Margarete Stokowski geht in die zweite Runde | “Die letzten Tage des Patriarchats” von Margarete Stokowski (2018)

von Cora
1 Kommentar

Nicht selten muss sich Margarete Stokowski vorwerfen lassen, hysterisch zu sein. Mit ihren feministischen Kolumnen jagt sie jedoch vielmehr ihre Leser die Wände hoch. Mit “Die letzten Tage des Patriarchats”, worin sie Kolumnen der letzten sieben Jahre sammelt, gehen ihre Texte in Buchform in eine siegreiche zweite Runde.

Wöchentlich die eigene Meinung zu einem aktuellen Thema niederzuschreiben und dafür bezahlt zu werden, ist wohl eine sehr privilegierte, aber auch herausfordernde Angelegenheit. Nicht nur weil regelmäßig ein geeignetes Thema und der passende Ton gefunden werden müssen. Sondern auch weil es neben den zahlreichen positiven Rückmeldungen eben jene Trolle gibt, die Gewaltfantasien und Hass teilen. Die enge Verknüpfung der Texte mit der eigenen Person machen für Missverständnisse und Fehleinschätzungen weite Türen auf. Doch all das hält Margarete Stokowski nicht vom Schreiben ab, stattdessen wird sie “bestärkt und radikalisiert”. Puh, haben wir da Glück gehabt!

Denn wenn Margarete Stokowski eines kann, dann ihre alltäglichen Beobachtungen in streitlustigen Kolumnen mit Politik zu verbinden. Nachdem Margarete Stokowski vier Jahre lang für die taz geschrieben hat, wechselte sie 2015 als Kolumnistin zu Spiegel Online. Dort erscheint wöchentlich ihre Kolumne “Oben und unten”, die – na klar – feministisch ist, sich aber um ein großes diverses Themenspektrum dreht. In den vergangenen sieben Jahren sind so über 200 Texte entstanden, darunter richtig gute und richtig schlechte, wie die Autorin selber zugibt. Für “Die letzten Tage des Patriarchats” hat Margarete Stokowski 75 dieser Texte überarbeitet, kommentiert und durch ein durchschlagendes Vorwort ergänzt.

Ist der Feminismus zu weit gegangen? Natürlich! Es gehört zum Wesen des Feminismus, “zu weit zu gehen” für die aktuell geltenden Normen. Weil sich sonst nichts verändert. Als Frauen an die Unis wollten, hieß es irgendwann: Ja, sie können als Gasthörerinnen schon zuhören, aber müssen sie Abschlüsse machen? Wozu denn? Ja, nun, weil man einfach gerne zu Ende bringt, was man angefangen hat, und das gilt nicht zuletzt für Revolutionen. – S. 67

Sind die letzten Tage des Patriarchats bereits angebrochen? Wenn es nach Margarete Stokowski geht: Ja! Nur leider ist weder abzusehen, wie viele Tage da noch auf uns zu kommen, noch wie viele Male wir Themen diskutieren müssen, die eigentlich keiner Diskussion mehr würdig sind. Die Gleichberechtigung aller (!) Menschen kann nicht von heute auf morgen gelingen. Schließlich handelt es sich dabei um den gesamtgesellschaftlichen Wandel eines Systems, das sich nicht so gern verändern lassen will. Positive Veränderungen gibt es aber dennoch: Das Sexualstrafrecht wurde verschärft, die “Ehe für Alle” eingeführt und die Pille danach rezeptfrei gemacht. Die heftigen Backlashes, die sich an diesen Themen nachverfolgen lassen (die AfD will beispielsweise die “Ehe für Alle” wieder abschaffen), zeugen davon, dass diese Veränderungen wichtig sind und gesellschaftsverändernd wirken.

Ich schreibe diesen Test am 30. Todestag von Simone de Beauvoire. 1949 erschien ihr Buch Das andere Geschlecht. Es endet mit der Feststellung, dass Menschen nur frei sind, wenn sie einander als Subjekte anerkennen können, unabhängig von ihrem Geschlecht. Das ist natürlich schwierig, wenn man daran gewöhnt ist, die Körperteile eines Geschlechts überall als Deko rumhängen zu sehen. Wer Deko ist, ist Objekt. Denn Brüste sind so toll – aber sie sind zu toll, um bloßes Dekomaterial zu sein für irgendwelche Trottel, die zu blöd sind, sich kreative Werbung auszudenken. – S. 149

Margarete Stokowski liebt die provokante Auseinandersetzung mit aktuellen Debatten, die manchmal vielleicht etwas rotzig daherkommt, aber argumentativ und an Humor unschlagbar ist. Sie beschäftigt sich mit Pornographie, Rassismus, Medienkritik und Frauenkörpern, mit #MeToo, der Kölner Silvesternacht und der Missachtung von Elena Ferrantes Privatsphäre. Dabei nimmt sie mit Vorliebe Aussagen von Politiker*innen und Kolleg*innen auseinander. Darunter zum Beispiel Jens Jessens ZEIT-Artikel “Der bedrohte Mann”, in dem der Journalist mal eben feministische Rhetorik mit bolschewistischen Schauprozessen vergleicht. Obwohl sich einige Kolumnen inhaltlich überschneiden, wird das Lesen nie langweilig. Denn die Texte sind nicht nur unterhaltsame Lehreinheiten über den modernen Feminismus, sondern auch Zeitdokumente auf dem Weg zur Gleichberechtigung. Der allerletzte Tag des Patriarchats kann nun gerne anbrechen.

 

Über die Autorin

Margarete Stokowski (*1986) ist eine deutsche Journalistin und Schriftstellerin polnischer Herkunft. 2014 schloss sie ihr Studium der Philosophie und Sozialwissenschaften an der Friedrich-Humboldt-Universität Berlin ab. Sie schreibt für verschiedene Zeitungen und Magazine. Seit 2015 erscheint ihre wöchentliche Kolumne „Oben und unten“ bei Spiegel Online. Ihr 2016 erschienenes DEbüt „Untenrum frei“ wird als Standardwerk des Feminismus beschrieben.

 

Margarete Stokowski: Die letzten Tage des Patriarchats. Rowohlt Verlag 2018. 320 Seiten. 20 €.

1 Kommentar
0

Das könnte dir auch gefallen

1 Kommentar

Ein Monat in Büchern | Mai 2019 – Wortkulisse 22. Juli 2019 - 17:23

[…] […]

Reply

Hinterlasse einen Kommentar

*

* Mit der Nutzung dieser Anwendung stimmst du der Speicherung und dem Gebrauch deiner Daten durch diese Webseite zu.