Eine Frage von Leben und Tod | “Wer hat meinen Vater umgebracht” von Édouard Louis (2019)

von Cora
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Édouard Louis stellt in seinem dritten Buch “Wer hat meinen Vater umgebracht” wieder einmal seinen Vater ins Zentrum des Textes. Er dient seiner Argumentation gegen Frankreichs Sparpolitik. In verdichteten Szenen lässt er detailreiche Bilder aus dem Leben seines Vaters entstehen. Die Thesen, die er dabei aufstellt sind durchaus provokativ – die Proteste in Frankreich zeigen aber, dass er damit nicht ganz falsch liegen kann.

Wenn Édouard Louis schreibt, dann hat er ein klares Ziel vor Augen: Er möchte Aufmerksamkeit schaffen für eine soziale Schicht, die weder von den französischen Intellektuellen noch von den Politikern Frankreichs beachtet wird. Es ist eine soziale Schicht, der Édouard Louis Familie in einem nordfranzösischen Dorf noch immer angehört. Wie in “Das Ende von Eddy” nimmt Édouard Louis’ Vater auch im aktuellen Buch die Hauptrolle ein. Dabei ist die Beziehung zwischen Édouard Louis und seinem Vater schwierig. Nach vielen Jahren ohne Kontakt gelingt es dem Autor jedoch, hinter die Fassade des strengen Vater zu blicken und einen gebrochenen Mann zu sehen, der am Leben gescheitert ist.

Wenn ich heute darüber nachdenke, so finde ich, dein Dasein war gegen deinen Willen – und eben gegen dich – ein Dasein ex negativo. Du hattest kein Geld, du hast keine Ausbildung machen können, keine Reisen unternehmen können, keine Träume verwirklichen können. Um dein Leben zu beschreiben, stehen der Sprache nur Negationen zur Verfügung […].
Dein Leben beweist, dass wir nicht sind, was wir tun, sondern im Gegenteil sind, was wir nicht getan haben, weil die Welt oder die Gesellschaft uns daran gehindert hat. Weil etwas über uns gekommen ist, das Didier Eribon Urteile nennt – schwul, trans, Frau, schwarz, arm -, und diese Verdikte bewirken, dass gewisse Lebensentwürfe, gewisse Erfahrungen, gewisse Träume unerreichbar sind. – S. 30f.

Mehrere Jahre lang hatte Édouard Louis keinen Kontakt zu seinem Vater. Erst der Umzug in eine andere Stadt, dann das Studium in Paris und sein damit verbundener sozialer Aufstieg vergrößerten die Kluft innerhalb der Familie. Der Sohn, der aufgrund seiner Homosexualität in der Kindheit auf Ablehnung und Unverständnis von Seiten der Eltern stieß, ist einen harten Weg gegangen, um sich von dieser Kindheit zu lösen. In seinem Debütroman rechnete Édouard Louis mit der Armut, Homphobie und Gewalt in seinem Elternhaus ab. Doch sein Erfolg als Schriftsteller bringt Sohn und Vater wieder zueinander.
Im Alter von 37 Jahren verletzte sich Édouard Louis’ Vater, Jahrgang 1967, bei seiner Arbeit in der Fabrik den Rücken. Dieser Unfall zerstörte sein Leben. Denn von nun an war er nicht nur arbeitsunfähig, sondern auch auf die Sozialleistungen des französischen Staates angewiesen. Doch um diese Sozialleistungen nicht zu verlieren, war er gezwungen, als Straßenkehrer zu arbeiten. Die Schuldigen stehen für Édouard Louis fest: Es sind die Politiker Frankreichs, die Politik für Reiche machen und Sozialleistungen kürzen. Diese Politik der Erniedrigung versucht, so Édouard Louis, systematisch seinen Vater zu brechen. Sein Vater wird dabei zum Instrument in seiner Argumentation gegen die Bourgeoisie und die französische Sparpolitik.

Hollande, Valls, El Khomri, Hirsch, Sarkozy, Macron, Bertrand, Chirac. Für deine Leidensgeschichte gibt es Namen. Deine Lebensgeschichte ist die Geschichte dieser Figuren, die aufeinandergefolgt sind, um dich fertigzumachen. Die Geschichte deines Körpers ist die Geschichte dieser Namen, die aufeinandergefolgt sind, um dich zu zerstören. Die Geschichte deines Körpers ist eine Anklage der politischen Geschichte. – S. 75

Ein halbes Jahr nachdem “Wer hat meinen Vater umgebracht” 2018 in Frankreich erschienen ist, brechen in Paris die Proteste der Gelbwesten aus. Sie protestieren gegen die von Emmanuel Macron geplante höhere Besteuerung fossiler Brennstoffe. Seitdem haben sich sowohl die Proteste als auch die Forderungen der Bewegung ausgeweitet. Sie bestätigen Édouard Louis’ scharfe Thesen, der die Gelbwesten-Bewegung in Frankreich unterstützt: Hier seine Stellungnahme in deutscher Übersetzung auf ZEIT Online.
Der einzige Haken an Édouard Louis’ Text ist die gestelzte Sprache, die durch das Präteritum der 2. Person Singular in der deutschen Übersetzung entsteht. Durch Wörter wie “logst”, “stiegt” und “klatschtest” wirkt “Wer hat meinen Vater umgebracht” akademisch überspitzt, stellenweise affektiert. Ich weiß nicht, ob diese Wirkung auch im französischen Original entsteht, ob diese vielleicht sogar gewollt ist. Mich hat sie regelmäßig aus dem Lesefluss herausgekickt.

 

Über den Autor

Der französische Schriftsteller Édouard Louis (*1992) wurde als Eddy Bellegueule in Nordfrankreich geboren. Heute studiert er Soziologie an der École normale supérieure. Dort ist er Schüler von Didier Éribon. Sein autobiographischer Debütroman “Das Ende von Eddy” wurde in Frankreich ein Bestseller. 2017 folgten “Im Herzen der Gewalt” und 2019 “Wer hat meinen Vater umgebracht”. In seinen Büchern setzt sich Édouard Louis unter anderem autobiographisch mit seiner Kindheit in der französischen Provinz, Homosexualität und sozialen Klassen auseinander.

 

Édouard Louis: Wer hat meinen Vater umgebracht. Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel. S. FISCHER, 2019. 80 Seiten. 16 €.

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