Auf der Suche nach den eigenen Wurzeln | “Vielleicht Esther” von Katja Petrowskaja (2014)

von Cora
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Über die Autorin

Katja Petrowskaja (*1970) ist eine ukrainisch-deutsche Schriftstellerin, Journalistin und Literaturwissenschaftlerin. Sie studierte Literaturwissenschaften und Slawistik in Estland und lebt seit 1999 in Berlin. Dort berichtete sie für verschiedene russische Medien und veröffentlichte erste Texte in deutschsprachigen Zeitungen. 2014 erschien ihr Roman “Vielleicht Esther”, für den sie die Geschichte ihrer jüdischen Familie recherchierte. Katja Petrowskaja schreibt ihre Texte auf Deutsch und nicht in ihrer Muttersprache.

 

Auf der Suche nach den eigenen Wurzeln

Wir waren glücklich, und alles in mir widersetzte sich dem Satz, den uns Lew Tolstoj vererbt hat, dass die glücklichen Familien sich ähnelten in ihrem Glück und nur die unglücklichen einzigartig sind, ein Satz, der uns in die Falle lockte und den Hang zum Unglück weckte, als wäre nur das Unglück der Rede wert, das Glück aber leer. – S. 20

Katja Petrowskaja nimmt uns mit auf ihre Reise durch den Osten Europas, durch Archivdokumente und Familiengespräche und schafft damit keinen Generationenroman im klassischen Sinne. Petrowskaja reiht eine Geschichte an die nächste und setzt damit Seite für Seite ein Mosaik aus kleinen Bausteinen zusammen. Dabei rückt sie aber nicht nur die Geschichte ihrer Familie in den Vordergrund, sondern auch ihre Nachforschungen, die sie durch halb Europa führen. Führend ist dabei die Geschichte ihrer Urgroßmutter, die vielleicht, aber nur vielleicht Esther hieß. Selbst ihr Vater erinnert sich nicht an ihren Namen. Für ihn war sie einfach die Babuschka.
Ich bin ein wenig hin und her gerissen. Petrowskajas Familiengeschichte ist eine Geschichte, die berührt und aufwühlt. Mir gehen die Geschichten, die Lebenserfahrungen aus der Zeit des Nationalsozialismus unglaublich nah. Für mich ist es unbegreiflich, dass solche Gräueltaten vor weniger als hundert Jahren passiert sind. Dass Menschen von solch einem unbegründeten Hass durchdrungen sein können. Doch mindestens genauso bedrückend ist es für mich zu lesen, welche Wirkung die Vergangenheit auch heute noch auf Menschen hat. Vielleicht Esther ist ein viel aktuelleres Buch als es auf den ersten Blick vielleicht scheinen mag.

Sie wurde auf der Stelle erschossen, mit nachlässiger Routine, ohne dass das Gespräch unterbrochen wurde, ohne sich ganz umzudrehen, ganz nebenbei. – S. 221

Dennoch habe ich sehr schwer Zugang zu diesem Buch gefunden. Das lag nicht unbedingt an der Thematik, sondern vielmehr an Petrowskajas Schreibstil, mit dem ich nicht warm wurde. Es gab Textstellen, die ich unheimlich gern gelesen habe und Stellen, durch die ich mich nahezu quälen musste. Petrowskaja hinterfragt alles und jeden, schweift ab und philosophiert. Gerade diese Stellen habe ich als sehr langatmig empfunden. Schwerfällig. Vielleicht ist das das richtige Wort. Manchmal konnte ich kaum aufhören zu lesen und war dann wieder kurz davor das Buch abzubrechen. Dennoch konnte mich die Autorin immer wieder auffangen. Dann hat sie mich mit ihrer klaren Sprache an ihre Reise, ihre Suche gebunden. Hat mich mitfühlen und miterleben lassen.

Mit “Vielleicht Esther” hat Katja Petrowskaja ein berührendes und aufwühlendes Buch geschaffen, das Geschichten aus der Vergangenheit erzählt und dabei doch unfassbar aktuell ist. Die Autorin durchzieht die deutsche Sprache mit zahlreichen russischen Wörtern und Redewendungen und zeichnet damit ihren Platz zwischen den zwei Kulturen nach. Ein wichtiges Buch, das mich sprachlich dennoch nicht ganz überzeugen konnte.

 

Bibliographie

Verlag: Büchergilde
Erscheinungsdatum: 2014
288 Seiten

2 Kommentare

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Anja Wortlichter 5. Dezember 2016 - 09:49

Ohja, das schöne Cover habe ich auch bewundert. Die Büchergilde hat da ja einige sehr tolle Schätze. Ich bin auch total in das Cover von Sturmhöhe verliebt, leider ist es nur so, dass mir das Buch leider nicht gefällt, obwohl ich es gern toll finden würde. Aber ich liebe diese grafischen Cover. Mit Literatur aus der NS Zeit kann ich leider auch weniger anfangen. Das liegt aber sicher daran, dass ich einfach zuviel schon davon gelesen habe oder mich einfach gedanklich extrem viel damit beschäftigt habe, auch wenn die Anzahl der Bücher vielleicht nicht so hoch waren. Ich habe zb. schon als Kind die Tagebücher der Anne Frank gelesen, bevor das in der Schule ein Thema war, weil es mich durch meine Großeltern interessiert hat und durch die Berichte meiner Großeltern, der Schrecken auch sehr real wurde. Ich interessiere mich derzeit allerdings viel für den 1. WK und die Zwischenkriegszeit (1900-1929), denn ich finde dort auch sehr viele Parrallelen zu unserer heutigen Zeit. Es hat damals alles sehr subtil angefangen. Gleichzeitig war es eine Zeit voller Umbrüche und Bewegung und ich bewundere auch die Generation meiner Ur-Großeltern, die ich zwar nie kennengelernt habe, aber die ganze zwei Kriege miterleben mussten, die gleichzeitig aber auch angefangen haben, sich für Frauenrechte einzusetzen und in einer Zeit voller Umbrüche und Modernisierung (Industrialisierung etc) gelebt haben. Liebe Grüße, Anja

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Ein Monat in Büchern | November 2016 – Wortkulisse 4. März 2017 - 17:23

[…] Vielleicht Esther – Katja Petrowskaja […]

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