Machen, Macht und Machenschaften | “Becoming” von Michelle Obama (2018)

von Cora
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Michelle Obama schafft in ihrer Autobiographie “Becoming” eine gute Mischung aus privaten Einzelheiten und intensiven Einblicken in das Leben im Weißen Haus. Ihr gelingt es, ihr Leben mit den politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in Amerika zu verknüpfen und damit ihr Engagement und ihre Arbeit in einen größeren Zusammenhang zu stellen. “Becoming” ist ein motivierendes und ermutigendes Buch – nicht nur für Frauen, sondern für alle Menschen, die etwas auf der Welt bewegen möchten.

Michelle Obamas Leben ist ein aufregendes: Sie hat die Queen umarmt, im Weißen Haus gelebt, an zwei Eliteuniversitäten studiert, öffentlich über ihre Fehlgeburt, über Sexismus und Rassismus gesprochen, die Welt bereist, Eheberatungen besucht, zwei Töchter großgezogen und das Amt der First Lady maßgeblich verändert. Kein Wunder also, dass Michelle Obamas Autobiographie “Becoming” ein Bestseller ist, wie er im Buche steht: Ausverkaufte Lesungen – und das, obwohl die Lesungen in Stadien stattfinden -, Übersetzungen in 31 Sprachen. Michelle Obama hat die Schlammschlachten der Politik hautnah miterlebt. Dennoch ist “Becoming” keine politische Abrechnung, sondern genau das, was der Titel verspricht: Die Geschichte, wie Michelle Obama das geworden ist, was sie heute ist – eine Frau, der zugetraut wird, die erste Präsidentin der Vereinigten Staaten zu werden.

Michelle Obama blickt in “Becoming” positiv auf sich und ihr Leben zurück: Ihre Kindheit verbringt sie in der ärmlichen South Side in Chicago. Dort wächst sie als Michelle LaVaughn Robinson mit einer dreifachen Bürde auf: Sie kommt aus einer Arbeiterfamilie, ist Schwarz und ein Mädchen. Ihr an Multipler Sklerose leidender Vater und ihre aufopferungsvolle, aber willensstarke Mutter prägen ihre Kindheit. Schon früh zeichnen sich ihre entscheidenden Charakterzüge ab: Sie ist ehrgeizig und perfektionistisch; sie wird wütend über Ungerechtigkeiten und widmet sich hingebungsvoll den Dingen, die ihr wichtig sind. Michelle Obama porträtiert sich selbst als pflichtbewusste Frau, die gewissenhaft ihre To-Do-Listen abhakt, zielstrebig Schule und Universität abschließt, den Luxus im Weißen Haus zu schätzen – und nicht zu überschätzen – weiß, sich gesund ernährt, Sport treibt und ihre Kinder grenzenlos liebt. Es könnte zu perfekt sein, wenn sie nicht an der ein oder anderen Stelle mit einer erstaunlichen Offenheit ihre eigenen Zweifel und Fehler teilen würde.

Nach ihrem Studium in Princeton und Harvard arbeitet Michelle Obama als Juniorpartnerin in einer Chicagoer Anwaltskanzlei. Dort lernt sie Barack Obama kennen, einen Sommerpraktikanten, dem sein Ruf vorauszueilen scheint. Doch Michelle hat zunächst wenig Interesse an ihm. Natürlich ändert sich das schnell.
Wenn Michelle Obama über ihre Ehemann schreibt, dann nicht ohne Pathos. Leider rutscht sie an diesen Stellen so schnell ins Kitschige ab, dass es für mich zu viel wurde. An ein oder zwei Stellen fühlte ich mich während des Lesens sogar peinlich berührt. Doch das lässt sich verschmerzen. Denn wenn Michelle Obama von ihrer Karriere, vom Wahlkampf 2008 und 2016 und schließlich auch von Donald Trump erzählt, wird es richtig interessant. Denn es gelingt ihr, ihr eigenes Leben mit den politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen Amerikas zu verbinden. Ihre Erinnerungen sind dabei geprägt von einer einnehmenden Mischung aus Humor und Melancholie.

Als Barack Obama 1992 politisch aktiv wird, ist Michelle Obama nicht begeistert. Sie hält nicht viel von der Politik. Daran ändern auch ihre politischen Erfahrungen in den folgenden Jahren nichts. Für das Amt der Präsidentin zu kandidieren, kommt für Michelle Obama nicht infrage. Umso erstaunlicher finde ich, wie sehr Michelle Obama ihre eigene Karriere für die ihres Mannes zurückstellt – und wie gut es ihr schließlich dennoch gelingt, die Rolle der First Lady auszufüllen und zu verändern. Sie war und ist eben nicht nur “die Frau von”, sondern nutzt ihre Position, um eigene Projekte umzusetzen. Dafür schlagen ihr auch Anfeindungen entgegen: Sexismus, Rassismus, Hass. An ihren Projekten hindert es sie trotzdem nicht.
Dem aktuellen Präsidenten der Vereinigten Staaten widmet sich Michelle Obama nur auf wenigen Seiten. Und es wird schnell klar: Sie verabscheut Donald Trump. Sie verabscheut ihn, weil er gegen Frauen und Migranten hetzt. Weil er mit seinen Hasstiraden im Wahlkampf Menschen im ganzen Land gegen ihre Familie aufbringt. Sie hat Angst, dass sich jemand eine Waffe nehmen und sie auf ihren Mann oder ihre Töchter richten könnte. Als sie 2016 erfährt, dass Barack Obama die Präsidentschaft an Donald Trump weitergeben muss, hat sie den Impuls, es irgendwie aufhalten zu wollen. Sie ist entsetzt über alle Menschen – und insbesondere alle Frauen -, die Donald Trump ihre Stimme gegeben haben. Dennoch endet das Buch voller Optimismus. Michelle Obama gibt Hoffnung und ich bin gespannt auf alles, was wir noch von Michelle und Barack Obama erwarten können.

 

Über die Autorin

Michelle Obama (*1964) studierte Soziologie in Princeton und Jura in Harvard, bevor sie als Juniorpartnerin in einer Chicagoer Anwaltskanzlei zu arbeiten begann. Anschließend arbeitete sie unter anderem in der Nichtregierungsorganisation “Public Allies”. 2008 wurde sie, nachdem sie den Wahlkampf Barack Obamas aktiv unterstützte, die erste Schwarze First Lady der USA. In ihrem Amt war sie eine der beliebtesten Frauen Amerikas, eine Ikone der Popkultur und eine der wenigen offen auftretenden Feministinnen in der Politik. 2018 erschien ihre Autobiographie “Becoming”.

 

Michelle Obama: Becoming – Meine Geschichte. Aus dem Englischen von Harriet Fricke, Tanja Handels, Elke Link, Andrea O’Brien, Jan Schönherr & Henriette Zeltner. Goldmann Verlag, 2018. 544 Seiten. 26€.

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