Eine Lebensgeschichte zwischen den Kulturen | “Die vielen Namen der Liebe” von Kim Thúy (2017)

von Cora
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Kim Thúys dritter Roman “Die vielen Namen der Liebe” ist eine leise, melancholisch anklingende Geschichte, über eine junge Vietnamesin, die zwischen zwei Kulturen ihren Platz auf der Welt sucht. Der Roman beginnt und bleibt lange stark, stellt Fragen über Herkunft und Identität, über Liebe und Abhängigkeit. Nur zum Ende hin schwächelt er.

1975, als Nordvietnam den Vietnamkrieg gewinnt und nordvientamesische Kommunisten Saigon besetzen, ist Vi acht Jahre alt. Junge Männer werden eingezogen, um an der Grenze zu China und in Kambodscha gegen Pol Pot in den Krieg zu ziehen. Umerziehungslager, Zwangsarbeit und Hinrichtungen drohen vielen Vietnamesen. Vis Mutter steht vor einer schweren Entscheidung: Soll sie dort bleiben und dem Vater weiterhin treu zur Seite stehen? Oder mit ihren Kindern das Land verlassen und das Leben ihrer drei fast volljährigen Söhne retten? Sie entscheidet sich für die Flucht. Mithilfe von Schleppern flieht sie mit ihren drei Söhnen und ihrer Tochter Vi als Boatpeople übers Meer nach Malaysia und schließlich nach Kanada. Dort bauen sie sich ein neues Leben auf. Der Vater bleibt in Vietnam zurück.

Mein Vorname, Báo Vi, kündet von der Absicht meiner Eltern, “die Kleinste zu schützen”. Wörtlich übersetzt, heiße ich “winzige Kostbarkeit”. Wie den meisten Vietnamesen gelang es mir nie, meinem Namen gerecht zu werden. – S. 28

In Kanada wächst Vi als jüngstes Kind und einziges Mädchen sorgenfrei und behütet auf. Geprägt von ihrer Entscheidung, Vietnam zu verlassen, versucht die Mutter, Vi vor der Welt zu schützen. Sie lernt von ihrer Mutter, unsichtbar zu sein. Doch dadurch fällt es Vi als Heranwachsende zunehmend schwer, sich im Leben zurechtzufinden. Sie ist hin und her gerissen zwischen den konservativen Traditionen ihrer Familie und ihrem Wunsch nach einem selbstbestimmten und freien Leben.
Erst als erwachsene Frau kehrt Vi nach Vietnam zurück – ein Land, das ihr nach den vielen Jahren fremd geworden ist -, um an der Erarbeitung einer neuen vietnamesischen Verfassung mitzuwirken. Dort erinnert sie sich an das Leben ihrer Großeltern, ihrer Eltern, an die Flucht und ihr eigenes Heranwachsen als Jugendliche in Kanada. Aus diesen Erinnerungen setzen sich die einzelnen Kapitel in “Die vielen Namen der Liebe” zusammen. Die Liebe ist, wie der wirklich kitschige Titel der deutschen Übersetzung nahelegt, eine feste Konstante in allen Kapiteln. Im Vietnamesischen hat das Wort “lieben” sechs Bedeutungen:

…bis zum Wahnsinn lieben, lieben bis man Wurzeln schlägt wie ein Baum, rauschhaft lieben, bis zur Bewusstlosigkeit, bis zur Erschöpfung, bis zur Selbstaufgabe lieben.

Kim Thúy beschränkt die Liebe als übergeordnetes Phänomen des Romans nicht auf die romantische Liebe. Vi berichtet zwar von der Liebe ihrer Großeltern und Eltern und auch von ihren Beziehungen zu einem vietnamesischen Studenten und einem französischen Ornithologen. Viel wichtiger und prägender empfand ich in “Die vielen Namen der Liebe” aber die Liebe zwischen Mutter und Kind. Das verdeutlicht die Beziehung zwischen Vi und ihrer eigenen Mutter – aber zum Beispiel auch Vis Erinnerung an eine Frau in einem Flüchtlingslager in Malaysia. Sie wachte Tag und Nacht am Strand in der Hoffnung, ihr auf dem Meer verschollenes Kind wiederzusehen.
Kim Thúys reduzierter Sprache bleibt es zu verdanken, dass der Roman trotz der ganzen Liebe nur selten ins Kitschige abschweift. Lediglich zum Ende hin, als Vi ihre große Liebe findet, wurde es mir etwas zu gefühlsduselig. Die Schriftstellerin wird selten konkret und lässt den Leser*innen viel Raum für eigene Interpretationen. Dadurch blieben mir die Figuren aber auch lange Zeit fern.
So sehr “Die vielen Namen der Liebe” ein Roman über die Liebe ist, so sehr ist er in meinen Augen auch ein Roman über Identität und Herkunft. Vi bewegt sich in dem Spannungsfeld zwischen Ost und West. Häufig vergleicht sie Vietnam im Osten und Kanada im Westen miteinander. Sie stellt selten Gemeinsamkeiten, aber häufig Unterschiede fest. In der Küche, dem zwischenmenschlichen Umgang, aber vor allem auch in der Liebe.

 

Über die Autorin

Die französischsprachige Schriftstellerin Kim Thúy (*1968) lebte zehn Jahre in der vietnamesischen Stadt Saigon, bis ihre Familie als Boatpeople nach Kanada kam. Sie arbeitete unter anderem als Gastronomin, Rechtsanwältin und Übersetzerin. 2010 erschien ihr erster Roman “Der Klang der Fremde”. Die Autorin verarbeitet in ihren Romanen ihre eigenen Flucht- und Exilerfahrungen.

 

Kim Thúy: Die vielen Namen der Liebe. Aus dem Französischen von Andrea Alvermann & Brigitte Große. Verlag Antje Kunstmann, 2017. 144 Seiten. 18€.

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