Ein Monat in Büchern | Juni 2019

von Cora
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Nach einem quantitativ schwachen, aber qualitativ starken Mai ging es im Juni lesetechnisch leicht bergauf. Ich hatte wieder mehr Zeit zum Lesen und habe insbesondere die Zeit mit Patti Smith, einer meiner liebsten Künstlerinnen, genossen. “Unerhörte Stimmen” von Elif Shafak hat mich endlich mal wieder aus meiner westeuropäisch-nordamerikanischen Leseblase herausgeholt und mich ins Instanbul der 90er Jahre entführt. Eine unterhaltsame Geschichte mit skurrilen Figuren. Weniger unterhaltsam war dann leider “Vom Ende der Einsamkeit” von Benedict Wells. Ich stehe mit meiner negativen Meinung zu dem Buch, glaube ich, recht alleine da – aber lest unten vielleicht selbst, was ich zu meckern habe. Beendet habe ich den Monat mit “Alles, was passiert ist” von Yrsa Daley-Ward. Yrsa Daley-Ward schafft in ihrer Autobiographie alles, was Benedict Wells in seinem Roman krampfhaft zu versuchen scheint: Tiefe und Sprachkunst.

 

Über die goldfarbenen Titel gelangt ihr wie immer zu den Rezensionen!

 

“M Train. Erinnerungen” von Patti Smith

Das Buchcover von “M Train” – dem zweiten Teil ihrer Memoiren – zeigt Patti Smiths Leben in a Nutshell. Der schwarze Kaffee, den sie literweise trinkt. Die Bücher, die sie verschlingt. Die Fotografien, mit denen sie ihr Leben festhält. Die Erinnerungen, die sie in sich trägt. Das Café ‘Ino ist der Ort, an dem “M Train” beginnt. Patti Smith flüchtet sich nach einem verstörenden Traum dorthin. Bald hängt sie ihren Erinnerungen nach und wir folgen ihr nach Französisch-Guyana, das sie gemeinsam mit ihrem Ehemann Fred Sonic Smith bereist hatte. Es folgen weitere Erinnerungen: Eine Reise nach Japan, nach Deutschland, nach Island, nach Marokko. Dazwischen: Szenen des Alleinseins. Manchmal wird es dabei ganz schön chaotisch, wenn sich Vergangenes und Gegenwärtiges miteinander vermischen, Geträumtes in Erlebtes übergeht. Aber Erinnern geht nun einmal nicht chronologisch. Illustriert wird der Text von Patti Smiths Fotografien: Frida Kahlos Bett, Tolstois Bär, ein silberfarbener Luftballon an Silvester. Obwohl “M Train” als die Fortsetzung von “Just Kids” beschrieben wird, schlägt das Buch eine ganze andere Richtung ein als sein Vorgänger. Es ist ein Buch über das Loslassen. Patti Smith verlor geliebte Menschen, besuchte Gräber berühmter Künstler*innen, vergaß ihren Koffer im Hotelzimmer, ließ ihre Kamera auf einer Bank, Notizbuch und Lieblingsmurakami in einer Flughafentoilette liegen. Doch das ist egal. Denn Patti Smith kehrt immer wieder nach New York zurück. Im Gepäck ihre Erinnerungen. Durchzogen von einer mal zarten, mal erdrückenden Melancholie verbreitet “M Train” ein tiefgreifendes Gefühl der Ruhe. Der Nachhall von “M Train” steht im Gegensatz zu der vor Energie sprudelnden Inspiration von “Just Kids”. Das macht es aber nicht weniger lesenswert!

Patti Smith: M Train. Erinnerungen. Aus dem amerikanischen Englisch von Brigitte Jakobeit. Kiepenheuer&Witsch 2016. 336 Seiten. 19,99 €.

 

“Hingabe” von Patti Smith

2017 veröffentlichte Patti Smith mit über 70 Jahren ihre erste fiktionale Kurzgeschichte. Zwei Jahre später liegt sie nun auch in der deutschen Übersetzung vor: Es ist die Geschichte einer jungen Eiskunstläuferin namens Eugenia. Als ihre Eltern Anfang der 1940er Jahre nach Sibirien deportiert wurden, wurde Eugenia von ihrer Tante gerettet. Das Eiskunstlaufen auf dem nahegelegenen See wird zu ihrer einen großen Leidenschaft und schließlich zur Obsession. Sie ist 16 Jahre alt, als sie eine Liebesbeziehung mit dem mehr als doppelt so alten Kunsthändler Alexander Rifa eingeht. Es ist eine Beziehung voller Missbrauch und Ausnutzung, aus der sich Eugenia schließlich durch die brutalste aller Maßnahmen befreit. Viel spannender als diese Geschichte ist jedoch der Rest des Buches. Die Kurzgeschichte, die nur rund sechzig Seiten des Buches einnimmt, wird von einem Essay umrahmt: Zu Beginn reisen wir gemeinsam mit Patti Smith in das Paris von Patrick Modiano, besuchen Simone Weils Grab in Dublin und Albert Camus Haus in Südfrankreich. Wir erleben den Moment, in dem Patti Smith zu der Geschichte inspiriert wird und den Prozess des Schreibens. Zum Ende hin, widmet sich Patti Smith der alles entscheidenden Frage: Warum muss ich schreiben? “Hingabe” ist wirklich speziell. Nicht nur die Kurzgeschichte, sondern auch die Essays sind voller Pathos (der auch in “M Train” und vor allem in Patti Smiths Musik anklingt, aber von der Autorin vermutlich noch nie so stark ausgelebt wurde wie in ihrem aktuellen Buch). Ich schätze, dass “Hingabe” deshalb nur etwas für wirkliche Fans von Patti Smith ist. Ich habe den Einblick in den Schaffensprozess und das Künstlerinnenleben von Patti Smith sehr genossen. Alle, die weder etwas mit ihrer Musik, noch mit ihren Büchern anfangen können, sollte aber lieber die Finger davon lassen.

Warum schreibe ich? Meine Finger, ein Griffel, malt die Frage in die leere Luft. Ein altes Rätsel, das sich mir seit der Jugend stellt, der Zeit, in der ich mich von den Spielen, Freunden und dem Tal der Liebe entfernte, umrankt von Wörtern, einen Takt außen vor.
Warum schreiben wir? Ein Chor explodiert.
Weil wir nicht nur dahinleben können. – S.120

Patti Smith: Hingabe. Aus dem amerikanischen Englisch von Brigitte Jakobeit. Kiepenheuer&Witsch 2019. 144 Seiten. 18 €.

 

“Unerhörte Stimmen” von Elif Shafak

Eindringlich erzählt Elif Shafak in “Unerhörte Stimmen” von außergewöhnlichen Menschen, die am Rand der Istanbuler Gesellschaft leben: Im November 1990 liegt Tequila Leila tot und misshandelt in einer Mülltonne am Stadtrand von Istanbul. Entsetzt muss sie feststellen, dass ihr Herz nicht mehr schlägt. Noch ehe das Buch beginnt, ist sie bereits verstorben. Doch obwohl ihr Körper nicht mehr arbeitet, ist ihr Gehirn hellwach. Zehn Minuten und 38 Sekunden – solange dauert es, bis das Gehirn nach dem physischen Tod aufhört zu arbeiten. So viel Zeit hat Tequila Leila, um sich an ihr Leben zu erinnern: Es ist das Leben einer jungen Frau, die aus ihrem Elternhaus in Ostanatolien floh, um zwischen den Außenseiter*innen und Andersdenkenden im Istanbul der siebziger und achtziger Jahre Zuflucht zu suchen. Sie erinnert sich an ihre Eltern, Onkel und Tante und schließlich an ihre fünf besten Freund*innen: Sabotage Sinan, Nostalgie Nalan, Jamila, Zaynab122 und Hollywood Humeyra. Elif Shafak macht die gesellschaftlichen Außenseiter*innen zu den Held*innen ihres Romans – jeder Charakter so skurril, jede Geschichte so komplex, dass dahinter eine eigener vielversprechender Roman darauf wartet, entdeckt zu werden. Elif Shafak zeigt, wie bereichernd Vielfalt für eine Gesellschaft sein kann und wie wichtig wahre Freundschaft ist. Wasser ist manchmal eben doch dicker als Blut.

Elif Shafak: Unerhörte Stimmen. Aus dem Englischen von Michaela Grabinger. Kein & Aber, 2019. 432 Seiten. 24 €.
(Rezensionsexemplar)

 

“Vom Ende der Einsamkeit” von Benedict Wells

Nachdem mich “Spinner” – das eigentliche Erstlingswerk von Benedict Wells – auf einer so persönlichen Ebene umgehauen hat, waren meine Erwartungen an “Vom Ende der EInsamkeit” naturgemäß groß. Vielleicht etwas zu groß. Der Roman erzählt die Geschichte der drei Geschwister Jules, Liz und Marty Moreau. Noch als Kinder verlieren sie ihre Eltern durch einen Autounfall. Ihr Leben ändert sich daraufhin radikal. Sie werden aufs Internat geschickt und entwickeln sich schließlich auseinander. Erst als Erwachsene finden sie wieder zusammen, doch nach all den Jahren leiden sie noch immer unter dem Verlust ihrer Eltern. “Vom Ende der Einsamkeit” erzählt aber auch die Liebesgeschichte zwischen Jules und Alva, die im Internat beste Freunde waren und erst viele Jahre später wieder zueinander finden. “Vom Ende der Einsamkeit” ist ein Buch über Trauer, Verlust und die Frage, wie viel Einfluss die Vergangenheit auf unsere Gegenwart hat. Keine Frage: Benedict Wells kann angenehm erzählen. “Vom Ende der Einsamkeit” ist eine berührende Geschichte, die mit vielen Wendungen und leicht stereotypen Figuren aufwartet, denen man nach all dem Pech ein glückliches Ende wünscht. Ich gebe zu, einmal habe ich beim Lesen eine kleine Träne verdrückt. Manchmal bin auch ich empfänglich für ein bisschen kitschige Tragik. Doch hierin steckt eben auch der Haken. Ich hatte das eigentümliche Gefühl, die Geschichte schon einmal gelesen zu haben. Die Wendungen waren zu vorhersehbar, Kapitelenden wurden als winkende Zaunspfähle für die späteren Entwicklungen zweckentfremdet und Sätze mit zunehmendem Pathos angereichert. Benedict Wells scheint in “Vom Ende der Einsamkeit” so sehr um Tiefe bemüht zu sein, dass er immer wieder daran vorbeischrammt. Da kann die Handlung noch so berührend sein, ohne Tiefe und ohne den Mut, erzählerisch etwas Neues zu schaffen, werde ich “Vom Ende der Einsamkeit” schnell und ohne Nachhall vergessen haben. Schade!

Benedict Wells: Vom Ende der Einsamkeit. Diogenes 2018. 368 Seiten. 13 €.

 

“Alles, was passiert ist” von Yrsa Daley-Ward

Yrsa Daley-Ward beginnt ihre Autobiographie mit einem Einhorn und lässt sie mit Magie enden. Dazwischen spielt sich Grausames, Überwältigendes und Wunderbares ab: Yrsa wächst in zwei Welten auf. Zunächst bei ihrer Mutter Marcia, einer wunderschönen jamaikanischen Frau, deren leichte und lebenshungrige Art von Yrsa und Roo vergöttert wird. Dabei hat sie wenig Zeit und noch weniger Aufmerksamkeit für die Kinder. Die zweite Welt ist das Zuhause ihrer Großeltern. Als strenggläubige Sieben-Tages-Adventisten, kümmern sie sich um Yrsa und Roo, nehmen ihnen aber auch jede Freiheit. Früh kommt Yrsa zu der Überzeugung, dass in Schönheit Macht liegt. Ihr gelingt der Ausbruch aus diesen beiden Welten der Vernachlässigung und Bevormundung. Ihr Weg führt sie nach Manchester, London und schließlich Südafrika. Doch je weiter sie von Zuhause flieht, desto mehr scheint sie sich zu verlieren. Experimentierfreudig, aber immer stilsicher schreibt Yrsa Daley-Ward mal eindrückliche Vignetten, mal rhythmische Verse und dann wieder realistische Prosa. Während der Inhalt von “Alles, was passiert ist” erschreckt, fasziniert die Sprachkunst. Die allesbeherrschende Frage während des Lesens: Warum so und nicht anders? Verändert oder bestärkt die Form die Botschaft des Textes? Yrsa Daley-Ward schreibt von Identität, Rassismus und mentaler Gesundheit, von Weiblichkeit und Sexualität. “Alles, was passiert ist” zu lesen, ist manchmal brutal, manchmal verwirrend und manchmal faszinierend. Aber vor allem, ist es das Lesen wert.

Daley-Ward, Yrsa: Alles, was passiert ist. Aus dem Englischen von Gregor Runge. Blumenbar, 2019. 240 Seiten. 20 €.
(Rezensionsexemplar)

 

Mein aktuelles Buch: “Wenn Gefühle auf Worte treffen: Ein Gespräch mit Elisabeth Bronfen” von Siri Hustvedt und Elisabeth Bronfen

 

Auf Instagram @wortkulisse

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Kate 26. August 2019 - 16:23

Hallöchen,
“Unerhörte Stimmen” klingt so grausam und so unglaublich spannend zugleich. Ein Buch aus der Sicht einer Fast-Toten zu schreiben finde ich sehr düster, aber was erzählt wird, klingt sehr gut. Das Buch landet jetzt jedenfalls auf meiner Wunschliste 🙂
Mir hat “Vom Ende der Einsamkeit” sehr gut gefallen. Es war mein erstes Buch von Benedict Wells und ich hatte überhaupt nicht erwartet, dass es mir so gut gefallen würde. Aber ich kann deine Kritik irgendwie auch verstehen. Ich habe es zwar nicht so empfunden, aber es hätte tatsächlich mehr Tiefe sein können. Wenn dir “Spinner” so gut gefallen hat, werde ich mir das mal genauer anschauen. Ich wollte sowieso längst wieder etwas von Wells lesen, aber die meisten seiner Bücher sprechen mich auf den ersten Blick gar nicht so an.
Schöne Woche!
Liebste Grüße, Kate

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