Von Zufälligkeiten und Schicksalhaftem | “Das rote Notizbuch” von Paul Auster

von Cora
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Seit 2018 liegt Paul Austers “Das rote Notizbuch” in vollständiger Fassung auf Deutsch vor. Paul Auster zeigt darin seine Faszination für verrückte Zufälle und welch große Bedeutung diese für unsere Leben haben.

1996 ist “The Red Notebook” – so der Originaltitel – bereits schon einmal in deutscher Übersetzung erschienen. Erst seit vergangenem Jahr aber liegt “Das rote Notizbuch” in vollständiger Fassung auf Deutsch vor, übersetzt von Werner Schmitz und erweitert um die drei Teile “Warum schreiben”, “Unfallbericht” und “It don’t mean a thing”, die in der deutschen Erstausgabe fehlten. “Das rote Notizbuch” enthält 25 Geschichten, die in ihrer Handlung phantastischer nicht sein könnten. Dennoch entspringen sie der Realität: Es sind Geschichten, die sich in Austers Leben oder den Leben seiner Freunde und Bekannten zugetragen haben und sich durch bemerkenswerte Zufälle und seltsame Überschneidungen auszeichnen.  Verbrannte Zwiebelkuchen und zufällige Besuche reihen sich an fallende Kinder, geplatzte Autoreifen, unbekannte Familienverbindungen und überraschende Wiedersehen. Paul Auster zeigt, wie subjektiv das Erinnern ist und dass aus schlechten Erlebnissen unerwartet etwas Gutes entstehen kann.

Immerhin, dieses eine haben mich die Jahre gelehrt: Wenn man etwas zum Schreiben in der Tasche hat, stehen die Chancen nicht schlecht, dass man sich eines Tages versucht fühlen wird, es auch zu benutzen. Wie ich meinen Kindern gern erzähle, bin ich auf diese Weise zum Schriftsteller geworden. – S. 81

Der Autor nimmt sich dabei zurück und vertraut allein auf die Wirkung des reinen Erzählens. Anstatt sich essayistisch dem Thema der Zufälligkeiten zu nähern, nach dem Warum und Wozu zu fragen und philosophische Fragen über das Schicksal zu erörtern, nähert sich Paul Auster den Ereignissen rein beschreibend an. Ohne rhetorische Fragen, symbolische Aufladungen oder philosophische Ausschweifungen sind die Geschichten bemerkenswert kurz und prägnant, sodass sich der Band mit seinen rund 100 Seiten zunächst einmal sehr schnell durchlesen lässt. Dennoch sollte man nicht durch die Seiten hetzen. Denn hinter den Geschichten verbergen sich Fragen an das Leben, die Paul Auster zwar nicht beantwortet, aber zwischen den Zeilen in die Köpfe seiner Leser*innen streut: Wie zufällig ist das Leben? Gibt es das Schicksal? Ist unser Dasein vorherbestimmt? Haben Menschen einen freien Willen?

Obgleich er normalerweise nicht zu denen gehört, die Fremde ohne weiteres ansprechen war R. von diesem Zufall so verblüfft. dass er nicht schweigen konnte. “Ob Sie’s glauben oder nicht”, sagte er zu der jungen Frau, “nach diesem Buch habe ich überall gesucht.” – S. 29

Und nicht zuletzt: Der schmale Band macht optisch einiges her. Prägeschrift auf dem Cover, Lesebändchen und rotes Vorsatzpapier komplettieren seine bibliophile Gestaltung – er ist eine schöne Erweiterung für jede Auster-Sammlung. Optisch und inhaltlich. Denn er zeigt Paul Austers Faszination für die Zufälligkeiten des Lebens, in denen sich die Mechanik der Realität widerspiegelt, die durch einzelne Ereignisse und zahlreiche Zufälle die komplexen Leben schafft, die wir Menschen nun einmal führen. Verrückte Zufälle passieren eben nicht nur in Büchern.

 

Über den Autor

Der US-amerikanische Autor Paul Auster (*1947) studierte Anglistik und vergleichende Literaturwissenschaften an der Columbia University. Auster verbrachte mehrere Jahre in Frankreich und arbeitete unter anderem als Übersetzer und Englischlehrer. Sein umfangreiches Werk umfasst Romane, Essays, Gedichte und Übersetzungen. Er lebt mit seiner Frau Siri Hustvedt in Brooklyn, New York.

 

Paul Auster: Das rote Notizbuch. Aus dem Englischen von Werner Schmitz. Rororo 2018. 112 Seiten. 15 €.

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