Das Schreiben als Lebensretter | “Alles, was passiert ist” von Yrsa Daley-Ward (2019)

von Cora
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Yrsa Daley-Ward hat in ihrem jungen Leben mehr erlebt, als erlebt werden sollte. In ihrer Autobiographie “Alles, was passiert ist” zeichnet sie poetisch ihren Lebenweg nach und zeigt, wie ihr Bruder und das Schreiben sie schließlich retten konnten.

Yrsa Daley-Ward beginnt ihre Lebensgeschichte mit einem Einhorn und lässt sie mit Magie enden. Dazwischen spielt sich Grausames, Überwältigendes und Wunderbares ab: Als sie zehn Jahre alt ist, sitzt Yrsa gemeinsam mit ihrem kleinen Bruder im Nordwesten Englands in einem Garten und beobachtet ein Einhorn. Sie sehen ihm dabei zu, wie es seine majestätischen Runden durch den Garten schreitet und schließlich in einem Rosenstrauch verschwindet. Sie sind fest davon überzeugt, dass es sich dabei nicht um einen Traum handeln konnte, auch wenn die Erwachsenen nichts davon mitbekommen hatten. Ihr Stiefvater Linford schlug mit der Faust gegen das Schlafzimmerfenster ihrer Mutter. Er brüllte sie an, sie rief die Polizei. Am nächsten Abend lag sie gemeinsam im gleichen Bett. Yrsa konnte Linfords furchteinflößendes Schnarchen durch die Wände hören.

“Lies mir vor, sagte Mummy oft…
und was haben wir gelesen, sie und ich. Wir haben gelesen wir verrückt. Von Anfang an.
Warme, satte Welten
mit Marienkäfern und Papageientauchern auf dem Rücken.
Bergigkühle Weitewasserwelten. – S. 17

Yrsa wächst in zwei Welten auf. Zunächst bei ihrer Mutter Marcia, einer wunderschönen jamaikanischen Frau, deren leichte und lebenshungrige Art von Yrsa und Roo vergöttert wird. Dabei hat sie wenig Zeit und noch weniger Aufmerksamkeit für die Kinder. Ihren Vater – einen nigerianischen Prinzen, wie die Mutter erzählt – lernt Yrsa nie kennen. “Dad” nennt sie hingegen Linford, Freund ihrer Mutter und Vater von Little Roo, einen gewalttätigen und jähzornigen Mann, mit dem man Spaß, aber noch viel mehr Ärger haben konnte. Die zweite Welt ist das Zuhause ihrer Großeltern. Als strenggläubige Sieben-Tages-Adventisten, kümmern sie sich um Yrsa und Roo, nehmen ihnen aber auch jede Freiheit. Marcia schickt die beiden Kinder zu ihnen, als Yrsa in die Pubertät kommt. Sie entwickelt sich früh und Marcia vertraut Linford im Umgang mit ihrer Tochter nicht. Früh kommt Yrsa zu der Überzeugung, dass in Schönheit Macht liegt. Durch ihr Aussehen gelingt ihr schließlich der Ausbruch aus diesen beiden Welten der Vernachlässigung und Bevormundung. Ihr Weg führt sie nach Manchester, London und schließlich Südafrika. Sie möchte Model sein.

“Irgendwann
pfeifen dir zwei Bauarbeiter hinterher.
‘Hey Sexy!’
‘Na du Hübsche!’
Du hast so was
noch nie gefühlt,
so ein Kribbeln, so ein Leuchten.
Macht und Angst. – S. 97

Yrsa Daley-Ward ist erst dreißig Jahre alt und dennoch enthält ihr Leben mehr Schreckliches, als ein einzelner Mensch jemals erleben sollte: Auf ihrer Suche nach Freiheit gerät die junge Frau an die falschen Männer. Sie rutscht in die Prostitution ab, unterdrückt ihre Angst mit Alkohol und Drogen. Je weiter sie von Zuhause flieht, desto mehr scheint sie sich zu verlieren. Zurück ins Leben findet sie erst durch ihren Bruder und eine Reise nach Südafrika. Dort entdeckt sie die Spoken Word Poetry für sich. Ihr erster Gedichtband “Bone” wird zu einem Riesenerfolg. Zurecht: Denn Yrsa Daley-Ward kann mit Wörtern umgehen. Experimentierfreudig, aber immer stilsicher schreibt sie mal eindrückliche Vignetten, mal rhythmische Verse und dann wieder realistische Prosa. Während der Inhalt von “Alles, was passiert ist” erschreckt, fasziniert die Sprachkunst. Die allesbeherrschende Frage während des Lesens: Warum so und nicht anders? Verändert oder bestärkt die Form die Botschaft des Textes? Yrsa Daley-Ward schreibt von Identität, Rassismus und mentaler Gesundheit, von Weiblichkeit und Sexualität. “Alles, was passiert ist” zu lesen, ist manchmal brutal, manchmal verwirrend und manchmal faszinierend. Aber vor allem, ist es das Lesen wert.

 

Mein Dank geht an Blumenbar für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

 

Über die Autorin

Die britische Feministin, Dichterin und Schriftstellerin Yrsa Daley-Ward (*1989) wurde als Tochter einer Jamaikanerin und eines Nigerianers in England geboren. Mit Anfang zwanzig ging sie nach Südafrika, wo sie erstmals Aufmerksamkeit mit ihren Gedichten erlangte. Auf Instagram und Twitter teilt sie ihre Erlebnisse und Gedichte. Die Autobiographie “Alles, was passiert ist” ist ihr erstes Buch auf Deutsch. Heute lebt sie in London und Los Angeles.

Hier könnt ihr euch den TedTalk von Yrsa Daley-Ward ansehen:

 

Daley-Ward, Yrsa: Alles, was passiert ist. Aus dem Englischen von Gregor Runge. Blumenbar, 2019. 240 Seiten. 20 €.

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