Der Inbegriff des Chaos und der Anarchie | “Die Taube” von Patrick Süskind (1987)

von Cora
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Über den Autor

Der deutsche Schriftsteller und Drehbuchautor Patrick Süskind (*1949) begann während seines Studiums der Geschichte zu schreiben. Sein bisher einziger veröffentlichter Roman “Das Parfum” (1985) ist eines der erfolgreichsten deutschsprachigen Bücher des 20. Jahrhunderts. 2005 wurde der Roman von Tom Tykwer verfilmt. Patrick Süskind lebt sein Leben zurückgezogen aus dem Literaturbetrieb. Nur eine handvoll Interviews und Fotos sind von ihm überliefert.

 

Der Inbegriff  von Chaos und Anarchie

Nachdem Jonathan Noel in seinem Leben einige einschneidende Erlebnisse durchleben musste, darunter die Deportation seiner Eltern in Konzentrationslager, eine gescheiterte Ehe und sein Kriegsdienst als junger Mann, zieht er ein einsames und ereignisloses Leben vor. “Warum sind die Menschen so aufdringlich?”, fragt sich Jonathan und kommt zu der Überzeugung, dass ein ruhiges Leben nur dann gelingen kann, wenn man ihnen aus dem Weg geht. Sein Umzug nach Paris in ein kleines Zimmer, das wenig Komfort, aber einen sicheren Rückzugsort bietet, seine völlig ereignislose Arbeit als Wachmann einer Bank und sein minutiös durchgeplanter Tagesablauf ermöglichen Jonathan das Leben in Gleichförmigkeit und Abgeschiedenheit, das er sich wünscht. Bis zu einem Morgen im August 1984. Plötzlich und völlig unerwartet sitzt keine zwanzig Zentimeter von Jonathans Wohnungstür entfernt eine Taube auf dem Gang und glotzt ihn mit ihrem starren Auge an. Zu Tode erschrocken oder, wie der Erzähler der Novelle bemerkt, anfangs wohl eher “zu Tode erstaunt” (S. 15), starrt Jonathan die Taube an. Dann geht ein Ruck durch seinen Körper: Hier unter einem Dach mit einer Taube, dem “Inbegriff des Chaos und der Anarchie” (S. 18),  kann er unmöglich leben! Er packt seine Sachen, wappnet sich mit einem Regenschirm und verlässt die Wohnung. Überzeugt, nie wieder dorthin zurückzukehren.

“du kannst sie nicht töten, aber leben, leben kannst du auch nicht mit ihr, niemals, in einem Haus, wo eine Taube wohnt, kann ein Mensch nicht mehr leben, eine Taube ist der Inbegriff des Chaos und der Anarchie, eine Taube, das schwirrt unberechenbar umher, das krallt sich ein und pickt in die Augen, eine Taube, das schmutzt unablässig und sträubt verheerende Bakterien aus und Meningititsviren, das bleibt nicht allein, eine Taube, das lockt andere Tauben an, das treibt Geschlechtsverkehr und zeugt sich fort, rasend schnell, ein Heer von Tauben wird dich belagern,…” – S. 19

Patrick Süßkind gelingt mit seiner rund einhundert Seiten langen Novelle ein kleines Wunderwerk: Sein Protagonist Jonathan Noel schafft sich aufgrund seiner schweren Vergangenheit, die er nicht verarbeitet, sondern vielmehr versucht, zu verdrängen, ein von der Außenwelt abgeschottetes Leben vollkommener Ereignislosigkeit. Er meidet den Kontakt zur Außenwelt und empfindet bereits alltägliche Gesten und Blicke seiner Mitmenschen als ein Eindringen in seine Privatsphäre. Der bloße Anblick einer Taube, ein für andere Menschen banales Ereignis, reißt Jonathan schließlich aus der Bahn und löst eine Kette von Ereignissen aus, deren Bewältigung Jonathan unmöglich erscheint.
Patrick Süskind legt in der Novelle die wirren und manchmal äußert amüsanten Gedanken eines Mannes offen, der vom alltäglichen Leben überrumpelt wird. Es ist naheliegend an dieser Stelle Parallelen zu dem ebenfalls zurückgezogen lebenden Autor zu ziehen. Vielleicht weil ich selbst introvertiert bin, kann ich die Ängste Jonathans, nicht in ihrem Ausmaß, aber doch in ihrem Ursprung nachvollziehen. Wenn das Leben soziale Interaktionen häufig mit negativen Ereignissen verbunden hat, ist ein Rückzug in die Abgeschiedenheit eine scheinbar logische Konsequenz. Dass ein solches Leben jedoch nicht gelingen kann, zeigt Patrick Süskind in dieser Novelle.

Patrick Süskinds Novelle “Die Taube” (1987) ist nicht zuletzt durch die wirren Gedankengänge, die der Autor manchmal über mehrere Seiten genüsslich durchspielt eine unterhaltsame Geschichte über einen vom alltäglichen Leben abgeschirmten Mann. Der bloße Anblick einer Taube wirft zunächst seinen Tag und dann sein ganzes Leben durcheinander. Für mich ist “Die Taube” aber auch eine Mahnung dafür, sich dem Leben und seinen Herausforderungen nicht zu entziehen, um nicht irgendwann vom Leben überrascht zu werden.

 

Bibliographie

Verlag: Diogenes
Erscheinungsdatum: 01. April 1990
112 Seiten

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