Ein Monat in Büchern | April 2019

von Cora
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Im April hat mich eine spannende und sehr zufriedenstellende Auswahl an Literatur begleitet. Mit “Bitch Doktrin” und “Fleischmarkt” von Laurie Penny sowie Rebecca Solnits Essayband “Wenn Männer mir die Welt erklären” habe ich mich tiefer in die feministische Literatur eingelesen, so einiges Wissen aber vor allem auch den Mut mitgenommen, weiterhin auferlegte Zwänge zu lösen und selbstbestimmter zu leben. Endlich habe ich wieder einen Klassiker gelesen: “Das Bildnis des Dorian Gray” hat mir viel Freude bereitet und sich thematisch ausgezeichnet mit “Deine kalten Hände” überschnitten. “Deine kalten Hände” ist nicht nur der erste Roman von Han Kang, sondern auch der erste, den ich von der südkoreanischen Schriftstellerin gelesen habe. Ebenso gut zueinandergepasst haben “Erinnerung eines Mädchens” von Annie Ernaux und “Im Herzen der Gewalt” von Édouard Louis. Annie Ernaux, Meisterin auf dem Feld der autobiographischen und gesellschaftskritischen Erinnerungsliteratur, ist bekanntermaßen ein Vorbild von Édouard Louis und Didier Eribon. Letzteren findet ihr auch in “Im Herzen der Gewalt” wieder.

Über die goldfarbenen Titel gelangt ihr wie immer zu den vollständigen Rezensionen!

 

“Bitch Doktrin” von Laurie Penny (2017)

Laurie Penny ist eine der lautesten und berühmtesten Stimmen des jungen Feminismus. Flapsig und immer auf den Punkt schreibt sie in ihren Essays über die vielen allgemein akzeptierten Annahmen über Frauen*, die in unserer Gesellschaft verankert sind. In „Bitch Doktrin“ sammelt Laurie Penny einige ihrer besten Essays aus den Jahren 2013 bis 2016. Durch die Augen ihrer linken, feministischen und kapitalismuskritischen Weltsicht blickt sie darin auf die Gesellschaft der westlichen Welt und prangert deren Missstände offen an. Darunter nicht nur das exklusive Schönheitsideal, sondern auch die Vergewaltigungsgesellschaft, Politische Korrektheit, Emotional Labour, Gender Pay Gap, Transphobie und die Backlashes, die aufgrund der steigenden Popularität und der Erfolge des Feminismus entstanden sind. Dabei vermischt sie unterhaltsam ihre eigenen Erfahrungen mit wissenschaftlichen Studien und feministischer Theorie. Gleichzeitig übt sie aber auch Kritik an dem populären, entpolitisierten Feminismus. Dabei ist sie so unterhaltsam und eloquent wie kompromisslos und intellektuell. Als einzigen Ausweg aus dem Patriarchat sieht Laurie Penny eine Umstrukturierung der Gesellschaft, in der sich Männer und Frauen gleichberechtigt begegnen. Denn “das Patriarchat […] ist am schönsten, wenn es brennt”.

Laurie Penny: Bitch Doktrin. Aus dem Englischen von Anne Emmert. Edition Nautilus, 2017. 320 Seiten.  18 €.

 

“Fleischmarkt. Weibliche Körper im Kapitalismus” von Laurie Penny (2012)

“Fleischmarkt” ist das erste Buch der britischen Feministin Laurie Penny, das zu einem Manifest eines neuen Feminismus avancierte. In vier Kapiteln schreibt Laurie Penny mit einer Mischung aus persönlichen Erfahrungen und wissenschaftlichen Studien gegen komplexe Mechanismen gesellschaftlicher Unterdrückung an. Die zentrale These: Unsere Gesellschaft ist besessen von der Kontrolle des weiblichen Körpers. Filme, Fernsehen, Werbung und Printmedien überhäufen Frauen* täglich mit unrealistischen Schönheitsidealen und Anforderungen an das Weibliche. Laurie Penny analysiert die öffentlichen Diskurse, die gleichermaßen auf Frauenkörper einwirken und Weiblichkeit konstruieren – immer verbunden mit einer ordentlichen Portion an Kapitalismuskritik. Dafür widmet sie sich in “Fleischmarkt” zahlreichen Themen von Schönheitsidealen über Emotional Labour bis hin zur unsere Sexualität durchdringenden Porno-Industrie. Laurie Penny fordert den weiblichen Widerstand gegen die damit verbundenen gesellschaftlichen Repressionen und betont die Macht des Wortes “Nein”. Dafür stellt sie erhellende und zuweilen provokante Thesen auf, die durchweg empowerend wirken: Wenn das weibliche Fleisch eine “starke Ressource” unserer Gesellschaft ist, wie Laurie Penny schreibt, dann müssen Frauen* nur die damit verbundene Macht erkennen, sich weigern brav und schön zu sein, und eine Revolte würde losbrechen, die unsere Gesellschaft nachhaltig zum Besseren verändern könnte. “Fleischmarkt” ist ein Muss, obwohl dem Buch bei seiner hohen Informationsdichte noch die offensive Nonchalance und Flapsigkeit fehlt, die in “Bitch Doktrin” so ein wahnsinniges Lesevergnügen erzeugt.

Laurie Penny: Fleischmarkt. Aus dem Englischen von Susanne von Somm. Edition Nautilus, 2012. 128 Seiten. 14 €.

 

“Das Bildnis des Dorian Gray – Oscar Wilde (1890/91)

Oscar Wildes einziger Roman “Das Bildnis des Dorian Gray” beginnt in Basil Hallwards Atelier und mit einem Kunstwerk. Gemeinsam mit dem Dandy Henry Wotton betrachtet er das von ihm angefertigte Porträt eines ausgesprochen schönen jungen Mannes. Es handelt sich um das Gemälde des Dorian Gray. Beide Männer sind fasziniert von dem jungen Mann: Basil Hallward sieht in ihm eine Muse, die unbefleckt von den Schrecken der Welt pure Schönheit ausstrahlt und seine Leidenschaft weckt. Er weigert sich, das Porträt auszustellen, da bei all der optischen Unähnlichkeit zwischen ihm und Dorian Gray doch zu viel von ihm selbst in dem Gemälde steckt. Als Henry Wotton Dorian Gray durch seinen Monolog über moralische Vorstellungen und den Verfall des menschlichen Körpers aus der Fassung bringt, erkennt der Dandy welchen Einfluss er auf den jungen Mann hat. Dorian Gray soll von ihm geformt zu seinem lebendigen Kunstwerk werden. Dorian Gray wünscht sich hingegen befeuert durch die Ausführungen von Henry Wotton, dass das Porträt an seiner Stelle altern solle – nichtsahnend, dass genau das passieren wird. Oscar Wilde verarbeitet in “Das Bildnis des Dorian Gray” mithilfe spannender Dialoge und einnehmender Beschreibungen die Selbstzerstörung eines Mannes. Themen wie Homosexualität, Narzissmus, Ästhetik und Moral werden aufgegriffen. Dominant und noch immer relevant ist die Feststellung, dass Äußerlichkeiten mehr zählen als Charakter und Moral. Dass der Schein wirklich mehr ist als das tatsächliche Sein.

Oscar Wilde: Das Bildnis des Dorian Gray. Aus dem Englischen von k. A. Neuer Kaiser Verlag, 1986. 264 Seiten. – proudly geangelt aus dem Bücherschrank.

 

“Deine kalten Hände” von Han Kang (2019)

In Südkorea ist Han Kangs Debütroman „Deine kalten Hände“ bereits 2002 erschienen – fünf Jahre vor ihrem internationalen Bestseller „Die Vegetarierin“ und sogar zwölf Jahre vor dem kürzlich erschienenen „Menschenwerk“. Die südkoreanische Autorin widmet sich bereits in ihrem Frühwerk den zentralen Themen ihres schriftstellerischen Schaffens: der Selbstaufgabe junger Frauen als Protest gegen eine patriarchalische Gesellschaft, die scheinbare Freiheit und Individualität feiert, aber wahre Abweichung von der Norm ächtet. So legt Han Kang auch in „Deine kalten Hände“ den Fokus auf die Lebens- und Leidensgeschichten von Frauen. In der Rahmenhandlung verschwindet der Künstler Jang Unhyong plötzlich spurlos. Zurück bleiben seine Kunstwerke und ein Manuskript – seine Lebensgeschichte erzählt anhand der drei Frauen, die sein Leben am entscheidendsten geprägt haben: Zunächst ist es seine Mutter, dann die junge übergewichtige Studentin L. und schließlich die perfekt wirkende Innenarchitektin E. Seine Bedeutung erhält der Roman durch die Arbeiten des Künstlers Jang Unhyong. Unhyong nimmt mit Gips Abdrücke von menschlichen Körpern. Unhyong ist fasziniert von Körpern, die nicht perfekt sind: von breiten Schultern, kleinen Brüsten und flachen Hintern, hervorstechenden Rippen und massigen Hautfalten. Leidenschaftlich und bildgewaltig beschreibt Han Kang Körper in ihrer Beschaffenheit, ihrer Bedeutung und ihren Empfindungen. Körper werden gleichzeitig zu Ausdrucksmittel und Gefängnis. Sie fächert das Spannungsfeld zwischen Körperlichkeit und Hülle, Selbst- und Fremdwahrnehmung, Innen und Außen auf. Und stellt am Ende die Frage: Wie hoch ist der Preis der Demaskierung in einer Gesellschaft, die zunehmend von Oberflächlichkeiten dominiert wird?

Han Kang: Deine kalten Hände. Aus dem Koreanischen von Kyong-Hae Flügel. Aufbau Verlag, 2019. 312 Seiten. 22 €.

 

“Wenn Männer mir die Welt erklären” von Rebecca Solnit (2017)

Rebecca Solnit scheint mit ihrem Essay “Wenn Männer mir die Welt erklären” einen Nerv getroffen zu haben: Kurz nach Erscheinen im Jahr 2008 entsteht eine regelrechte Bewegung, deren Leitbegriff das englische Kompositum “Mansplaining” aus man und explain werden soll. In dem Essay berichtet Rebecca Solnit über eine Party, die sie gemeinsam mit einer Freundin besucht. Der Gastgeber verwickelt die beiden Frauen in ein Gespräch, das sich bald um den Fotografen Eadweard Muybridge dreht. Herablassend empfiehlt der Gastgeber den beiden Frauen ein Buch über Muybridge, das erst kürzlich erschienen sei – ohne zu wissen, dass Rebecca Solnit die Autorin eben jenes Buches ist. Auch die zahlreichen “Das ist ihr Buch”-Einwürfe der Freundin ignoriert der Mann. Es dauert Minuten bis er zuhört und seine Tirade unterbricht. Für einen Moment zumindest, denn dann schwadroniert er weiter. In dieser Erfahrung spiegeln sich die Mechanismen wider, mit denen Frauen* kleingeredet und kleingehalten werden. Selbst Rebecca Solnit, die sich in ihrer Arbeit als Journalistin, Schriftstellerin und Kulturhistorikerin vor allem mit Umwelt-, Menschenrechts- und Feminismusthemen beschäftigt, ist davor nicht gefeit. Sieben ihrer feministischen Essays veröffentlichte Rebecca Solnit 2017 unter dem Titel “Wenn Männer mir die Welt erklären”. Darin reiht sich besagter Text über den Partygastgeber, dessen Weltbild durch den wiederholten Satz “Das ist ihr Buch” erschüttert werden konnte, neben sechs Essays über Virginia Woolf, sexualisierte Gewalt und die Akzeptanz von männlichem Machtmissbrauch. Eindrucksvoll legt sie dar, warum die Bevormundung durch den Gastgeber in gesellschaftliche Machtverhältnisse eingebettet ist, durch die Frauen* kleingeredet, übergangen, belästigt, missbraucht, vergewaltigt und getötet werden. Rebecca Solnit zeigt: Sich im kleinen Maßstab mundtot machen zu lassen, hat gesamtgesellschaftlich fatale Folgen, denn der Abstand von mündlicher Bevormundung zu körperlicher Gewalt ist kleiner als man denkt.

Rebecca Solnit: Wenn Männer mir die Welt erklären. Aus dem Englischen von Kathrin Razum & Bettina Münch. btb Verlag, 2017. 176 Seiten. 10 €.

 

“Erinnerung eines Mädchens” von Annie Ernaux (2018)

Annie Ernaux blickt auf das Jahr 1958 zurück, auf das Mädchen, das sie damals war und bis heute nicht vergessen konnte. Annie Duchesne, wie Annie Ernaux damals hieß, wird im Sommer 1958 achtzehn Jahre alt. Nachdem sie als junges Mädchen unter der Obhut ihrer Eltern aus der Arbeiterschicht vor allem in der Welt der Bücher gelebt hat, verreist sie nun zum ersten Mal allein. Sie arbeitet als Betreuerin in einer Ferienkolonie. Ihr Traum der Freiheit scheint sich dadurch endlich zu erfüllen. Dort verliebt sie sich in H., der ebenfalls Betreuer ist und sie sofort in seinen Bann schlägt. Als sie am Abend einer Party mit ihm schläft, lässt sie sich “von seinem Begehren unterwerfen”. Die freiheitssuchende Annie wird in seiner Gegenwart geprägt durch die Rollenbilder der 50er Jahre willenlos. Sie werden kein Paar, doch Annie Duchesne ist noch lange nach der Ferienzeit von H. eingenommen. Trotz seiner Abwesenheit dominiert er ihr ganzen Sein. Unermüdlich kreist Annie Ernaux um das Mädchen von 1958: Selbstreflektierend und kompromisslos versucht sie aus ihren Erinnerungen und dem Erlebten die Wahrheit herauszukristallisieren. Ihre Erlebnisse, die eingebettet sind in die Geschehnisse der 50er Jahre – Algerien-Krieg, Charles de Gaulle wird Präsident der Fünften Republik -, sind wiederum umrahmt von Annie Ernauxs Schreibprozess. Dabei trennt sie klar ihr “ich” der Gegenwart von dem “sie” der Vergangenheit. Zwischen analysierender Distanz und erlebter Nähe entsteht damit eine einnehmende Dynamik. “Erinnerung eines Mädchens” ist ein erstaunlich offenes und ehrliches Buch über sexuelle Scham, männliche Dominanz und die Veränderungen, die ein Mensch in seinem Leben durchläuft.

Annie Ernaux: Erinnerung eines Mädchens. Aus dem Französischen von Sonja Finck. Suhrkamp, 2018. 163 Seiten. 20 €.

 

“Im Herzen der Gewalt” von Édouard Louis (2017)

Der französische Schriftsteller Édouard Louis hat beim Schreiben kein geringeres Ziel vor Augen, als die Machtverhältnisse innerhalb der Gesellschaft zu kritisieren und zu verändern. 2015 schrieb er “In das Ende von Eddy” von seinem Aufwachsen in der französischen Provinz, das geprägt war von Homophobie, Rassismus und Gewalt. 2019 erschien seine Streitschrift “Wer hat meinen Vater umgebracht”, in der er erstmals literarisch Partei für seinen Vater ergreift – einen Mann, der am Leben gescheitert ist. Beide Werke sind autobiographisch geprägt. Auch “Im Herzen der Gewalt” beruht auf einer wahren Begebenheit, die Édouard Louis erlebt hat: In einer Weihnachtsnacht trifft er auf dem Place de la République einen jungen Mann. Nach kurzem Zögern nimmt Édouard Louis ihn mit in seine Wohnung. Doch was als Liebesnacht beginnt, endet in einer Vergewaltigung und einem Mordversuch. Édouard Louis geht zur Polizei. Später reist er zu seiner Schwester, um der Großstadt zu entfliehen. Beides hält er anschließend für eine schlechte Idee. Versteckt hinter seiner Zimmertür hört er seiner Schwester zu, wie sie das, was er ihr von dieser Nacht berichtet hatte, ihrem Ehemann erzählt. Die Schwester wird zur Erzählerin seiner Erlebnisse. Édouard Louis hingegen wird zum passiven Zuhörer, dem nur noch die Möglichkeit bleibt, den Bericht seiner Schwester, der gespickt ist von Fehlinterpretationen und Abschweifungen, für den/die Leser*in zu korrigieren. Es ist eine Geschichte voller Gewalt, Zuneigung, Rassismus und der Frage nach der Kontrollierbarkeit der Wahrheit. Dennoch fehlt “Im Herzen der Gewalt” bei all seinen Vorzügen die intensive Sogwirkung der anderen Werke des französischen Schriftstellers.

Édouard Louis: Im Herzen der Gewalt. Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel. FISCHER Taschenbuch, 2017. 224 Seiten. 10 €.

 

Mein aktuelles Buch: “Winterjournal” von Paul Auster

 

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