Auf Roadtrip mit Leichnam | “Der Tod ist ein mühseliges Geschäft” von Khaled Khalifa (2018)

von Cora
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Über den Autor

Der syrische Schriftsteller Khaled Khalifa (*1964) gilt als einer der bedeutendsten arabischen Autor*innen. Im Gegensatz zu vielen seiner Kolleg*innen schreibt er nicht aus dem Exil. Obwohl der Großteil seiner Freunde und Familie das Land verlassen hat, lebt er noch immer in Damaskus in Syrien. Zu seinem Werk, das der Zensur des Assad-Regimes unterliegt, zählen zahlreiche Romane und Drehbücher. Sein 2016 im Original erschienener Roman “Der Tod ist ein mühseliges Geschäft” (2018)  ist ebenfalls nicht in Syrien erschienen, dafür erstmals auf Deutsch hierzulande.

 

Auf Roadtrip mit Leichnam

Die drei Geschwister Bulbul, Hussain und Fatima treten 2015 nach mehreren Jahren des lockeren Kontaktes eine Reise an, die außergewöhnlicher nicht sein könnte. In dem Bestreben, den letzten Wunsch des verstorbenen Vaters zu erfüllen, reisen sie gemeinsam mit dem Leichnam durch Syrien, vom südlichen Damaskus bis hin zum Heimatort des Vaters nördlich Aleppos. Dort möchte dieser neben dem Grab seiner Schwester die letzte Ruhestätte finden. Die Reise, die normalerweise ein paar Stunden beanspruchen würde, gestaltet sich jedoch länger und kräftezehrender als gedacht.

Im Krieg genügen wenige, kleine Dinge, um jemanden hoffnungsvoll zu stimmen, dachte Bulbul: ein wenig Verständnis seitens eines Wachsoldaten, ein Checkpoint ohne Gedränge, eine Granate, die ein paar hundert Meter entfernt auf ein Auto niedergeht, das dich von der Straße abgetrennt hat: ein neues Leben, das die der Zufall gewährt. – S. 128

Während der Fahrt denken Bulbul und seine Geschwister an das Leben des Vaters und ihre eigene Kindheit zurück. Die Streitigkeiten zwischen den Familienmitgliedern werden ebenso thematisiert wie veraltete Traditionen. Dies geschieht beispielsweise anhand der Schwester des verstorbenen Vaters, die sich im Protest gegen eine arrangierte Ehe auf der eigenen Hochzeit verbrannte. Der Roman legt ein Frauenbild fernab von Emanzipation und einem selbstbestimmten Leben zutage, das schwer zu begreifen ist. Das zeigt sich ebenfalls in der Beziehung zwischen den Geschwistern. Bulbul, der im Zentrum der Handlung steht, prägt die Geschichte maßgeblich, ebenso wie der ältere Bruder Hussain. Fatima bleibt hingegen ziemlich blass, sie weint des Öfteren und spricht kaum ein Wort.

Vier Tage sind die Geschwister unterwegs. Auf der rund 300 Kilometer langen Strecke müssen sie zahlreiche Checkpoints und Straßensperren passieren. Durch Bestechungsgelder werden die finanziellen Mittel knapp, einmal wird sogar der Leichnam inhaftiert. Solche Momente treiben beim Lesen ein zaghaftes Schmunzeln auf die Lippen. Mit Sarkasmus und einer ordentlichen Portion Galgenhumor lässt Khaled Khalifa selbst die schlimmsten Begebenheiten erträglich erscheinen. Der Grundton des Romans ist dennoch von Angst, Leid und Hoffnungslosigkeit geprägt. Das spiegelt sich vor allem in den Gedanken Bulbuls wider. Blubul und seine Geschwister sind angepasste, beinahe ängstliche Menschen – im Inneren nicht regimetreu versuchen sie akribisch den Schein nach außen aufrechtzuerhalten.

Der Konvoi war noch nicht vorbei, als Flugzeuge auftauchten. Sie warfen Bomben auf eine Stelle, die die Wartenden nicht sehen konnten. Der Lärm erinnerte an die Macht des Todes, der nicht weit weg schien. Ein langer Autokonvoi und blockierte Passagiere, die über die Nutzlosigkeit des Krieges sinnierten. Alle hatten sich ergeben, niemand dachte daran zu fliehen. Wohin auch? – S. 117

Khaled Khalifa positioniert sich an mehreren Stellen deutlich gegen das Assad-Regime und für den Widerstand. Das wird beispielsweise in Szenen deutlich, in denen Regierungstruppen einen Aufstand blutig niederschlagen. Der Autor zeigt wie vier Jahre Bürgerkrieg das Leben und den Alltag verändern, “niemand könne diese Gewalttätigkeiten vergessen, auch nicht nach tausend Jahren” (S. 4). Während Verstorbene gewöhnlich in aufwändigen Zeremonien bestattet worden sind, werden die zahlreichen Soldaten, die dem Krieg zum Opfer fallen, in Massengräben geworfen. Die tägliche Konfrontation mit dem Tod härtet ab. Das Leid wird zum Alltag, Menschenleben verlieren ihren Wert und Tote ihre Würde. Obgleich der Krieg in “Der Tod ist ein mühseliges Geschäft” (2018) nur der Rahmen für die Handlung ist, ist der Roman ein hochpolitisches Buch. Durch den Leichnam des Vaters ist der Tod während des gesamten Romans präsent. Eine vier Tage lange Fahrt übersteht ein Leichnam nicht ohne Spuren: Die Verwesung setzt langsam ein, um dann immer schneller fortzuschreiten. Der Tod nimmt die Seele, die Verwesung und das Getier, das den Körper nach und nach in Beschlag nimmt, die menschliche Hülle. Die Auflösung des Leichnams scheint beinahe ein Sinnbild für das zerfallende Syrien zu sein.

Khaled Khalifa schreibt mit “Der Tod ist ein mühseliges Geschäft” (2018) eine bitterernst-skurrile Geschichte, die vor dem Hintergrund des Syrien-Konfliktes erstaunlich großes politisches Gewicht hat. Trotz des nonchalanten Ton Khaled Khalifas sind die behandelten Themen des Romans sowie die Hoffnungslosigkeit der Protagonist*innen nur schwer zu verdauen. Ähnlich wie der Leichnam des Vaters scheint sich auch der Staat Syrien nach und nach aufzulösen. Ein Buch, das nachhallt.

 

Bibliographie

Verlag: Rowohlt
Erscheinungsdatum: 24. April 2018
Übersetzer: Hartmut Fähndrich
224 Seiten

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