Wer bist du gewesen? | “Erinnerung eines Mädchens” von Annie Ernaux (2018)

von Cora
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Im Sommer 1958 hofft die junge Annie Ernaux auf ein Liebesabenteuer und die vollkommene Freiheit. Doch stattdessen wird sie von dem Mann, in den sie sich verliebt hat, vergewaltigt. 50 Jahre später erinnert sich Annie Ernaux in einem beeindruckend Buch über sexuelle Scham und männliche Dominanz an das Mädchen von damals zurück.

Annie Ernaux blickt auf das Jahr 1958 zurück: Ehrlich und ohne die unschönen Details auszublenden erforscht sie das unerfahrene und naive Mädchen, das sie damals war. Ein Mädchen, das sie bis heute nicht vergessen kann. Annie Duchesne, wie Annie Ernaux damals hieß, wird im Sommer 1958 achtzehn Jahre alt. Nachdem sie als junges Mädchen unter der Obhut ihrer streng katholischen Eltern aus der Arbeiterschicht vor allem in der Welt der Bücher gelebt hat, verreist sie nun zum ersten Mal allein. Sie arbeitet als Betreuerin in einer Ferienkolonie. Ihr Traum der Freiheit scheint sich dadurch endlich zu erfüllen. Denn Annie Duchesne wünscht sich nichts sehnlicher als ein Liebesabenteuer zu erleben – genauso wie sie es in ihren Büchern gelesen hat.

Es gibt Menschen, die überwältigt werden von der Gegenwart anderer, von ihrer Art zu sprechen, die Beine übereinanderzuschlagen, eine Zigarette anzuzünden. Die gebannt sind von ihrer Präsenz. Eines Tages, vielmehr eines Nachts, werden sie mitgerissen vom Begehren und Willen eines anderen, eines Einzigen. Was sie zu sein glauben, verschwindet. Sie lösen sich auf und sehen ein Abbild ihrer selbst handeln, gehorchen, erfasst vom unbekannten Lauf der Dinge. – S. 9

Angekommen in der Ferienkolonie verliebt sich Annie Duchesne in einen anderen Betreuer. Als dieser sie auf einer Party küsst, kann Annie ihr Glück kaum fassen. Doch dann vergewaltigt er sie. Sie lässt sich „von seinem Begehren”, von “einem universellen Gesetz, dem Gesetz der wilden Männlichkeit” unterwerfen. Die Rollenbilder der 50er Jahre sind fest in ihrem Kopf verankert – bis zur sexuellen Revolution in den 60ern sollen noch einige Jahre vergehen. Und auch die Reflektion dieser Nacht und die Erkenntnis, was damals passiert ist, wird Annie Ernaux erst Jahrzehnte später bewusst. Dennoch merkt sie bereits damals, dass diese Nacht ganz anders verlief, als sie es sich auf Grundlage ihrer geliebten Bücher und Schlagersongs vorgestellt hatte. Denn sie werden kein Liebespaar und obwohl dieser Mann Annie Duchesne verspottet und vor den anderen Betreuer*innen demütigt, sind ihre Gefühle und Gedanken noch lange nach der Ferienzeit von ihm eingenommen.

Die chronische Reihenfolge kann ich nur beschreiben, indem ich von einem Bild zum nächsten springe, von einer Szene zur nächsten, Szenen, deren reale Dauer ein paar Minuten oder sogar Sekunden nicht überschritten haben kann, die aber aufgebläht sind, als hätte die Erinnerung ihnen jedes Mal, wenn ich daran zurückgedacht habe, etwas hinzugefügt. – S. 49

Unermüdlich kreist Annie Ernaux um das Mädchen von 1958: Selbstreflektierend und kompromisslos versucht sie aus ihren Erinnerungen und dem Erlebten die Wahrheit herauszukristallisieren. Das Mädchen von damals zu “dekonstruieren”. Ihre Erlebnisse, die eingebettet sind in die Geschehnisse der 50er Jahre – Algerien-Krieg, Charles de Gaulle wird Präsident der Fünften Republik -, sind wiederum umrahmt von Annie Ernauxs Schreibprozess. Wie von etwas schreiben, dass über 50 Jahre her ist? Wie sich einem Menschen annähern, der heute lange nicht mehr existiert? Annie Ernaux trennt klar ihr „ich“ der Gegenwart von dem „sie“ der Vergangenheit. Zwischen analysierender Distanz und erlebter Nähe entsteht damit eine einnehmende Dynamik, die das Ringen der Autorin mit sich selbst und dem Erlebten deutlich macht. Dadurch gelingt es ihr, zu tief verborgenen Erinnerungen und schambehafteten, schmerzhaften Gefühlen vorzudringen – und sie sachlich, aber gleichzeitig poetisch zu durchdringen. So schafft sie mit „Erinnerung eines Mädchens“ ein ehrliches, tiefberührendes Buch über sexuelle Scham, männliche Dominanz und die Veränderungen, die ein Mensch in seinem Leben durchläuft.

 

Über die Autorin

Die französische Schriftstellerin Annie Ernaux (*1940) publizierte 1974 ihren ersten Roman “Les Armoires vides”. Es folgten zahlreiche weitere autobiographische Werke und Preise. Die Autorin sieht sich als “Ethnologin ihrer selbst”, die ihre Herkunft aus dem Arbeitermilieu literarisch aufarbeitet. Während sie in Frankreich eine literarische Ikone ist, wird sie in Deutschland seit 2018 neu entdeckt.

 

Annie Ernaux: Erinnerung eines Mädchens. Aus dem Französischen von Sonja Finck. Suhrkamp, 2018. 163 Seiten. 20 €.

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