Wenn Schicksale verbunden sind wie die Fäden eines Spinnennetzes | “bleiben” von Judith W. Taschler (2016)

von Cora
2 Kommentare

Über die Autorin

Die österreichische Schriftstellerin Judith W. Taschler (*1970) studierte zunächst Germanistik und Geschichte, bevor sie einige Jahre als Deutschlehrerin arbeitete. Heute lebt sie als freischaffende Autorin in Innsbruck. Ihr zweiter Roman “Die Deutschlehrerin” (2013) wurde mit dem Friedrich-Glauser-Preis ausgezeichnet. “bleiben” (2016) ist der fünfte Roman der Autorin.

 

Wenn Schicksale verbunden sind wie die Fäden eines Spinnennetzes

Zwanzig Jahre ist es her, dass sich Juliane, Max, Felix und Paul in einem Nachtzug auf dem Weg nach Rom treffen. Voller Träume für die eigene Zukunft steht jeder von ihnen an einem Wendepunkt im Leben. Paul ist frisch geschieden, Juliane wegen eines Unfalls, bei dem ihr Bruder starb, noch immer traumatisiert. Felix ist auf der Suche nach dem Leben seiner verstorbenen Mutter und Max träumt davon, Maler zu werden. Zwanzig Jahre später sind Juliane und Paul glücklich verheiratet und haben eine eigene Familie gegründet. Juliane und Felix treffen sich in einer Galerie wieder, in der ein Bild von Max basierend auf einem Foto, auf dem Juliane Cello spielt, ausgestellt wird. Sie beginnen eine leidenschaftliche Affäre, die erst endet als Felix ohne Vorwarnung den Kontakt zu Juliane abbricht. Sie fühlt sich benutzt und gedemütigt bis sie ausgerechnet von ihrem Mann erfährt, dass Felix schwer krank ist.

Taschler baut ihren Roman in vier Strängen auf und gibt ihren Lesern kapitelweise einen Einblick in die Dialoge von Juliane, Max, Paul und Felix, die ihre Gedanken und Erlebnisse dem Leser unbekannten Personen erzählen. Dabei hält die Autorin streng an ihrem Konzept fest und offenbart bis zuletzt nicht, wer die jeweiligen Ansprechpartner ihrer Protagonisten sind. Noch nicht einmal zu Wort lässt sie sie kommen. Ein ungewöhnliches Konzept, an das ich mich einfach nicht gewöhnen konnte. Mir hat sich der Sinn nicht so ganz erschlossen und in meinen Augen wäre die Autorin besser beim klassischen Monolog geblieben, ohne die ungelenken Rückfragen an die unbekannten Gesprächspartner.

Irgendwie hängt alles zusammen in unserem Leben. Es ist wie ein Spinnennetz, in dem wir gefangen sind. Wir tun, was wir tun, weil unsere Vergangenheit geschehen ist, wie sie geschehen ist. Ein Kreislauf. Oder eben ein Spinnennetz. – S. 22

Es gibt nur wenige Buchcharaktere, bei denen ich Gefühle und Taten so gut nachvollziehen konnte, wie Juliane, obgleich ich in meinem Leben nicht ansatzweise das Gleiche erlebt habe wie sie. Auf der anderen Seite blieben mir Paul, Felix und Max zu blass. Lediglich Felix bekommt am Ende des Romans mehr Tiefe, dreht sich in meinen Augen aber gedanklich zu sehr im Kreis, was einerseits verständlich, andererseits aber für mein Gefühl die Stimmung des Romans stört. Begeistert hat mich dagegen die Zartheit, mit der Taschler die Geschichte und die Verknüpfung der Leben ihrer Protagonisten entfaltet. Mit jedem Kapitel erfährt der Leser mehr über die einzelnen Charaktere und mehr über die Vergangenheit, in der alles miteinander zusammenhängt. Getrieben von Neugier habe ich den Roman regelrecht verschlungen, um endlich herauszufinden wie die Geschichte ausgehen soll. Dabei ist der Titel auf allen Ebenen zu spüren. Wie schließt man mit der eigenen Vergangenheit Frieden? Und wie soll man einen Sterbenden gehen lassen, wenn man doch selber zurückbleibt? Wie bleibt man bei ihm und kann ihn doch gleichzeitig loslassen?
Das Ende des Romans, in dem die Autorin alle Puzzleteile zusammenfügt, hat mich sehr berührt. Taschler geht einfühlsam und ohne allzu viel Kitsch an das schwere Thema heran. Leider wirkte die Handlung auf mich an der ein oder anderen Stelle aber zu konstruiert. Zu viele “Zufälle” führen am Ende zum “richtigen” Ergebnis. Taschler zeigt zwar die Bedeutung der Vergangenheit für die eigene Gegenwart und wie viele Faktoren dabei zusammenspielen, schießt in meinen Augen aber leider ein wenig über das Ziel hinaus.

Judith Taschler erzählt voller Gefühl eine herzzerreißende Geschichte und wirft dabei Fragen auf, die wichtig zu stellen und zu durchdenken sind. Themen wie Liebe, Leben und Tod, Vergänglichkeit, Treue und Verlust verarbeitet die Autorin Judith W. Taschler auf beeindruckende, sensible und auch ungewöhnliche Weise, die mich nicht immer überzeugen konnte. Alles in allem ist “bleiben” (2016) ein beeindruckender und einfühlsamer Roman, der mir jedoch zu konstruiert erschien.

 

Bibliographie

Verlag: Droemer HC
Erscheinungsdatum: 01. September 2016
256 Seiten

2 Kommentare

2 Kommentare

Ein Monat in Büchern | April 2017 – Wortkulisse 2. Mai 2017 - 20:10

[…] hinterher hinke. Zwei solcher Rezensionen haben diesen Monat den Weg zu euch gefunden: Das wären „bleiben“ von Judith W. Taschler und „Schmerz“ von Zeruya Shalev. Außerdem habt ihr die Rezension von „Untenrum […]

Reply
Ein Monat in Büchern | Januar 2017 – Wortkulisse 1. August 2017 - 17:23

[…] bleiben – Judith W. Taschler […]

Reply

Hinterlasse einen Kommentar

*

* Mit der Nutzung dieser Anwendung stimmst du der Speicherung und dem Gebrauch deiner Daten durch diese Webseite zu.