals nicht mehr nehmen kann oder will (das geht mir oft selber so) ist ein weitere faktor, der die zeitung über kurz oder lang zu antiquiert machen wird, um weiterhin ein massenmedium zu sein Liebe Grüße und danke für die EmpfehlungVivien

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Die Vorleser 25. September 2016 - 15:32

Für mich ist Zeitungslesen auch mehr als Informationen aufnehmen, es ist eine "Lebensart". Vielen Dank für die schöne Besprechung zu dem tollem Essay. Liebe Grüße von Gisela von den Vorlesern

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